Schweizer Sekte sammelt Daten von deutschen Politikern

Die «Organische Christus-Generation» mit Sitz in der Schweiz erfasste bayerische Politiker in Freundes- und Feindeslisten.

Das Weltbild der Schweizer Sekte «Organische Christus-Generation» (OCG) ist krud: Ihr Gründer Ivo Sasek lässt sich in radikalen Predigten als «wahrer Theologe» bezeichnen und stellt Kritik an seinen Worten als Kritik an Gott oder als Hetze und Verschwörung dar. Sasek glaubt an das baldige Ende der Welt, verknüpft Bibeltexte mit Fake-News und empfiehlt körperliche Gewalt als biblisch begründetes Erziehungsmittel. Die Sekte misstraut staatlichen Institutionen und Behörden, lehnt gesetzliche Impfungen, Abtreibungen, Sexualkundeunterricht und wissenschaftliche Pädagogikkonzepte ab und nutzt digitale Medien zu Vernetzungs- und Propagandazwecken.

Von der Schweiz aus leitet der gelernte Automechaniker Sasek ein eigenes Medienimperium, durch welches Fake-News und immer wieder auch antisemitische und geschichtsrevisionistische Inhalte verbreitet werden. Die «Organische Christus-Generation» ist allerdings nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Deutschland aktiv. So zum Beispiel in Bayern, wo Sekten-Mitglieder Feindes- und Freundeslisten von Politikerinnen und Politikern erstellt haben, wie der «Bayerische Rundfunk» (BR) berichtete.

Daten zur Lobbyarbeit
Die Listen zeigen, wie Mitglieder der Sekte Politikerinnen und Politiker in insgesamt fünf Kategorien einteilen, «damit bis zum nächsten Gesamttreffen klar ist, wer Feind und Freund ist». Die Politikerinnen und Politiker werden dabei nicht nur nach ihrer Mitgliedschaft im Parlament oder nach der Zugehörigkeit in Vereinen und Organisationen erfasst, sondern auch nach Attributen wie «unbefangen», «naiv», «gut bürgerlich» oder «Gutmensch» klassiert. Daneben stehen Bemerkungen der Sekten-Mitglieder: «typischer Politiker, sehr katholisch, hohe ethisch-moralische Werte». Oder: «vertritt sehr linke Positionen».

Sasek hatte bereits 2011 in einer Predigt gefordert, Journalistinnen und Journalisten auszuforschen: «Was ist ihre – vielleicht Rasse –, ich weiss nicht, von was spricht man hier? Einfach, was ist ihre Abkunft, ihre Abstammung genau. (…) Welcher sexuellen Orientierung gehören sie an? Das möchte ich wissen. Ist der für Gender, ist der homosexuell, ist der pädophil, Sodomist?».

Fabian Mehring, Abgeordneter im Bayerischen Landtag (Freie Wähler), sagt gegenüber BR: «Ich will als Politiker auf keiner Freundes- und Feindesliste einer sektenartigen Bewegung stehen, die mich nach Rasse und irgendwelchen Zugehörigkeiten zu Landsmannschaften rastert.» Mehring fordert das deutsche Innenministerium dazu auf, sich ein klares Bild von der Gruppe zu machen. Nicht nur wegen den Listen, sondern auch wegen den Inhalten, die die Sekte verbreitet.

Extrem rechte und antisemitische Inhalte
In der BR-Reportage kommt mit Claudia Müller auch eine ausgestiegene Anhängerin der «Organischen Christus-Generation» zu Wort. Müller redigierte und schrieb Texte für die Medien der Sekte. Es sei kein glückliches Leben in der OCG, sagt sie. Auch sie habe die Sicht geteilt, wonach das Leben «draussen» böse und schrecklich sei und dass böse Mächte am Werk seien, die Politikerinnen und Politiker lenken würden und die Medien in der Hand hätten.

Dass die OCG mit ihren Theorien an Positionen der extremen Rechten anknüpft und diesen Tür und Tor öffnet, wollte Müller lange nicht wahrhaben. Trotz der eindeutigen Hinweise. So verbreitete zum Beispiel einer der Medienkanäle der Sekte die These, dass «die Juden» Deutschland 1933 den Krieg erklärt hätten. Auf der entsprechenden Homepage gibt es einen Link zu einem Verein, der vom deutschen Verfassungsschutz beobachtet wird. Und obwohl er seinen Zuhörerinnen und Zuhörern empfiehlt, ihre Einschätzung von Adolf Hitler zu überprüfen und «Mein Kampf» als Kuschellektüre darstellt, wehrte sich Sasek in der Vergangenheit gegen den Vorwurf, ein Antisemit zu sein.

