«Sonntagsblick» bläst eine private Geschichte zur Titelstory auf. MAZ-Stiftungsrat Dorer tritt Persönlichkeitsrechte mit Füssen.

kontertext: Christian und das Privatleben

«Sonntagsblick» bläst eine private Geschichte zur Titelstory auf. MAZ-Stiftungsrat Dorer tritt Persönlichkeitsrechte mit Füssen.

Ein bekannter Schriftsteller hat eine Freundin. Die Freundin ist deutlich jünger als der Schriftsteller. Sie ist zudem Tochter eines Politikers und wurde als Journalistin kürzlich ausgezeichnet. Durch die Absage einer Auftrittsserie des Schriftstellers erfahren die Medien von der Schwangerschaft der Freundin. Eine durch und durch private Sache, ohne jegliche Widersprüche und ohne Bezug zur öffentlichen Tätigkeit der beiden. Trotzdem bläst der «Sonntagsblick» die Nullgeschichte zur Titelstory auf. Gegen den ausdrücklichen Willen der Betroffenen.

Kein Kommentar

«Jetzt ist es offiziell», behauptet der «Blick» Anfang Juli: «Mit Rahel spürt Pedro den Lenz». Das dümmliche Wortspiel hat Jean-Claude Galli gegockelt und es ist doppelt perfid. Zum einen behauptet es, es handle sich um eine junge Frühlingsverliebtheit des Schriftstellers (das Paar ist seit längerem zusammen). Zum anderen schürt es bieder Vorurteile gegen Altersunterschiede in Liebesbeziehungen. In welchem Jahrhundert leben wir? Auch die Behauptung, dass irgendetwas «offiziell» sei, ist rundum gelogen: Die Freundin hat auf Anfrage erklärt, sie äussere sich nicht zu ihrem Privatleben. Der Schriftsteller wurde gar nicht erst kontaktiert, in der Annahme, er könnte sich ebenfalls weigern, über sein Privatleben zu plaudern.

Doch nicht genug damit. Boulevard lebt von der Penetranz. Also darf Galli zwei Wochen später wieder krähen: «Vaterglück mit 52!» Durch die Absage einer Auftrittsserie des Schriftstellers erfährt der «Sonntagsblick» von der frühen Schwangerschaft der Freundin. Und plustert die grossartige Recherche zur Titelgeschichte mit Plakataushang am Kiosk auf. Wiederum hat die Freundin auf Nachfrage erklärt, es gebe keinen Kommentar und sie bitte, auf eine Berichterstattung über ihr Privatleben zu verzichten. Auf eine Kontaktnahme mit dem Schriftsteller wird auch diesmal verzichtet.

Dorers Medienethik

Dafür meldet sich der Schriftsteller seinerseits bei Chefredaktor Gieri Cavelty und Gesamtchefredaktor der «Blick»-Gruppe Christian Dorer mit der dringenden Bitte, auf eine Berichterstattung zu verzichten. Nicht zuletzt mit dem Hinweis auf bereits erfolgte anonyme Belästigung und den Gesundheitszustand der Schwangeren.

Familienvater Cavelty, im Urlaub weilend, zeigt ein gewisses Verständnis: Er werde tun, was er aus der Ferne könne. Dorer, unter anderem auch Stiftungsrat des Medienausbildungszentrums MAZ in Luzern, sieht kein Problem. Begründung: Der Schriftsteller sei «eine Person von öffentlichem Interesse». Die Freundin stehe «als TV-Journalistin ebenfalls in der Öffentlichkeit». Und last but not least: Die Chefredaktion behalte sich vor, «in der Berichterstattung Themenschwerpunkte zu setzen.» Die miese Story ist also nicht nur billiger Sommerlochfüller, sondern gleich «Themenschwerpunkt». Wie sich wohl andere Stiftungsräte des MAZ dazu stellen? Ist das die medienethische Auffassung der für den Nachwuchs Verantwortlichen?

