Mit einer aufwändig inszenierten Pilgerreise wollten die Radiomacher einen Hauch von Abenteuer verbreiten. Das war eher peinlich.

Sommerloch auf Radio SRF

Mit einer aufwändig inszenierten Pilgerreise wollten die Radiomacher einen Hauch von Abenteuer verbreiten. Das war eher peinlich.

In früheren Jahrzehnten tauchte regelmässig das Nessie in den Medienmeldungen auf. Dann wusste man: es ist Sommerloch und die Journalisten müssen sich etwas aus den Fingern saugen. Das sind vergangene Zeiten. Jetzt setzt man auf Inszenierungen oder auf Fantasy-Geschichten. Man schafft Events, die das Publikum bei der Stange halten sollen. Die Sommerserie von Radio SRF huldigt der wieder in Mode gekommenen Faszination an Pilgerreisen und verknüpft sie mit etwas oberflächlicher Spiritualität und Pfadi-Abenteuer. Auch etwas Geschichtsbewusstsein soll dabei vermittelt werden. Doch bei genauem Hinsehen bleibt einzig die mittelalterliche Verkleidung der Pilger und Pilgerinnen und ein leiser Schauer vor dem angeblich entbehrungsreichen Dasein in vergangenen Zeiten übrig.
Anführer der Pilgerreise war der Moderator des Nachtclubs von Radio SRF 1, Ralph Wicki. Seine vier Mitbegleiterinnen und Mitwanderer waren Freiwillige aus dem Publikum, die sich in einer regelrechten Casting-Show profilieren mussten. Zum theatralischen Aufwand gehörte die Vision einer aus der Zeit gefallenen Wanderung ohne Komfort und ohne Handy. Dazu wurden die Etappenziele regelrecht inszeniert. Extra für die Sendung wurde ein kleines Holzhaus gebaut. Als Nachtlager dienten Strohsäcke in einer dunklen Höhle oder in einem engen Kämmerlein oder gar ein verrufenes Turmzimmer in einer alten Burg, in dem Ralph Wicki die Nacht allein verbringen und auf das angebliche Gespenst warten wollte, das dann doch nicht kam. Der morgendliche Kommentar: Wer mit sich im Reinen ist, von dem nehmen Gespenster keine Notiz.

Nun ist es absurd, eine Wanderung quer durch einen Teil der Schweiz aus der Zeit fallen zu lassen. Denn natürlich ist das heutige Leben präsent. Zudem wollte man ja laufend über das Abenteuer berichten, zu diesem Zweck gaben die Pilger Interviews und wurden ausgiebig gefilmt. Und schliesslich sollen ja die Zuhörerinnen und Zuschauer teilnehmen können – natürlich mit technischen Kommunikationsmitteln. Und sie sollen sich einbringen dürfen – natürlich mit Abstimmungen per Internet. Sie konnten bestimmen, ob die Pilger über die Brücke gehen sollten oder nicht doch durchs Wasser waten wie damals, als es noch keine Brücke gab. Und natürlich wollten die Abstimmenden, dass die Gruppe an diesem kalten und regnerischen Tag durchs kalte Birswasser waten sollte. Schadenfreude gehört offensichtlich zu den prickelnden Gefühlen von jenen, die nicht direkt betroffen sind. Spontane Hilfe an die Pilger sollte eher vermieden werden. Auch das gehörte zur Anlage des Events. Sie sollten kein angebotenes Essen oder Trinken annehmen dürfen. Ihre Verpflegung war asketisch, was bei den Zuhörerinnen und Zuhörern – je nach Charakter– Gefühle der Häme oder des Mitleids auslöste.
Das waren offensichtlich die grossen Emotionen dieses Events.
Natürlich gab es noch einige erfreuliche Nebeneffekte: Verschiedene Sendegefässe erhielten ein Thema, das sie während der Sommerflaute beackern konnten – etwa das Ressort Religion. Die Tagesmoderatoren von Radio und Fernsehen – Konvergenz sei Dank – konnten immer wieder auf die Geschichte hinweisen. Zudem wurde ein spezieller Internet-Auftritt eingerichtet, der die Zuschauerinnen und Hörer auf die Website lockte.