Aufgemerkt habe sie einzig, als Sasek Hitler als Apostel dargestellt habe, der nur wenig unter Christus stehe, sagt Müller. «Aber ich bin dagegen nicht aufgestanden». Kritik an der inneren Lehre der Organisation sei ein absolutes No-Go. Das Fazit von Sektenaussteigerin Müller: «Die freiheitlich-demokratische Grundordnung und die Meinungsfreiheit werden benutzt, um eine totalitäre Herrschaft voranzutreiben und unsägliche Feindbilder zu erschaffen.»

Aussteiger berichten von schweren Gewalterfahrungen
Im August 2018 berichtete eine andere Aussteigerin, wie sie bis ins Teenageralter für kleinste Fehler immer wieder bestraft und geschlagen worden sei. Man habe versucht, ihren Willen zu brechen. Aussenkontakte seien minimiert worden. Gehirnwäsche, gegenseitige Kontrolle, Indoktrinierung und Einschüchterung würden das Leben innerhalb der Gruppe dominieren. Auch weitere Aussteiger berichteten von schweren Gewalterfahrungen.

Das passt zur «Erziehungslehre», die Sasek verbreitet. Für Sasek ist körperliche Gewalt ein notwendiges und biblisch begründetes Erziehungsmittel. Eltern könnten bei Kindern keinen guten Willen voraussetzen, ihr Eigenwille müsse gebrochen werden. Undank, Unzufriedenheit oder Lustlosigkeit sollen mit Verzicht oder Arrest bestraft werden, bei Widerstand solle den Kindern mit einer Bambusrute auf das Gesäss geschlagen werden – bis hin zu blutigen Striemen. Sasek selbst wurde zweimal wegen Kindesmisshandlung angezeigt, beide Male wurden die Ermittlungen eingestellt. Im Jahr 2000 veröffentlichten drei seiner damals minderjährigen Kinder das Buch «Mama, bitte züchtige mich!».

Eigenes Medienimperium
Ivo Sasek gründete die OCG im Jahr 1999. Die Sekte hat ihren Hauptsitz in Walzenhausen im Kanton Appenzell-Ausserrhoden und soll im deutschsprachigen Raum aus 2000 bis 3000 Mitgliedern bestehen. Trotz der relativ kleinen Mitgliederzahlen erreicht die Sekte mit ihren Botschaften, die sie hauptsächlich über das Internet und in eigenen Printmedien verbreitet, weit mehr Menschen. Von der Schweiz aus leite Sasek ein «kaum überschaubares Netz von Organisationen und Medienerzeugnissen, das seine politische Mission in die Welt hinaussendet», schrieb die Wochenzeitung (WOZ) 2014.

Schon vor der Gründung der OCG hatte Sasek 1997 einen eigenen Verlag gegründet. Zusammen mit seinen Anhängerinnen und Anhängern produziert er zahlreiche Flugblätter, Broschüren, Audiofiles und DVDs, in denen Verschwörungstheorien verbreitet und gegen die «Mainstream-Medien» Stimmung gemacht wird. Zusätzlich drehte er einige Filme, die er über seinen eigenen Filmverleih als moralische Lebenshilfen für Ehen und Familien bewarb. Auf zahlreichen Internetseiten wehren sich Sasek und seine Anhängerinnen und Anhänger gegen die angeblichen Diffamierungen in den herkömmlichen Medien.

Propaganda für die Jugend
Als wichtigstes Sprachrohr der Sekte dient der Onlinesender «klagemauer.tv»: In einem professionell aufgemachten Studio verliest eine Sprecherin «Nachrichten», welche die «Mainstream-Medien» angeblich unterdrücken: Antisemitische Theorien zum 11. September 2001, die antisemitische Theorie eines Finanzjudentums, Unwahrheiten über Flüchtlingsbewegungen nach Europa und über den Klimawandel, die Ausstrahlung eines neonazistischen Propagandafilms. Alles ist dabei, die professionelle Aufmachung soll der verkündeten «Wahrheit» Gewicht verleihen.

