«Landliebe» – ein Erfolgsprodukt von Ringier. Erstaunlich und radikal positiv.

kontertext: Ein bisschen Friede, ein bisschen sein

«Landliebe» – ein Erfolgsprodukt von Ringier. Erstaunlich und radikal positiv.

Wer’s nicht glaubt, der gehe selbst zu einem grossen Kiosk und besichtige die Zeitschriften zum Thema Land. Da gibt es die Zeitschriften:
Landglück, Landgarten, Landkind, Land & Berge, Landfreunde, Landhaus, Landidyll, Landzauber, Liebes Land, Landidee, Landlust, Landliebe.
Warum die Überfülle des immer Gleichen? Weil «Landlust» ein überragender Erfolg war. «Landlust» kam 2005 in Deutschland auf den Markt, wuchs schnell, wuchs kontinuierlich und liegt heute bei einer verbreiteten Auflage von über einer Million. Die krisengebeutelte Branche rieb sich die Augen. Warum nur, fragte die «Süddeutsche Zeitung», warum nur wollen so viele Menschen Artikel über den «ehrwürdigen Efeu» und den «majestätischen Uhu» lesen?

Auch im Hause Ringier war man beeindruckt und wollte kooperieren, aber die Verhandlungen scheiterten, und so brachte Ringier dann im Frühling 2013 das eigene Produkt, «Landliebe», auf den Schweizer Markt. Und siehe da, das Wunder wiederholte sich. «Landliebe» überflügelte die «Schweizer Illustrierte», die «Schweizer Familie» und die «Glückspost». «Landliebe» liegt heute bei einer verbreiteten Auflage von knapp 211’000 mit ungefähr 700’000 Lesern und Leserinnen. Nur der «K-Tipp» und der «Beobachter» sind noch grösser, haben aber in den letzten Jahren ihre Auflagen nicht mehr erhöhen können.

Ein Megatrend also. Nehmen wir das neueste Heft von «Landliebe» zur Hand. Das Papier ist deutlich schlechter als beim deutschen Original. Dafür gibt es öfter gedruckte Handschrift. Wir verstehen: heimelige Handschrift statt Computer. Der News-Wert ist frappierend:

«Drama im Staudenbeet. Blau, weiss, lila – Lobelien sind in allen Farben schön. Doch für den fulminanten Auftritt sorgt bestimmt die Sorte ‹Will Scarlet›. Keine leuchtet röter und dramatischer.»

Wer liest das? Grob vereinfacht könnte man sagen: Die ältere, über 60-jährige Frau, die in der Stadt wohnt, mit mittlerem Bildungsgrad und mittlerem Einkommen. Ihre Träume werden mit Märchen-Stoff versorgt:

«Grünes Paradies»: «Wie ein kleines Märchenschloss: über und über rankt sich Efeu die Fassade hinauf.»

«Landliebe» informiert durchaus: über Fische im Rhein, das Wasserschloss Schweiz, Wanderrouten in den Alpen, Kompostieren im Garten. Die Auswahl der Information unterliegt aber einem einzigen absoluten Gebot: Die Leserin glücklich und zufrieden zu machen. «Landliebe» ist ein Wohlfühlprodukt. «Landliebe» dient dem Lifestyle. «Landliebe» sagt nicht, die Welt sei heil. «Landliebe» sagt gar nichts über die Welt. Das wäre viel zu abstrakt. «Landliebe» sagt: Schau auf die heilen Seiten der Welt. Blende den Kontext aus. Sieh, das Gute liegt so nah. Co-Redaktionsleiter Frensch:

«Wir sorgen für Poesie im Alltag und zeigen, was sich vor der Haustür tut.»

Die intakte Familie ist mit beglückendem Tun beschäftigt. Das macht die «Landliebe»-Frauen froh. Fast alle lächeln, auf fast allen Fotos. Die Bilder sind bunt, ruhig und intensiv. Es sind beauftragte Bilder, keine gefundenen.

«Mit Stil. Anmutig, sensibel und wunderschön. Eigenschaften, die Stillleben-Fotograf Grant Cornett von Models kennt. Doch für einmal waren die Grazien vor seiner Linse zarte Blüten.»

Im Unterschied zur deutschen «Landlust» ist «Landliebe» patriotisch, feiert die Schweiz. Im Konzept der Zeitschrift steht:

«Wir zeigen die Schweiz so, wie sie ist – authentisch und bodenständig.»

Niemals, glaube ich, würde eine deutsche Landzeitschrift sagen: Wir zeigen Deutschland, wie es ist. Neben den grossen Magazingeschichten aus der Schweiz – der Rhein, der Meerrettich, die Häuser im Engadin, der Stierenmarkt in Zug – gibt es vor allem viele Bastelanleitungen und Kochrezepte aus der Landküche.

