Rassismus an der Basler Fasnacht?

Böse Ausländer bedrohen ein Schweizer Kind. Eine Völkerschau wie zu Hagenbecks Zeiten. – Spielt die Basler Fasnacht mit Rassismus?

Bei den «Alte Stainlemer» schon. Nun ja, Rassismus ist ein grosses Wort. Fremdenhass wäre treffender. Die Alte Garde der «Alte Stainlemer» geisselte die Überfremdung im Kleinbasel. Die Tambouren traten als karikierte Afrikaner, Türken, Islam-Prediger oder Albaner auf. Auf der Laterne stand: «Was schyyns sich Mänggi wünsche wurde, nit z vyyl Dirgge, Serbe, Kurde.» Das haben sie wohl von den Journis gelernt: nicht selbst etwas sagen, sondern berichten, was selbst erfundene «Mänggi» sagen. Optisch, auf der Laterne, wurde der Umweg über «Mänggi» dann weggelassen:

Laterne der Alten Garde der «Alte Stainlemer»: «Was schyyns sich Mänggi wünsche wurde, nit z vyyl Dirgge, Serbe, Kurde.» (Bild: Felix Schneider)

SVP-Bildsprache! Wen wundert’s? An der Fasnacht drückt sich die Bevölkerung von Basel und Umgebung aus, und die wählt zwar mehrheitlich links-grün-alternativ, aber ein nicht geringer Teil von rund 15 Prozent eben auch SVP. Die Medien – Radio, Fernsehen, Zeitungen – gaben und geben der SVP weit über die Informationspflicht hinaus Raum und Resonanz mit der Ausrede, sie sei die grösste Partei der Schweiz. Wenn aber die Gesinnung, die von der SVP bedient und gefördert wird, an der Fasnacht erscheint, machen dieselben Medien auf Empörung. Das ist heuchlerisch.

Im Unterschied zum Internet ist die Fasnacht wirklich ein soziales Medium, d.h., man muss miteinander auskommen. Und das sorgt für wichtige Debatten. Die Junge Garde und der Stamm der «Alten Stainlemer» distanzierten sich öffentlich von Sujet und Haltung ihrer Alten. Der diesjährige Plakettenkünstler, Tarek Moussalli, Basler mit syrischen Wurzeln, war empört – er ist Mitglied des Stamms der «Alten Stainlemer», sogar deren Sujetkünstler. Besser kann’s eigentlich nicht laufen, als dass solche Debatten entstehen.

Völkerschau der «Bebbi»

Weniger strittig obwohl eigentlich diskussionswürdiger war der Zug der «Bebbi»: Ein grosser Zug, mehr als hundert Leute inszenierten eine Völkerschau. Vorneweg weiss gekleidete Kolonialisten. Hinter ihnen die «Wilden» in Käfigen.



Inszenierung einer Völkerschau: Zug der «Bebbi». (Bilder Felix Schneider)

Den fasnachtsüblichen «Zeedel» haben die «Bebbis» zu einer Broschüre erweitert: Darin erinnern sie, mit deutlichem Basel-Bezug, an die Tradition der Völkerschauen. Sie erwähnen das einst legendäre, heute vergessene Basler Brüderpaar Paul und Kurt Seiler, die von ihren ausgedehnten Afrikareisen allerhand Objekte und lebende Tiere mitbrachten. Mitte der 1940er-Jahre eröffnete Paul Seiler das Café Tropic, in dem er afrikanische Kultgegenstände, Artefakte, Totems, Schrumpfköpfe etc. ausstellte. In die Tische waren Terrarien und Aquarien eingelassen, in denen Schlangen, Echsen, Skorpione, Fische lebten. Später gründeten die Gebrüder Seiler das «Atlantis», das ebenfalls vom afrikanischen Dekor lebte. Drei lebende Alligatoren waren im Lokal zu sehen.
«Uns ist auch nicht wohl dabei»
Auch an die rassistische Hamitentheorie des britischen Afrikaforschers John Hanning Speke (1827–1864) erinnern die «Bebbi». Die Verse auf ihrer Laterne sind voller Skepsis. Sie verkünden ein ums andere Mal: Uns ist auch nicht wohl bei dem Sujet.
In der Tat stellt sich die Frage: Ist diese optisch starke Vergegenwärtigung kolonialer Bilder eine notwendigerweise unangenehme Erinnerung an unsere Vergangenheit oder wird sie eher als genussvolle Wiederbegegnung erlebt?
Ist die Wirkung: Oh Schreck, sowas steckt ins uns! Oder: Endlich darf man mal wieder!
Das Reenactment der «Bebbi» ist vergleichbar mit dem Versuch des deutschen Politikers Philipp Jenninger, der am 10. November 1988 im Deutschen Bundestag zum 50. Jahrestag der Novemberpogrome von 1938 eine Rede hielt, die die Attraktivität des Nationalsozialismus erfahrbar machen wollte – verstanden wurde sie aber als distanzlose, identifikatorische Wiedergabe nationalsozialistischen Gedankenguts. Jenninger musste danach vom Präsidium des Deutschen Bundestages zurücktreten.
Auf ihre Art haben die «Bebbi» auch einen Kommentar geliefert zu der hitzigen Debatte, die letzten Sommer die Gemüter in Basel erregt hatte: Die Guggemuusig-Formationen «Negro-Rhygass» und «Mohrekopf» sahen sich damals wegen ihrer Namen und wegen eines Logos, das die Karikatur eines Afrikaners mit Knochen im Haar zeigt, mit Rassismusvorwürfen konfrontiert. Die «Bebbi» zeigen nun drastisch, wo derlei Bilder und Namen hingehören: in die Tradition des Kolonialismus.

Einen Skandal haben die «Bebbi» mit ihrer Völkerschau zwar nicht ausgelöst. Aber die vom kolonialistischen Blick geprägte Darstellung der Wilden bleibt ambivalent, gefährlich, auf dubiose Art faszinierend.

Zum Infosperber-Dossier:

Ausgrenzung und Integration

Die Bundesverfassung verbietet jegliche Diskriminierung, aber noch ist die Integration aller nicht Realität

2 Meinungen

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    am 21.Mrz.2019 um 10:17 am
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    Warum dieser Aufschrei? Tatsache ist doch, dass in unserem flächenmässig und einwohnerzahlen-mässig kleinen Land mindestens 10 mal zuviele Ausländer leben. Ein Schweizer 45+ hat keine Chance auf einen nichtakademischen Job, weil diese durch «ausländische Fachkräfte» besetzt sind. In welchem Geschäft werden wir noch auf Schwyzerdütsch angesprochen? Das hat doch Plan. Zudem all das mit unseren Sozialgeldern. Bei der IV müssen wir sparen, etc. Und nun sollen Basler Fasnächtler «rassistisch» sein? Ich verstehe gar nichts mehr…. Auf eelchem Planet lebt Ihr denn?!

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    am 19.Mrz.2019 um 10:36 pm
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    Es ist bezeichnend, dass es die Alten Garde, also die Alten der Stainlemer sind, die sich so einen rassistischen Ausrutscher leisteten. Das zeugt doch von einem politischen Verständnis und Einstellung von Vorgestrigen. Das Generationenproblem zeigt sich auch darin, dass sich die Jungen und die «Normalen» Mitglieder sich dagegen wehren. Diese Entgleisung ist nicht zuletzt das Ergebnis einer immer wiederkehrenden fremdenfeindlichen Hetze der SVP. Leute mit persönlichen Problemen kommt das gerade richtig als Blitzableiter. Wie wär’s wenn diese «Alten» mal anfangen selbst zu nach zu denken über ihre Weltanschauung?

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