Football-Leaks: Anklage gegen Whistleblower wegen 90 Vergehen

Der Informant hinter den Football Leaks soll wegen 90 Vergehen angeklagt werden. Ihm drohen bis zu 25 Jahren Gefängnis.

Rui Pinto, der portugiesische Informant hinter den sogenannten Football-Leaks, wird in Portugal vor Gericht gezogen. Noch in diesem Jahr soll ihm wegen insgesamt neunzig Vergehen der Prozess gemacht werden. Damit reduzierte die Ermittlungsrichterin Cláudia Pina die Zahl der Anklagepunkte, die Staatsanwaltschaft hatte Pinto zunächst 147 Straftaten zur Last gelegt. Sie warf dem 31-Jährigen unter anderem vor, in Mailserver eingebrochen zu sein und sensible Daten entwendet zu haben.

Obwohl er die dunkle Seite des Fussballgeschäfts in einem nie dagewesenen Ausmass offenbart hatte und dafür zum Beispiel mit dem GUE/NGL Award «Journalists, Whistleblowers & Defenders of the Right to Information» ausgezeichnet wurde, drohen Pinto im schlimmsten Fall bis zu 25 Jahren Gefängnis. Und Pinto droht weiteres Ungemach: Laut der portugiesischen Zeitung «Sabado» ermittelt die Staatsanwaltschaft aktuell zu weiteren Hacking-Vorwürfen, die ein noch umfangreicheres Verfahren nach sich ziehen könnten.

«Spitzenfussball ist hochkorrupt»
Als Pinto am 17. Januar den Gerichtssaal in Lissabon betritt, ist er in Handschellen gefesselt und wird von sieben bewaffneten Wachen umringt. Der Whistleblower, der nach eigener Aussage den Fussballfans offenbaren wollte, zu welchem hochkorrupten System sich der Spitzenfussball entwickelt habe, outete sich Anfang 2019 in einem Spiegel-Interview selbst als Informant hinter den Football-Leaks. Daraufhin wurde er in Budapest festgenommen. Seitdem rechnet der Informant hinter dem grössten Fussballleak der Geschichte mit dem Schlimmsten.

Der Mann, der mit seinen Informationen mächtige Verbands- und Klubfunktionäre sowie Fussball-Superstars – also die höchste Ebene des Weltfussballs – arg in Bedrängnis brachte, wird wegen Erpressungsversuch, Computersabotage, einer Reihe von angeblichen Hackerangriffen, unrechtmässigem Datenzugriff und Verletzung des Briefgeheimnisses vor Gericht gestellt. Sein Prozess wird spätestens Ende September 2020 stattfinden.

Die neunzig Straftaten, die Pinto zur Last gelegt werden, könnten ihm nach portugiesischem Recht theoretisch eine Strafe von 25 Jahren Gefängnis einbringen. Zum Vergleich: Der ehemalige portugiesische Banker José Oliveira e Costa, der nach einem grossen Finanzskandal zu fünfzehn Jahren Gefängnis verurteilt wurde, steht derzeit mit einem elektronischen Armband zu Hause unter Hausarrest. Rui Pinto, der bereits seit zehn Monaten inhaftiert ist, bleibt dagegen weiter im Gefängnis.

«Die Welt des Fussballs ist unantastbar»
Das Gericht argumentierte, dass Rui Pinto nicht als Informant betrachtet werden könne, weil seine Handlungen illegal gewesen seien. Das liege vor allem daran, dass die portugiesische und europäische Gesetzgebung keinen Schutz für «externe» Informanten biete, die im Verdacht stehen, sich in Daten gehackt zu haben. Nur Arbeitnehmende, die Daten von ihrem eigenen Arbeitgeber weitergeben würden, seien gesetzlich geschützt.

Seit seiner Auslieferung an Lissabon im März sagt Pinto, dass die Gerichte ihn knüppeln wollen, um das in Portugal sehr mächtige und politische Fussballgeschäft zu schützen. «Die Welt des Fussballs ist unantastbar», sagte er in einem Interview, das er am 20. Dezember dem journalistischen Recherche-Netzwerk European Investigative Collaborations (EIC) gab.

«Niemand kann mehr daran zweifeln, dass die portugiesischen Behörden an der Kriminalisierung von Pinto eifriger arbeiten als an der Verfolgung der kriminellen Netzwerke aus Portugal, die durch die Fussball-Leaks aufgedeckt wurden. Die Asymmetrie ist total», sagte einer von Pintos Anwälten, der Franzose William Bourdon gegenüber «Le Monde». Bourdon bleibt nicht untätig: Er hat den UN-Sonderberichterstatter für Meinungsfreiheit über den Fall informiert und will eine Beschwerde bei der Europäischen Kommission einreichen. Der Prozess von Pinto werde ein grosser Prozess mit erstklassigen Zeugen sein, die beweisen könnten, dass der Beschuldigte ein aussergewöhnlicher Informant sei, so Bourdon.

