Das Diktat des ominösen «Geists der Zeiten» erledigt jeden politischen Zukunftsentwurf und löscht die Vergangenheit.

kontertext: Der «Zeitgeist» geht um

Das Diktat des ominösen «Geists der Zeiten» erledigt jeden politischen Zukunftsentwurf und löscht die Vergangenheit.

Die «Sorgen der Bürger», so hörten wir jahrelang, müssten «ernst genommen werden», was die eine oder andere Partei zu einer inhaltlichen Volte verführte. Bereits dieses Mantra des «sorgenvollen Bürgers» bereitete Unbehagen, und das nicht einmal in erster Linie wegen der fehlenden weiblichen Form «Bürgerinnen» (die ja eventuell auch den einen oder anderen Kummer haben könnten). Vielmehr zeigte sich, dass Parteien zum «Ernstnehmen» kein Hörrohr an des «Bürgers» Brust legten, sondern ihre Antennen nach rechts ausfuhren. Dort nämlich wurden die «Sorgen» geboren, mit viel Geld und Einfluss auf Medien gezielt bewirtschaftet und in die Köpfe und Gemüter der Wahlberechtigten eingepflanzt. So klang es schliesslich aus dem Wald zurück, wie hineingerufen wurde: Fremdenfeindlichkeit, Islamophobie und damit verknüpft soziale Abstiegsängste und Furcht vor Terrorismus. Neu ist jetzt, dass die Beschallung von rechts durch einen Lautsprecher aus der Mitte abgelöst worden sein soll: Sein Name ist «Zeitgeist».

Melken, steuern, manipulieren

Auf dieser Welle ritt Sebastian Kurz. Der ÖVP-Vertreter und Sieger der vorgezogenen Nationalratswahl in Österreich vom 15. Oktober habe mit einer «Coverversion» das Original – die rechtsaussen-Partei FPÖ – in den Schatten gestellt: «Dann kam Kurz, der den Zeitgeist nutzte, ihn melkte, ihn steuerte, ihn manipulierte.» (Tages-Anzeiger 17.10.2017 ) Schamloser noch als die Freiheitlichen sei er vorgegangen und habe nur einen Themenkomplex bearbeitet: Balkanroute/ Ausländer/ Asyl/ Flüchtlinge. Und die FPÖ grämte sich, dass Kurz den parteipolitischen Merksatz widerlegte, dass die Wählerschaft das Original der Kopie in jedem Fall vorzöge. Sie wurde vom «Themendieb» überflügelt, der 31,5% der Stimmen erhielt. Zusammengenommen mit den eingereichten Wahllisten für die FPÖ ergibt das jedoch fast 60% der wählenden Bevölkerung in Österreich, die für zwei Parteien stimmten, «die mit ausländerfeindlicher Propaganda Wahlkampf gemacht haben». Im Windschatten der ÖVP sei die FPÖ, deren Exponenten immer wieder einmal durch deutschnationale und faschistische Gesten und Aussagen auffielen «in der Mitte der Gesellschaft» angekommen (ebenfalls Tages-Anzeiger 17.10.2017). Kurz hat also den diskursiven Hauptstrom angezapft und auf seine Mühlen umgelenkt.
Von der Tatsache, dass es einen rechtsnationalen und ausländerfeindlichen Zeitgeist gebe, ist man auch andernorts überzeugt. Dieses Phänomen, wie ein Tages-Anzeiger-Kommentator festhält, sei jedoch keine österreichische Spezialität, sondern «Nationalismus und Populismus haben viel Terrain gewonnen», was auch in den «östlichen EU-Staaten von Polen bis Ungarn» beobachtet werden könne: «Die Absage an die offene Gesellschaft ist dort Mainstream.» (Tages-Anzeiger 17.10.2017: «Kurz muss sich entscheiden») Ähnlich interpretierte dies ein anderer Kommentator in derselben Tageszeitung: «Mit Xenophobie, Islamophobie und dem bösen Spiel mit Abstiegsängsten lässt sich derzeit fast überall in Europa vortrefflich Politik betreiben», was Orban auf die Spitze getrieben habe. «Der Zeitgeist weht aus dieser Richtung, und es steht zu befürchten, dass die Windstärke noch zunimmt.» Fatal wäre es jedoch, so die Analyse weiter, sich dem Rechtspopulismus hinzugeben: «Die Rechten stoppt man nicht mit dem eigenen Sündenfall, sondern nur mit klaren Alternativangeboten an die Wähler.» (Tages-Anzeiger 16.10.2017)
Hier wird also ans Gewissen von PolitikerInnen appelliert. Doch gleichzeitig begünstigt der Artikel mit der Beschwörung des Zeitgeists ein neues Argument, das in der Schweiz beispielsweise in der CVP hoch im Kurs steht. Denn diese geht vom genau gleichen Zeitgeist aus, zieht aber komplett andere Schlüsse: Der Themenklau, den der österreichische Spitzenkandidat betrieben hat, wird von der CVP-Nationalrätin Kathy Riklin laut Tages-Anzeiger als notwendiges Übel beschrieben: «Dass sich die ÖVP inhaltlich der FPÖ angenähert hat, verlange leider der Zeitgeist, meint Riklin.» (Tages-Anzeiger 17.10.2017: «Ein Halleluja von der CVP für Polit-Jungstar Sebastian Kurz»)