«Je fleissiger die Häkelnadel flitzt, desto schneller wächst das Städtchen. Der Spielteppich entsteht Stück um Stück; zudem fertigen wir eine herzige Puppe und ein Haifischportemonnaie.»

Die «Landliebe»-Frau kocht, bäckt, wandert, gärtnert, strickt, häkelt und wohnt, was das Zeug hält. Sie arbeitet zwar in ihrer Freizeit für ihren Garten und ihr Haus. Aber Lohnarbeit leistet sie keine. Überhaupt: Gesellschaft und Ökonomie kommen nicht vor. Erotik, Sexualität, Beziehungskisten ebenso wenig. Stattdessen:

«Friedvoll rinnt da ein Bergbach talwärts.»

«Landliebe» pflegt eine bedenkenlose, intime Nähe zu Markt und Kommerz. 12 Seiten des Heftes sind sogenannte «Publireportagen», d.h. Inserate in der Form von redaktionellen Beiträgen. Als Inserate geben sie sich erst auf den zweiten Blick zu erkennen. Auch sonst empfiehlt «Landliebe» munter Produkte, Waren, Läden, sogar Autos – ein Schelm, wer denkt, dass dies irgendetwas mit dem Inseratengeschäft zu tun haben könnte…

Nach den bunten Bildern bleibt als Gesamteindruck der sorgfältig redigierte Sprachstil im Gedächtnis. Da werden Klischees zusammengerührt und mit angestrengter Originalität gewürzt, bis der Sinn verdampft:

«Der Schellen-Ursli und die Nusstorte machen das Engadin im Bündnerland unvergesslich. Doch seine mit Sgraffiti verzierten Häuser sind genau genommen das eigentliche Wunder.»

Auch philosophische Meisterleistungen sind zu verzeichnen:

«Schönheit hat stets eine subjektive Note. Das gilt auch bei Stieren.»

«Landliebe» radikalisiert ins Extreme, was wir alle tun, um im brutalen Chaos der heutigen Welt zu überleben, nämlich: die Zusammenhänge reduzieren, verdrängen, ausblenden. «Landliebe» denkt radikal positiv.

«Lesen, nachdenken oder einfach nur ein bisschen sein: Das Wohnzimmer lädt zum Verweilen ein – inklusive Fenster zum Garten.»

«Einfach nur ein bisschen sein.» Origineller kann man die Weltanschauung von «Landliebe» nicht formulieren. Wenn das Sein zu einem Bisschen schrumpft, dann sind wir glücklich bei «Landliebe».

Zum Infosperber-Dossier:

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2 Meinungen

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    am 14.Sep.2017 um 6:29 pm
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    Wie wahr!!! Zugegeben es sind sehr schön gemachte Fotos, aber vieles sind verdeckte Reklamen.
    Ich kenne etliche Frauen, aus meinem Bekanntenkreis, die diese Zeitschrift abonniert haben. Also es beruhigt mich, dass auch andere genauso denken wie ich.

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  • Avatar
    am 14.Sep.2017 um 11:37 am
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    Warum wir gerne ländlich wohnen

    Warum haben viele ländliche Gemeinden JA gestimmt zur Masseneinwanderungsinitiative? Weil die ländlich wohnenden Leute die lockere Bauweise, den geringen Anteil von Mietwohnungen, die Eigenverantwortung für Haus und Garten und die mässige Verkehrsbelastung schätzen. Sie wollen nicht, dass noch mehr Gemeinden zu seelenlosen, verdichteten Agglomerationsgemeinden verkommen. Um die lockere Bauweise auf dem Land in möglichst vielen Gemeinden zu erhalten, müssen wir dort ansetzen, wo das möglich ist: bei der Reduktion der Zuwanderung. Die steigende Wohnflächennachfrage der ansässigen Bevölkerung, der Drang vieler Familien aufs Land können wir nicht beeinflussen.

    Eine qualitativ hochwertige Verdichtung der Besiedlung ist zu begrüssen und entspricht auch den Vorlieben der urban gesinnten Leute. Es gibt aber einen grossen Bevölkerungsanteil, der gerne sein „Hüsli mit Garten“ hat, ob das nun den Architekten und Stadtplanern passt oder nicht. Im Übrigen weist der Modetrend des „urban gardening“ darauf hin, dass auch bei den urban Gesinnten noch ein Rest an Natursehnsucht vorhanden ist, der gerne im Wohnumfeld erfüllt werden will.

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