Ähnlich kommt Saseks Jugendsender «Jugend-TV» daher. Der einzige Unterschied sind die acht- bis zwanzigjährigen Sprecherinnen und Sprecher, die meist aus OCG-Familien stammen. Auch hier wird antisemitische wie auch homophobe Propaganda verbreitet – in kindgerechter Sprache. Der «Stern» schrieb dazu: «Das Online-Format ‹Jugend-TV› sendet täglich Judenhetze, Verschwörungen und homophobe Wirrungen. Dahinter steckt ein selbsternannter Prediger mit rechts-konservativem Gedankengut.»

Der Verein Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter (FSM) stufte «Jugend-TV» als Gefahr für Kinder und Jugendliche ein, weil der Sender Theorien zu angeblichen Verschwörungen wie Jugendnachrichten präsentiere, durch direkte Ansprache einen Bezug zur kindlichen Lebenswelt herstelle und durch einen Appellcharakter «sozialethische Desorientierung» bewirke. Die Bayerische Landeszentrale für neue Medien erklärte 2016, sie könne rechtlich nicht gegen von Schweizer Servern ausgestrahlte Sendungen vorgehen.

Illustre Gäste bei «Anti-Zensur-Koalition»
Im Jahr 2008 hatte Sasek die «Anti-Zensur-Koalition» (AZK) gegründet. Laut Eigendefinition ist der Anlass «Europas grösste Plattform für unzensurierte Information». Neben Beiträgen zur «neuen germanischen Medizin» zu Chemtrails, zum angeblichen Weltjudentum, zum angeblich bevorstehenden Dritten Weltkrieg, zur angeblichen Frühsexualisierung von Kindern in Schulen und zur sexuellen Revolution als pädophile Verschwörung, traten zum Beispiel ein Vertreter von Scientology, Holocaustleugner, ein rechtsextremer Filmemacher, Geschichtsrevisionisten, ein Verehrer des Nationalsozialismus sowie der ehemalige Chefredakteur eines rechtspopulistischen Magazins auf.

Auch der Schweizer Historiker und Publizist Daniele Ganser nahm als Referent teil. Ebenso die SVP-Politiker Luzi Stamm und Ulrich Schlüer sowie der ehemalige SVP-Politiker Olivier Kessler. Sektenexperte Hugo Stamm kritisierte solche Politikerauftritte gegenüber «SRF» als unverantwortliche Legitimation und Verharmlosung von Saseks Sekte und seinen Theorien.

Zum Infosperber-Dossier:

Toleranz gegenüber Fundamentalisten?

Forderungen nach präventiver Überwachung der Bürger, nach Verboten von Waffen oder der Burka stehen im Raum.

2 Meinungen

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    am 19.Feb.2020 um 1:03 pm
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    Schade setzt sich dieser Artikel nur aus Fragmenten der Mainstreampresse zusammen. Die zuletzt genannte AZK (Anti Zensur Koalition) ist eine interessante Plattform, mit Vorträgen, die sich jeder auf Youtube anhören kann. Unter den Rednern gibt es auch den einen oder anderen Infosperber Autor. Ich war nie und werde nie Mitglied der OCG sein und kann daher nicht auf Internas zurückgreifen. Ich habe mir 1 oder 2 «Predigten» von Sasek auf Youtube angehört. Grundsätzlich spricht er von Friede und Liebe – eigentlich die Themen der Bibel. Dass er sie mit politischen Aktualitäten verknüpft macht es eher interessanter als die Predigten in Landes- und Freikirchen. Gerade weil Hugo Stamm sich seit Jahren auf die OCG und Sasek eingeschossen hat und kaum mehr ausgewogen berichtet, wäre eine gründliche Recherche seitens Infosperber wünschenswert gewesen. Negatives hättet ihr wahrscheinlich gefunden, sicherlich auch Positives…

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    am 19.Feb.2020 um 12:56 pm
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    Von diesen Vorwürfen las ich bereits vor geraumer Zeit. Inzwischen, meine ich gehört zu haben, sollen sich diese Vorwürfe, weil unsubstantuiert, in Luft aufgelöst haben. Wenn also der Autor belastbare Infos neueren Datums hat, bitte ich sehr darum, mir diese verfügbar zu machen. Danke.

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