Nichts mehr müssen, macht frei – und nutzlos. Wenn nur der Erfolg zählt, erscheint der wirkungslose Einspruch als eitle Gebärde.

Alle wollen führen. Nur wenige geführt werden.

Nichts mehr müssen, macht frei – und nutzlos. Wenn nur der Erfolg zählt, erscheint der wirkungslose Einspruch als eitle Gebärde.

30. Oktober 2018

Jetzt wird (fast) nichts mehr von mir erwartet. Ich gehöre nicht (mehr) zu jenem Teil der Gesellschaft, der gebraucht wird, weil er, ökonomisch betrachtet, «Mehrwert» generiert. Was auch bedeutet, MenschenUmweltenLeben bedrohen und vernichten. Der grösste Teil der Verbindlichkeiten – beendet. Zumindest vorläufig. Noch lasse ich mir ein Hintertürchen offen. Durch das ich noch einmal in die Welt der Gefragten schlüpfen könnte. Falls sie mich lassen. Und wenn ich, selbst in meinem Alter, noch immer nicht den Mut zum nutzlosen und unbezahlten Tun, dem (literarischen) Schreiben beispielsweise, aufbringen sollte.

Ich bin (fast) nur noch Rentenbezüger. Eine sozioökonomische Belastung. Auch wenn ich für die Krankenversicherung, vorderhand und glücklicherweise, noch immer ein Nettozahler bin. Auch wenn erst in zwanzig Jahren entschieden ist, für wen sich der Entscheid, mir das Pensionskassenguthaben nicht auszahlen zu lassen, gelohnt haben wird – für die BVK oder für mich. Für die AHV wird jetzt schon Geld von der «aktiven Generation» auf mich, das ökonomische «Passivum», umgelagert. So wie das, umgekehrt, bisher mit meinen eigenen Beiträgen passiert ist.

Manchmal rechne ich durch, wie lange ich noch leben dürfte, damit mein Erspartes nicht vor Ablauf meiner Lebenszeit aufgebraucht ist. Die Rechnung mit mehreren Unbekannten (individuelle Lebensdauer, Gesundheit, Lebensstandard, allfällige Pflege- und Betreuungskosten, allgemeine Wirtschaftslage) übersteigt meine mathematischen beziehungsweise prognostischen Fähigkeiten. Obwohl man die Zinseszinsformel nicht länger braucht. Das Geld arbeitet ja auf gewöhnlichen Sparkonten nicht mehr für uns. Ist arbeitslos geworden. Zu viel liegt in den Hängematten der Banken herum. Die Postfinance hat mein «Anlagevermögen» in «Sparkapital» umbenannt, so dass ich ab 1.1.2019 jeden Monat fünf Franken Miete für mein digitales Geldlager bezahlen muss.

Jetzt muss ich nichts mehr wirklich. Weil ich von niemandem mehr erwartet werde. Jetzt kann ich machen, was ich will. Weil es niemandem mehr nützlich sein muss. Bedeutungslos ist. Das macht frei. Und bedroht einen, als Überzähligen, mit dem Verschwinden. Dem Tod – dem sozialen.

22. November 2018

«Jede Widerstandsgeste, die kein Risiko in sich birgt und keine Wirkung hat, ist nichts als geltungssüchtig.» Kritisiert der Schriftsteller Stefan Zweig im Film «Vor der Morgenröte» (von Maria Schrader) die Protestgebärde aus dem Lehnstuhl. Als er 1936 im Rahmen eines Schriftstellertreffens in Buenos Aires gebeten wird, gegen Nazideutschland Stellung zu beziehen. «Sie und ich, wir sind nicht nur weit weg, wir gehören zumindest im Augenblick zu den wenigen, die nichts zu fürchten haben… Ich kann und werde nicht auf der anderen Seite der Welt, in einem Raum voller Gleichgesinnter, ein Urteil sprechen, das ist in meinen Augen geradezu obszön, und würde bedeutungslos verhallen.» Was haben wir in der Gemütlichkeit Lebenden zu befürchten? Mit unseren ritualisierten Widerstandsgebärden? Was ändern diese Protestchen an Elend und Überfluss in der Welt? Sollen wir deswegen schweigen? Weil nur der messbare Erfolg zählt? Nur ein toter Kritiker eine richtige Kritikerin ist?

