Statt bequem oder grossspurig englische Wörter zu übernehmen, könnten wir uns die wortschöpferische Findigkeit zum Vorbild nehmen.

Sprachlupe: Englisch bietet mehr als Wörter

Statt bequem oder grossspurig englische Wörter zu übernehmen, könnten wir uns die wortschöpferische Findigkeit zum Vorbild nehmen.

Der Taster ist tot, es lebe der Taster. Der tote Taster war eine Schweizer Website, englisch auszusprechen und zur Bestellung von Probierhäppchen eingerichtet. Vielleicht hat die Sprachverwirrung zum Ende des Diensts beigetragen. Wenn schon englisch, sollte es als solches kenntlich sein. Zwar nenne ich meine Website gern Netzplatz, nur verstehen das (noch) nicht alle. Also schreibe ich meistens doch Website – aber nicht Webseite, denn das könnte man deutsch lesen und für eine gewobene Seite halten.
Nun ist also beim Taster wieder klar, dass er deutsch gemeint ist. Manche Taster sind elektrische Schalter; für Zoologen haben manche Tiere Taster, und für Setzer bezeichnete das Wort die Tastaturen oder gar die Berufsleute selber, die damit arbeiteten. Als es schon keine Setzmaschinen mehr gab, aber Manuskripte noch nicht am Computer erstellt wurden, erfassten meistens Tasterinnen die Texte. Diese Berufsgattung war kurzlebig, und so ist das Wort «Taster» heutzutage eher unterbeschäftigt; insofern war es verständlich, dass es für die Probekoster herhalten musste. Zu brandmarken aber ist, dass das völlig geläufige deutsche Wort «Brand» nun, englisch ausgesprochen, Marke bedeuten soll.
Hämen, nicht schämen
Von den Angelsachsen sollten wir nicht unbesehen Wörter übernehmen. Wirklich lehrreich ist ihre Fähigkeit, neue Ausdrücke zu prägen, etwa indem sie aus einem Verb ein Substantiv machen oder umgekehrt. In letzter Zeit sind mir einige deutsche Neuprägungen begegnet – oder was ich dafür hielt. So «hämten» laut einer kurzen Notiz englische Zeitungen über die erfolglose Fussball-Nationalmannschaft. Das schöne Wort ist indes nicht neu; es steht auch im Duden, online (netzlich?) mit der niedrigsten der fünf Häufigkeitsstufen, die es dort gibt. Benutzen wir es, damit es aufsteigt!
Eine Stufe geläufiger ist «fussläufig»; laut Duden «fachsprachlich für zu Fuss erreichbar» (duden.de spricht gar von «Fachjargon»). Wenn eine Zeitung schreibt, «das Urbangärteln» sei «fussläufig erreichbar», bleibt unklar, ob sie das Gärtlein und die Tätigkeit daselbst meint – aber jedenfalls ist es «zu Fuss erreichbar erreichbar». Die Verdoppelung merkt aber nur, wer den Fachjargon kennt. Wer einfach so zu Fuss geht, ist mit «zu Fuss erreichbar» besser bedient. Nebenbei: Jetzt habe ich mir soeben die «Fussgängerinnen und Fussgänger» erspart oder die ebenso schwerfällig «zu Fuss Gehenden», aber wer «wer» für männlich hält, wird es nicht goutieren.
Durchstochen und durchgestochen
«Schrötig, aber nötig» hiess es einst über Lastwagen. «Schröppig» waren neulich Lieder, genau zitiert Songs. Wer weiss, dass Schroppen in der Fachsprache der Steinbrüche gröbere Brocken als Schotter sind, kann sich darunter etwas vorstellen. Und wie eine E-Gitarre «strassenkötert», braucht man nicht selber gehört zu haben, um es nachzuahmen – vielleicht sogar treffend. Jedenfalls sind die beiden Wörter zur Nachahmung empfohlen, damit sie es dereinst in den Duden schaffen. «Durchstechen» steht schon drin, aber nicht so, wie es neulich ein deutscher USA-Korrespondent verwendete: Da hatten Leute im Weissen Haus etwas Brisantes «an die Presse durchgestochen». Das klingt doch viel besser als «geleakt»; allerdings würde auch «der Presse gesteckt» reichen.
Betont wird «durchstechen» hier auf der ersten Silbe, deshalb ist das Partizip mit «ge» gebildet. Hingegen wird ein Damm gemäss Duden endbetont «durchstochen»; er selbst erleidet den Stich, während bei der Indiskretion das Durchgestochene möglichst intakt weitergegeben wird. Das Wörterbuch kennt diese Anfangsbetonung auch, etwa wenn eine Nadel durchs Tuch durchgestochen wird. Der neuere, übertragene Sinn aber steht erst im Online-Duden. Nochmals nebenbei: Der Unterschied bei Betonung und Partizip zählt auch, wenn die Polizei den Täter seines Verbrechens überführt und dann ins Gefängnis übergeführt hat. Nur lässt der Duden leider im zweiten Fall das endbetonte «überführt» seit geraumer Zeit ebenfalls gelten.
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Daniel Goldstein zeigt, wie Worte provozieren, irreführen, verharmlosen – oder unbedacht verwendet werden.

Eine Meinung zu

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    am 6.Aug.2017 um 7:35 pm
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    Die Verwendung von «wer» anstelle von «jemand, der» (jemand, die ??) ist sehr gut. Danke für den Tipp.

    Ausserdem empfinde ich «wer/wen/wem» nicht als männlich. Beleg: Wenn ich im HB Zürich laut rufte: «Wem gehört diese Hundertfrankennote, dich ich auf dem Boden gefunden habe» würden sich sicher auch Frauen angesprochen fühlen.
    (kleiner Scherz)

    Zu «leak» und «leaked»:
    Für mich ist ein «leak» ein Leck und «leaked» übersetzte ich als «durchsickern lassen».

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