Es gibt Menschen, die können nicht verlieren. Sagen sie. Und es gibt wiederum Menschen, die gar nicht siegen wollen. Was gilt nun?

Der Spieler: Sieger spielen besser

Es gibt Menschen, die können nicht verlieren. Sagen sie. Und es gibt wiederum Menschen, die gar nicht siegen wollen. Was gilt nun?

Red. Unser «Spieler»-Autor Synes Ernst ist verunfallt und kann für einige Zeit keine neuen Spiele-Kritiken verfassen. Deshalb greifen wir ins Archiv und veröffentlichen heute einen älteren Beitrag vom 7. Mai 2016.

Kaum lag das wunderbare neue Familien-Gedächtnisspiel »Leo« auf dem Tisch, fragte mich der siebenjährige Enkel Maximilian: »Wie gewinnt man hier?« Die Selbstverständlichkeit, wie diese Frage gestellt wurde, erstaunt in diesem Fall nicht. Im Haushalt eines Spielekritikers wird so viel gespielt, dass Siegen und Verlieren einfach dazu gehören und eine Niederlage auch nicht gleich eine Weltuntergangsstimmung bedeutet. Neues Spiel, neue Runde, neue Chance.

Nicht selten bekomme ich jedoch von besorgten Eltern zu hören, dass ihre Kinder nicht verlieren könnten, weshalb sie keine grosse Lust mehr hätten, mit ihnen zu spielen. Solchen Eltern hilft es vielleicht ein wenig, wenn ich ihnen sage, dass es Phasen in der kindlichen Entwicklung gebe, in denen es schwerer falle, mit Niederlagen umzugehen. So zum Beispiel in der frühen Trotzphase, wenn das Kind sein Ich entdeckt. Niederlagen, auch solche im Spiel, sind in diesen Momenten nur schwer zu verkraften.

Mit Sieg und Niederlage umgehen

Heisst das, dass man ganz auf das Spielen verzichten soll, um Familiendramen zu vermeiden? In einem jüngst in der Chemnitzer »Freien Presse« zu diesem Thema erschienenen Artikel werden Erziehungsfachleute zitiert, welche die Bedeutung des Gesellschaftsspiels gerade in dieser schwierigen Entwicklungsphase betonen. Kinder bekommen beim Spielen unter anderem aus nächster Nähe mit, wie ihre Eltern, Geschwister und Freunde mit Niederlagen oder Erfolg umgehen. »Es ist bei Gesellschaftsspielen wichtig zu lernen, bei der Sache zu bleiben und nicht mitten im Spiel einfach vom Tisch aufzustehen, weil man schon wieder verliert oder jetzt ganz plötzlich keine Lust mehr hat und die Konzentration nachlässt.« Gerade Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren müssten lernen, mit Niederlagen umzugehen, »da sie sich im Kindergarten oder der Vorschule auch nicht auf ihr Zimmer verziehen können, wenn sie mal nicht als Sieger vom Platz gegangen sind«.

Verlieren lernen ist wichtig, kein Zweifel. Wie aber ist es mit dem Siegen und Gewinnen? Sollte man das nicht ebenso lernen wie den Umgang mit der Niederlage?

Unbedingt. Meine These lautet: Sieger spielen besser. Ich meine nicht »besser« im Sinne von Überlegenheit, sondern im Sinne von intensiver und konzentrierter.

Voll in der Welt des Spiels

Im Spiel begeben wir uns in eine andere, von einem Autor geschaffene Welt und versuchen, gemäss den Regeln dieses Spiels gemeinsam oder gegeneinander ein von Anfang an definiertes Ziel zu erreichen. Nun gibt es Spielerinnen und Spieler, die vor dem ersten Zug wissen, was sie wollen – möglichst als Erster am Ziel zu sein. Siegeswillen kennzeichnet diese Haltung. Wer so spielt, ist leicht zu erkennen: Er geht voll in der Welt des Spiels auf, wägt alle Möglichkeiten ab, die in der Vorlage enthalten sind, verfolgt die Aktionen der Mitspielenden, analysiert sie und zieht daraus die Schlüsse für seinen Zug, wenn möglich weit vorausdenkend. Volle Konzentration auf das Geschehen ist angesagt, Ablenkungen werden keine geduldet. Wenn der »Siegertyp«, wie ich ihn nenne, den Würfel zur Hand nimmt, so beschwört er ihn gleichsam, damit ja die Zahl oben liegt, die er gerade benötigt. Das Gleiche gilt beim Mischen von Karten.

Wenn ich von »Sieger- oder »Gewinnertyp« spreche, meine ich nicht den gnadenlosen Egoisten, der ohne Rücksicht auf Opfer Richtung Ziel stürmt (selbst wenn das bei Eliminationsspielen wie etwa dem Schach anders nicht geht). Ich sehe vielmehr jene Spieler vor mir, die ein möglichst intensives Spielerlebnis suchen. Das bekommen sie aber nur, wenn sie die Welt, die ein Autor geschaffen und mit eigenen Regeln ausgestattet hat, bis an ihre Grenzen ausloten und unermüdlich versuchen, ihr Potenzial voll auszuschöpfen. Wer sich jedoch in Larifari-Haltung an den Spieltisch setzt, wird die Welt eines Spiels nie erschliessen geschweige denn in ihre Tiefen vorstossen. Er bleibt an der Oberfläche, der Rest bleibt ihm verborgen. Deshalb wird er sich langweilen – und mit seiner geistigen Abwesenheit, die er über seine Körpersprache ausdrückt, seine Mitspielenden anstecken. Lieblingsspieler der andern wird er garantiert nie sein.

Sieger-Mentalität auch in kooperativen Spielen

Ich kenne viele Leute, die mit dem Siegen ebenso Mühe haben wie mit dem Verlieren. Für sie ist ein Spiel nur gut oder wertvoll, wenn kooperativ gespielt wird, wenn es den Gedanken der Solidarität höher stellt als die Idee der Konkurrenz. Solche Qualifikationen taugen nichts. Und abgesehen davon: Auch die vielen tollen kooperativen Spiele, die es heute auf dem Markt gibt, bieten ein tolles Spielerlebnis nur, wenn sich die Teilnehmenden in der oben beschriebenen Sieger-Mentalität auf das Spiel konzentrieren.

Übrigens: Mein Enkel Maximilian konnte als Einzelspieler »Leo« gar nicht gewinnen. Es handelt sich um ein kooperatives Spiel. »Leo muss zum Frisör« ist eines der anspruchsvollsten Gedächtnisspiele, die ich kenne. Erst nach mehreren gemeinsamen Niederlagen ist es uns gelungen, zu gewinnen und den haarigen Löwen rechtzeitig zum Coiffeursalon zu bringen. Der Sieg war erst möglich, nachdem wir uns richtig auf die Herausforderung konzentrieren konnten. In den ersten Runden hatten wir alle gedacht, »Leo« sei ein Kinderspiel, das man locker vom Hocker herunterspielen könne. Total daneben.

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Leo muss zum Frisör: Gedächtnisspiel von Leo Colovini für 2 bis 5 Spielerinnen und Spieler ab 6 Jahren. Abacus Spiele (Vertrieb Schweiz: Carletto AG, Wädenswil), ca. Fr. 25.–

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