Spukgestalt der Zeitgeschichte

Woher kommt dieser «Zeitgeist», der sich heute in rechtspopulistischen, ausländerfeindlichen und islamophoben Parolen irgendwie manifestiert? Wer soll sich davon angesprochen fühlen? Bereits Johann Gottfried Herder, der den Begriff «Geist der Zeit» aus dem Lateinischen ins Deutsche transferierte, stellte sich Ende des 18. Jahrhunderts gewichtige Fragen zu seiner Wortschöpfung: «Ist er ein Genius, ein Dämon? oder ein Poltergeist, ein Wiederkommender aus alten Gräbern? oder gar ein Lufthauch der Mode, ein Schall der Äolsharfe? Man hält ihn für eins und das andre. Woher kommt er? wohin will er? wo ist sein Regiment? wo seine Macht und Gewalt? Muss er herrschen? muss er dienen? kann man ihn lenken?»
Heutige Antworten auf Herkunft, Machtentfaltung und Lenkungsmöglichkeiten eines allfälligen Zeitgeists können mitunter sehr enttäuschen: So zitierte der oben genannte Tages-Anzeiger-Artikel die CVP-Nationalrätin weiter: «Die ÖVP hat laut Riklin gezeigt, dass sie gegen Parteien wie die FPÖ am rechten Rand ankommt und den Wählern eine Möglichkeit bietet, eine ‚anständige Partei‘ zu wählen.» (Tages-Anzeiger 17.10.2017) Schlussfolgerung daraus wäre dann, dass sich fremdenfeindliche Parolen aus dem Megaphon einer traditionellen Mittepartei ‚besser‘ ausmachen. Das Erfolgsrezept läge dann nicht in einer politisch-inhaltlichen Abgrenzung von der ‚unanständigen‘ Partei, sondern in der etwas adretteren (ordentlicheren? züchtigeren?) Verpackung für dieselben Inhalte. Wer den Geist rief, ist nicht mehr relevant. Jetzt erfordere derselbe Themen, denen die Parteien gewissermassen ausgeliefert sind, wonach sie ihre eigenen Parolen ausrichten. Wird Politik zu einem Fashion Victim auf Power-Shopping-Tour?

Wie die Partei, so die Artischocke

Fast schon erscheint der «Geist der Zeit» tatsächlich als das, was Herder unter anderem als Interpretation vorschlug: eine «Mode». Im Sinne von Trend funktioniert auch der inflationäre Gebrauch des Begriffs, der selbst vor Gemüsen nicht Halt macht: Der «Bio-Ingwer-Anbau» eines Unternehmers habe «voll den Zeitgeist getroffen» (Tages-Anzeiger 13.10.2017) und der «Superfood Artischocke» liege nicht nur «im Zeitgeist» weil er «ungeheuer instagramtauglich», sondern weil er gerade für Menschen geeignet sei, die eigentlich nicht essen wollten und denselben eine «kulinarische Ersatzhandlung» biete (Tages-Anzeiger 06.10.2017). Ein neues Adjektiv ermisst gleichermassen den Hip-Grad von importierten Ernährungsweisen, indem ein «zeitgeistiges Lokal», das den Gästen «Burger mit koreanischem Twist» reiche, angepriesen wird (Züri-Tipp 5.10.2017). Bio passt also genauso zur unterstellten, momentan weitverbreiteten Gesinnung wie transkulturelle Kulinarik und der Schlankheitswahn.
So wird der «Zeitgeist» zu dem, was gerade angesagt ist. Und was nicht angesagt ist, so die logische Folgerung, bliebe dann eben auf der Strecke. Oder wie schon Johann Wolfgang von Goethe erwähnte: «Wenn eine Seite nun besonders hervortritt, sich der Menge bemächtigt und in dem Grade triumphirt, daß die entgegengesetzte sich in die Enge zurückziehen und für den Augenblick im Stillen verbergen muß; so nennt man jenes Uebergewicht den Zeitgeist, der denn auch eine Zeitlang sein Wesen treibt.»