23. November 2018

«‹Es ist falsch, dass eine Flüchtlingsfamilie, die noch nie einbezahlt hat, 2.000 Euro im Monat bekommt. Und ein Pensionist, der sein Leben lang einbezahlt hat, gerade einmal 1.000 Euro.› ÖVP-Chef Kurz fordert eine Anhebung der Pensionen. Dafür will er Sozialleistungen für Ausländer kürzen.» Diesen Post der österreichischen Zeit im Bild vom 18. August 2017 spült Facebook mehr als ein Jahr später auch in meine Timeline. Und wer würde nicht nicken, wenn er den Dreissigjährigen sagen hörte, das sei «schlicht und ergreifend nicht gerecht»?

Aber warum vergleicht der Mann – der seit dem 18. Dezember 2017 österreichischer Bundeskanzler ist – die tausend Euro Rente für eine Einzelperson mit den 2000 Euro Sozialhilfe für eine Familie? Warum nicht mit den Löhnen der Bestverdienenden oder den Dividenden der Millionärinnen und Milliardäre? Und warum will er die Erhöhung der Altersrenten durch Kürzung der Unterstützungsleistungen für Zugewanderte finanzieren? Statt, beispielsweise, durch Erhöhung der (Erbschafts-)Steuern oder der Umweltabgaben fürs Fliegen? – Ein Kommunist, wer denkt, der Kanzler fürs ganze Volk wolle die Armen gegen die Ärmsten aufhetzen?

5. Dezember 2018

Die Wunschzettel – geschrieben. Die Weihnachtsbeleuchtungen in Städten und Dörfern, auf Dächern und Balkonen – montiert. In den Warenhäusern und Onlineshops liegt alles bereit – fürs Fest des Geschäfts. Die ersten Fensterchen der Adventskalender – geöffnet. Die Sündenregister – den Nikolausgesellschaften übergeben. Zeit, wie (fast) alle Jahre wieder, neue Bundesrätinnen zu wählen, die natürlich auch Männer sein könnten. Hauptsache führungserfahren und führungsstark. Mehr Führung wird, selbst in der direktesten Demokratie der Welt, gerne verlangt. Zum Beispiel vom Bundesrat. Vorausgesetzt, er beschliesst, was dem eigenen Interesse dient. Entscheidet er anders, rufen sie, er regiere am Volk vorbei. Denn das Volk sind wir. Brüllen die einen. Denken die anderen. Aber das Volk ist viele. Und wenn es an einfache Lösungen glaubt, hat es, vermutlich, nicht recht.

Führen, obwohl eines der Unwörter des 20. Jahrhunderts, ist gefragt – bei Politikerinnen, Managern, Lehrerinnen, Trainern und Eltern. Und so führen sie denn – auf Teufelkommraus. In BundKantonenGemeinden, Schulen, Handballclubs, Familien sowie anderen Betrieben – die Durchschnittsneurotikerinnen und -neurotiker. Aber wen führen sie? In diesen (demokratisierten) Zeiten, in denen so viele entdecken, dass sie gerne Menschen führen und es, landauflandab, scheinbar alle lernen wollen. «Erfolgreich» (Migros-Klubschule), «professionell» (BFF Bern), «verantwortungsvoll» (ZHAW) führen. Sogar «sich selbst» (Universität St. Gallen) führen. Oder sich mit Büchern vielfältigste Führungskompetenzen anzueignen versuchen. Zum Beispiel gesund, spirituell, mutig, wirksam, kultursensitiv, geistesgegenwärtig, anständig, nachhaltig, lautlos, hierarchielos, radikal, authentisch führen. Live, in der Sandwichposition, mit Hirn, wie Wölfe oder «Führen wie St. Benedikt». Denn: «Jeder kann führen.» Und natürlich jede. Nur, warum gibt es keine Nachdiplomstudien und Ratgeber für jene, die geführt werden sollen?

Und Sie? Führen Sie noch? Oder werden Sie schon geführt? Lassen Sie sich führen? Gerne? Professionell? Fokussiert? Begeistert? Empathisch gegenüber den Führenden? Gehorsam durch Tag und Nacht? Widerstandslos? Wie ein Schaf, ein friedliches. Nein? So viele Führende. So wenige Geführte. Was schliessen Sie daraus?

Zum Infosperber-Dossier:

Jürgmeiers Fällander Tagebuch

Im Tagebuch spiegeln sich das Private und das Öffentliche, wird das Subjekt schreibend Teil der Welt.

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