Auch Prominente haben ein Recht auf Schutz des Privatlebens

Der Presserat zeigt eine andere Haltung. «Jede Person – dies gilt auch für Prominente – hat Anspruch auf den Schutz ihres Privatlebens», heisst es in den Richtlinien zur «Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten». Und das Schweizerische Zivilgesetzbuch vermerkt unter Artikel 28: «Wer in seiner Persönlichkeit widerrechtlich verletzt wird, kann zu seinem Schutz gegen jeden, der an der Verletzung mitwirkt, das Gericht anrufen. Eine Verletzung ist widerrechtlich, wenn sie nicht durch Einwilligung des Verletzten, durch ein überwiegendes privates oder öffentliches Interesse oder durch Gesetz gerechtfertigt ist.»

Was sein eigenes Privatleben angeht, zeigt sich Militärhauptmann und Hobby-Busfahrer Dorer übrigens deutlich zugeknöpfter: «Glücklicher Single, nicht liiert, zwei Göttikinder», lässt er sich in der «NZZ am Sonntag» zitieren und verweist auf den «intakten Freundeskreis», den er pflege. Wäre der Mann nicht «Blick»-Superchef, müsste er als öffentliche Person ein gefundenes Fressen sein für Mistkratzerli Jean-Claude: Wer weiss, was sich da alles in dem «Freundeskreis» tummelt. Und ob nicht auch ein paar Untervierzigjährige dabei sind.

Klagen oder schweigen?

Was machen nun die in ihren Persönlichkeitsrechten Verletzten mit ihrer günstigen Rechtslage? Eine Beschwerde beim Presserat kann Monate dauern und schlimmstenfalls die nächste Kolportage befeuern. Gleiches gilt für den kostspieligen Weg eines Prozesses. Und schliesslich: Auf alles, was veröffentlicht ist, kann das nächste Medium Bezug nehmen. Wie es der «Blick» mit seinem Einheits-Newsroom gleich selber tut. Am Tag nach der Schmiere im «Sonntagsblick» kupfert Jean-Claude Galli im «Blick» bei sich selber ab, mit der vielsagenden Formulierung: «Wie der SonntagsBlick gestern schrieb».

Zum Infosperber-Dossier:

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3 Meinungen

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    am 24.Jul.2017 um 4:54 pm
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    Eine freundliche Bitte, auf einen Bericht zu verzichten, nützt bei solchen Revolver- bzw. Schmierenblättern gar nichts. Sie schliessen daraus, dass die Geschichte vielleicht sogar pikanter sein könnte, als angenommen. Die Androhung eines Gerichtsverfahrens mit finanziellen Forderungen wäre daher wirksamer.

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    am 24.Jul.2017 um 3:23 pm
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    Es ist jedem unbenommen, so mit der Mistzetter-Presse zu verfahren, wie ich selber es seit Jahren halte. Konsequenter Boykott aller Erzeugnisse des Gossenjournalismus: «Blick», «SonntagsBlick», «Weltwoche», «Basler Zeitung». Den Ringier-Bezahlblättern laufen die Leser seit Jahren davon, dem Köppel-Blättchen und der Somm-Postille ebenfalls. Und das ist gut so. Ist gerechte Strafe für sie.

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    am 24.Jul.2017 um 2:04 pm
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    Wenn zwei viertel- oder halbwegs Prominente sich zusammentun, dann ist das boulevard-würdig. Ebenso, wenn sie ein Kind erwarten.
    Was ich ob der Aufregung Krnetas nicht verstehen kann: Wo entsteht da ein Schaden?

    Prominente leben ja zum grössten Teil von ihrer Prominenz, weniger von ihrer konkreten Leistung (vielleicht 30 % der Blickleser «kennen» Lenz, gelesen hat ihn vielleicht knapp 1 %).

    Abgesehen davon finde ich das Realbeispiel Lenz/Grunder sowieso äusserst interessant – auf diese Verbindung wäre ja von selbst niemand gekommen.

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