Das Gegenteil von Zeitgeist ist Blätterteig

Goethe wünschte sich damals, dass dieser vorherrschenden Stimmung eine entgegengesetzte gegenübertreten könnte, so dass sie «einander das Gleichgewicht halten können.» Die andere Stimmung gibt es. Nur verkehren sich dort gerade die rechten und linken Vorzeichen. Tauchte «der Zeitgeist» bisher mit Attributen von nationalkonservativ bis fremdenfeindlich und islamophob auf, so soll gerade die rechtsorientierte Politik ihre Mobilisierungskraft aus einer Absage an den Zeitgeist schöpfen: «Die neue Rechte», so erläuterte die NZZ mit dem Buchautor Thomas Wagner, sei «keine homogene Bewegung.» Teils linksnational, teils rechtsradikal, teils libertär geprägt, gründe ihr Zusammenhalt nicht auf einem politischen Programm, sondern es verbinde sie vor allem dies: die «Ablehnung des Zeitgeists». (NZZ 17.10.2017: «Hilfe, Nazis!»). Und dieser sei im Grundton links. Konservative wie Liberale, die in Deutschland mit der AfD sympathisierten, könnten sich aber, so der NZZ-Artikel weiter, noch wundern: «Was sie für eine Alternative zum linksliberalen Zeitgeist halten, könnte sich als illiberaler Linksnationalismus entpuppen.» Und wem dies noch nicht genug Spukgestalten der politischen Zeitgeschichte sind, dem sei die Wortschöpfung «zeitgeistig verpackter Sozialdemokratismus» ans Herz gelegt als Lead zu einem Artikel, welcher der Operation Libero Verpackungsschwindel vorwirft. (NZZ 13.10.2017, «Operation Liberallalla»)
Der Begriff «Zeitgeist» verkommt zur leeren Worthülle. Was aus rechter Sicht aber keine Rolle spielt. Entweder wird die vermeintliche Signatur der Gegenwart erwähnt, um die rechtsnationale Politik zu legitimieren; oder aber dieselbe Grundstimmung wird herbeigezogen, um sich mit der rechtsnationalen Politik radikal davon abzugrenzen. Beide Varianten landen da, wo Kurz seine WählerInnen fand. Spätestens dann aber wird eine parteipolitische Argumentation zirkulär, wenn sie die Geister, die sie selber rief, als Zeichen der Zeit deutet und damit ihr Programm rechtfertigt.
Ist «Zeitgeist» das neueste Synonym für Populismus? Ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 17.10.2017 über den österreichischen Wahlausgang legt diese Interpretation nahe: «Der Zeitgeist denkt nicht rechts oder links, er denkt populär und verkürzt gerne ein wenig.» Die Anrufung dieser vermuteten Hauptströmungen der aktuellen Lebenswelt ist aber in jedem Fall ein Irrweg. Oder um mit Hans Magnus Enzensberger zu sprechen: «Wer sich dem Trend ausliefert, dem, was ‚angesagt‘ ist, der ist ein armer Hund. Die erlebte Zeit ist vielschichtig wie ein Blätterteig

Nicht verzagen, Google fragen!

Wer kann eigentlich wissen, was der Zeitgeist ist? Die Definitionsmacht desselben liegt in der Kombination von medialer Aufmerksamkeit, Geld und Macht. Google hat das 21. Jahrhundert unter anderem mit der Einrichtung des Tools «Google Zeitgeist» gestartet. Darin finden sich die weltweit eingegebenen Suchbegriffe nach Themen und Personen in einer Rangliste geordnet. Der Name dieses Tools wurde inzwischen geändert, aber die Hitliste existierte mindestens bis 2010 in derselben Art: «You can view Google Zeitgeists clear back to 2001 at the Google Zeitgeist Archives. Weekly, monthly, and yearly Zeitgeists are available here.» (Lifewire 29.10.2016) Zeitgeist ist also, was am meisten abgefragt wird; das, was uns die grösste Suchmaschine der Welt präsentiert – Justin Bieber, die Fussball-WM, Ebola, Erdbeben auf Haiti. Er wechselt ungefähr so schnell, wie wir uns Abwechslung im Menü wünschen, über einen Jobwechsel nachdenken oder Ferien planen. Gehetzt von der Aktualität und dem Ranking von Inhalten, welche die Algorithmen (die wir durch unsere vorangegangenen Suchgewohnheiten selbst perfektioniert haben) an die oberste Stelle in der Google-Abfrage spülen, ziehen die vermeintlich wichtigsten Themen als news-artig verpackte Phantome durch unseren Alltag.
Die Anpassung von politischen Parteien an einen so verstandenen Zeitgeist, der dem Diktat der meisten Suchabfragen (oder Klicks oder Likes) folgt, ist gleichbedeutend mit dem Versäumnis eines längerfristigen Zukunftsentwurfs. Zudem – und vielleicht fast gravierender – löscht die allgegenwärtige Gegenwart die Vergangenheit aus. Oder wie es Hans Magnus Enzensberger ausdrückte: «Etwas Bornierteres als den Zeitgeist gibt es nicht. Wer nur die Gegenwart kennt, muss verblöden.»

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