Schwerster Anklagepunkt: Versuchte Erpressung
Unter anderem wird sich Rui Pinto auch wegen versuchter Erpressung verantworten müssen. 2015 hatte er von der Sportvermarktungsagentur Doyen eine hohe Geldsumme dafür verlangt, damit er Geschäfts-Informationen nicht der Öffentlichkeit übergibt. Nélio Lucas, der Manager von Doyen, verständigte daraufhin die Polizei und ging zum Schein auf Verhandlungen mit einem Anwalt von Pinto ein. Pinto und sein Anwalt zogen sich aber noch vor Abschluss einer Vereinbarung zurück, ohne das Geld geflossen war.

Pinto betonte in der Vergangenheit stets, im öffentlichen Interesse und nicht aus Eigennutz gehandelt zu haben und sagte, er habe testen wollen, wie weit Unternehmen der Fussballindustrie gehen würden, um ihre Geheimnisse zu wahren. Seine Anwälte argumentieren, dass ihr Mandant die Erpressung nicht vollzogen habe und vom Versuch zurückgetreten sei.

Über 3,4 Terabyte Datenmaterial
Football-Leaks ist eine Enthüllungsplattform in Form einer Internetseite, die regelmässig Leaks im Bereich des Profifussballs veröffentlicht. Hinter der Plattform stehen unbekannte Whistleblower aus Portugal, Rui Pinto agiert als deren Sprecher. Anfang 2016 erhielt Spiegel-Reporter Rafael Buschmann Zugang zu 18,6 Millionen Dokumenten, bis im November 2018 wurden ihm insgesamt sogar 70 Millionen Dokumente übergeben. Buschmann teilte die Daten mit dem Norddeutschen Rundfunk (NDR) und dem europäischen Recherche-Netzwerk European Investigative Collaborations.

Als Folge erschienen in Spanien, Italien, Portugal, Österreich, Belgien, Frankreich, Deutschland, in den Niederlanden, in Dänemark, im Vereinten Königreich, in Serbien, Kroatien, Rumänien, Norwegen und in der Schweiz zahlreiche Artikel und Recherchen über Absprachen, Verhandlungen, Steuerhinterziehungs- und Geschäftspraktiken in der Welt des Spitzenfussballs.

Einige skizzenhafte Auszüge von Informationen, die auf der Grundlage der Fussball-Leaks aufgedeckt wurden:

  • Verträge zwischen dem niederländischen Erstligisten FC Twente Enschede und dem Sportrechtvermarkter Doyen Sports. Informationen, dass der Klub gegen Vorschriften für die Zusammenarbeit mit Investoren verstiess;
  • Veröffentlichung von zahlreichen Transfervereinbarungen mitsamt der Transfersumme, die immer wieder zeigten, wie die Öffentlichkeit über die tatsächlichen Höhen von Transfersummen angelogen wurden;
  • Zahlreiche Originalverträge, inklusive geheimer Nebenabsprachen;
  • Zwielichtiges Verhalten von Spitzenfussballern und Spitzentrainern bezüglich der Verrechnung von Steuern. Verfahren aufgrund von Steuerhinterziehungen. Aufdeckung von Briefkastenfirmen von Spielern und Trainern;
  • Planung und Gründung der European Super League, die aus wirtschaftlichen Gründen eine Abspaltung vom Europäischen Fussballverband UEFA plane;
  • Unregelmässigkeiten des Financial Fairplay bei den Klubs Paris Saint-Germain und Manchester City;
  • Fragwürdiger Umgang mit minderjährigen Fussballern aus Entwicklungsländern;
  • Fragwürdiger Umgang mit positivem Dopingtest eines Weltstars;
  • Vorwürfe an FIFA-Präsident Gianni Infantino: Als damaliger UEFA-Generalsekretär habe er Paris St-Germain und Manchester City zu milderen Strafen betreffend des Financial Fairplays verholfen. Er soll Vereinbarungen mit den betroffenen Klubs ausgehandelt und vertrauliche Details aus der Untersuchung weitergegeben, sowie Kompromisse vorgeschlagen haben;
  • Infantino soll Einfluss auf den Ethikcode der UEFA genommen haben;

Die Enthüllungen von Football-Leaks führten zu strafrechtlichen Untersuchungen, die bei weitem noch nicht alle abgeschlossen sind.
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