Warum «Heimat» kein klärendes Wort ist – weder in der politischen Debatte noch im architektonisch-städtebaulichen Diskurs.

kontertext: Unwort «Heimat»

Warum «Heimat» kein klärendes Wort ist – weder in der politischen Debatte noch im architektonisch-städtebaulichen Diskurs.

Die Leitmedien berichteten jüngst ungläubig von den Reden einiger Mitte-links-Politiker, die markig von «Heimat» sprachen. War das nicht gerade erst der Wahlkampf-Slogan der AfD? «Dein Land. Deine Heimat. Hol sie dir zurück.»

Kurz nach der Bundestagswahl sprach die Fraktionschefin der Grünen, Katrin Göring-Eckardt, von «unserer Heimat», die nicht gespalten werden solle, und kündigte an: «Für diese Heimat werden wir kämpfen!» Dies sorgte für Wirbel, worauf Göring-Eckardt in einem Gastbeitrag der «Tageszeitung» aus Berlin erklärte: «Die Sehnsucht nach ‹Heimat›, nach Zuhause, danach, sich zurechtzufinden, sicher zu sein, ist als solche nicht reaktionär, aber sie lässt sich für eine reaktionäre Agenda missbrauchen.»

Es folgte die Rede des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier am Tag der Deutschen Einheit: Heimat sei ein Ort des «Wir», ein Ort, der verbinde «über die Mauern unserer Lebenswelten hinweg». Die Sehnsucht nach Heimat dürfe nicht den Nationalisten überlassen werden, jenen, «die Heimat konstruieren als ein ‹Wir gegen Die›; als Blödsinn von Blut und Boden; die eine heile deutsche Vergangenheit beschwören, die es so nie gegeben hat». Stattdessen pries Steinmeier eine Heimat, die in die Zukunft weise und nicht in die Vergangenheit, die es erst noch zu gestalten gelte: «Heimat ist der Ort, den wir als Gesellschaft erst schaffen.»

In der Berichterstattung über die Reden ist den Kommentatoren ein leichter Schock anzumerken: Hätten die beiden den Begriff nicht lieber «rechts liegen lassen» sollen, fragt Johannes Schneider unter dem Titel «Hilfe, es heimatet sehr» in der «ZEIT»? Andere schalteten einfach den Beitrag der Deutschen Presseagentur (dpa) online, der mit einem Zitat des Berliner Politologen Oskar Niedermayer endet: «Natürlich ist es aufgrund unserer Vergangenheit ganz schwierig, über deutsche Identität, Leitkultur, Heimat und so weiter, über dieses ganze Konglomerat, zu diskutieren», meint er: «Aber die Diskussion muss sein.»

Auch die «Süddeutsche Zeitung» stellte den Beitrag der dpa unter der Rubrik «Gesellschaft» online. Im Feuilleton – und das ist das Interessante – veröffentlichte sie zugleich einen Artikel zur Wiedereröffnung des Historischen Museums Frankfurt, wo im Untertitel gefragt wird «…wie kann Architektur Heimat schaffen?»
Einen Tag später, in der gedruckten Wochenendausgabe, fällt das Fragezeichen weg. Der Untertitel lautet nun: «Die neue Altstadt in Frankfurt zeigt, wie Architektur Heimat schaffen kann – echte und falsche» (Mainmärchen, «Süddeutsche Zeitung», Nr. 231, Samstag/Sonntag 7./8. Oktober 2017). Nun ist sich die Zeitungsredaktion der Sache offenbar sicher: Architektur kann Heimat kreieren.
Für schockierte Kommentare sorgte dies nicht. In Zusammenhang mit Architektur lässt es sich ohne Weiteres von Heimat sprechen, anders als im unmittelbar politischen Kontext. Warum nur?

«Making Heimat»

Architektur und Heimat wurden 2016 an der 15. Internationalen Architekturausstellung in Venedig breitenwirksam verheiratet: «Making Heimat. Germany, Arrival Country» hiess die Ausstellung im Deutschen Pavillon. Die Idee für den Beitrag zur Architekturbiennale wurde im Herbst 2015 vom Deutschen Architekturmuseum (DAM) lanciert, als täglich Tausende Geflüchtete in Deutschland ankamen. Aus den Wänden des deutschen Pavillons wurden vier Öffnungen herausgebrochen. Mit diesem einfachen Bild sollte in Venedig die politische Aussage gemacht werden: Deutschland ist ein offenes Haus.
Die Fragen und noch mehr die Antworten der Ausstellung waren (zu) simpel gestrickt: Welche architektonischen und städtebaulichen Bedingungen braucht es an den Ankunftsorten, damit sich «Einwanderer in Deutschland erfolgreich integrieren können»? Die Antwort: «nachhaltige Unterkünfte». «Making Heimat» hiess an der Biennale also Making Häuser. Dies zeigt: Im Architekturdiskurs wird Heimat kurzerhand mit Architektur gleichgesetzt.