Man kann sich aber mit Fug fragen, ob mit solchen Inszenierungen nicht am Publikum vorbei produziert und die Hörerinnen und Zuschauer für dumm verkauft werden. Vielleicht hätte man das Sommerloch besser Loch sein lassen.

Zum Infosperber-Dossier:

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4 Meinungen

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    am 17.Aug.2017 um 9:53 pm
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    Zur oben geschriebenen Aussage von Fr. Stibler: «Zudem wurde ein spezieller Internet-Auftritt eingerichtet, der die Zuschauerinnen und Hörer auf die Website lockte."
    Gerne mache ich darauf aufmerksam, dass dieser Internet-Auftritt nicht vom Radio oder Fernsehen SRF eingerichtet wurde.
    Ich habe auf meiner privat betriebenen Info-Seite zum Pilgern «https://www.pilgern.ch» selbst einen Hinweis unter ‚News‘ zur Radiosendung verfasst.
    Ich war gespannt darauf, wie dieses Projekt umgesetzt wird. Dass im Zeitraum der Pilgerreise einige gute Beiträge zum Pilgern damals und heute in verschiedenen Medien erschienen sind, fand ich positiv.
    Natürlich beisst sich die Grundidee, wie im Mittelalter zu pilgern und gleichzeitig fotografiert, gefilmt und interviewt zu werden.
    Aber lieber eine solche Sendung über mehrere Tage als eine Anhäufung von Meldungen über Katastrophen, Kriege, Terror und Unfälle.
    Wer weiss, vielleicht hat die Sendung die eine oder den anderen dazu animiert, selbst auf Pilgerreise zu gehen – was dann nochmals positiv zu werten wäre.

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    am 14.Aug.2017 um 10:41 pm
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    Mir haben diese ‚Sommerloch-Fūller‘ in Radio und Fernsehen gefallen! Man konnte eine Ahnung davon bekommen, wie anders das Leben zur Reformationszeit war. Welche Ahnung haben wir nur schon vom Alltagsleben unserer Grosseltern vor ungefāhr hundert Jahren, deren Vorfahren und Vorvorfahren? Wir kōnnen das ohnehin nur noch erahnen. Aber ich finde es einigermassen heilsam, heutige Lebensbedingungen in Bezug zu stellen zu Lebenswirklichkeiten von denen wir keine Ahnung haben.

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    am 14.Aug.2017 um 5:22 pm
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    Ich hoffe, die Wanderer haben die angegebenen Strecken auch tatsächlich abgewandert. Zweimal gabs Interviews, wobei die Wanderer (z.B. auf dem Bantiger) recht frisch und unverswchwitzt zu Tale blickten. Als Hartmann mit seinem Hund durch das Simmental wanderte (das wir sehr gut kennen) wurden bestimmte Streckenabschnitte elegant mit dem Bus der TV-Equipe «überbrückt»… Ich nehme jetzt einmal an, dass das diesmal nicht so war. Im Übrigen fand ich das Ganze auch sehr «an den Haaren herbeigezogen» und unwirklich.

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    am 14.Aug.2017 um 1:40 pm
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    Es war wieder mal ein Stück missratenes Pädagogen-Radio.

    Ich habe die «Serie» notgedrungen jeden Morgen beim Rasieren mitverfolgt. Was ist mir geblieben? Eigentlich nichts. Ausser Ralph Wickis einschläfernder Gutmenschstimme und seine Aussage: «Ich bin ein spiritueller Mensch». Na sowas!

    Man fühlte sich nicht ins Mittelalter der Schweiz sondern ins Mittelalter des Radiomachens (sagen wir die 60-er/70-er Jahre) versetzt.

    Seit der Billag-Thematik haben solche Sendegefässe immer einen speziellen Beigeschmack: «Brauchts das wirklich?»

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