Auch Laura Weissmüller macht diese Gleichsetzung am Anfang ihres Beitrags über das Historische Museum Frankfurt in der «Süddeutschen Zeitung»: «Wie viel Heimat braucht eine Stadt? Und was ist das überhaupt, eine Architektur, die ein Zuhause für ihre Bewohner schafft?», fragt sie. Es folgt eine Lobeshymne auf den Museumsneubau. Er füge der historischen Bausubstanz ein Gebäude hinzu, das als Gegenwartsbau erkennbar sei und zugleich einen Reflexionsort über die Stadt- und Museumsgeschichte Frankfurts biete.
Die Museumsarchitektur reagiere unmittelbar auf den vorgefundenen Ort. Die bei den Bauarbeiten entdeckte staufische Schiffsanlagestelle sei kurzerhand integriert und museal inszeniert worden. Das Gebäude sei so geschickt konzipiert, dass auch noch ein neuer Platz in der Altstadt entstanden sei, von dem aus sich die unterschiedlichen Zeitschichten der Stadt lesen liessen, die gewachsene und wieder aufgebaute Stadt, ihre Skyline ebenso wie das einzig übrig gebliebene Fachwerkhaus von um 1400.

«Und vielleicht ist es genau das, was Architektur können muss, die den Anspruch erheben darf, Heimat zu sein», so Weissmüller: «Sie muss ihre eigene Geschichte lesbar machen. Das können keine Fassaden, die nur ein historisches Gefühl erzeugen wollen, selbst wenn sie handgeschnitzt sind. Das kann nur eine Architektur, die die Bedürfnisse und Nöte ihrer Gegenwart ernst nimmt – und die ihrer Vergangenheit.»
Negativfolie zum gelungenen Museumsbau bildet für Weissmüller die nahe des neu eröffneten Museums stattfindende teilweise Rekonstruktion und Neubebauung der Altstadt Frankfurts mit ihrem «fröhlichen Auf und Ab von Spitzgiebeldächern». Dem Altstadtquartier habe man den Auftrag gegeben, «den Frankfurtern ein Heimatgefühl zu vermitteln». Bezeichnend sind auch die Adjektive, mit denen Weissmüller (und auch andere Journalisten (Sprenkelsen in der FAZ, Erenz in der «ZEIT») den Museumsneubau beschreiben: «Solid», «vernünftig» (Weissmüller), «dezent zitierend», «gelassen, ohne sich kleinzumachen», «klar, aber nicht streng» (Erenz). Hier also das vernünftige Museumsgebäude, dort die irrationale Rekonstruktion, notabene Produkte der gleichen schwarz-grünen Regierung.

Echte und falsche Heimat?

Die Sache scheint eindeutig: Das Museumsgebäude schafft eine «echte» und die auf alt gemachte Altstadt eine «falsche» Heimat. Das eine ist ein gegenwartsbezogener, partizipativer Reflexionsort, ein Ort der Vernunft. Steinmeiers «Heimat» scheint hier Realität geworden zu sein. Der andere Ort ist AfD-Gelände, eine gefakte Vergangenheit voller Gefühlsduselei.
Es ist ja grossartig, wenn einem Museum so viel Gutes zugeschrieben und zugetraut wird. Und Retorten-Altstädte sind wirklich ein trauriges Bild, spätestens dann, wenn sie zu altern beginnen. Doch die Gleichung Heimat = Haus/Gebäude/Architektur ist kein klärender Beitrag zur aktuellen politischen Debatte um «Heimat», sondern führt diese Debatte auf anderem Terrain unproduktiv weiter. Was tun? Am besten legen wir den Begriff «Heimat» beiseite oder hören wieder einmal die Rede von Max Frisch.

Zum Infosperber-Dossier:

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Eine Meinung zu

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    am 28.Okt.2017 um 2:06 am
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    Vielleicht sollte man unter Heimat einfach dasjenige verstehen, was Politiker und Architekten nicht herstellen ("schaffen», «konstruieren") und Schriftsteller nicht zerstören können – was der Verfügungsgewalt solcher Leute glücklich entzogen ist..

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