Kann unsere Mundart als eigenständige Sprache gelten? Ein Indiz dagegen: Berner Forschung ortet sie im Gehirnfach des Deutschen.

Sprachlupe: Hoch- und Schweizerdeutsch im selben Hirnwinkel

Kann unsere Mundart als eigenständige Sprache gelten? Ein Indiz dagegen: Berner Forschung ortet sie im Gehirnfach des Deutschen.

Wie bereitet das Gehirn Sätze vor, die wir gleich sagen werden? Nach dem kurzen Einblick, den in der letzten «Sprachlupe» Sätze mit «weil» ermöglichten, wird hier ein abgeschlossenes Forschungsprojekt der Universität Bern vorgestellt. Es ging dabei um Dialekt und Hochdeutsch: Behandelt das Gehirn sie als Erscheinungsformen (Varietäten) ein und derselben Sprache oder wie zwei verschiedene Sprachen, die jemand ähnlich gut beherrscht? Im Oktoberheft der Zeitschrift «Sprachspiegel» beschreiben Forscherinnen unter Leitung der Dozentin Constanze Vorwerg ihr Vorgehen und die Resultate.
Untersucht wurde der Abruf von Sprachmustern anhand von Experimenten mit 72 Studierenden, die in der Deutschschweiz aufgewachsen sind und zum Teil auch Tamilisch beherrschen. Ihnen wurden einfache Bilder gezeigt; entweder erklang dabei eine Beschreibung oder diese musste – in der jeweils verlangten Sprache bzw. Varietät – geliefert werden. Die Auswertung erfolgte aufgrund eines Modells mit mehreren Ebenen im Gedächtnis. Die Konzeptebene enthält Begriffe in sprachlich nicht festgelegter Form; in der lexikalischen Ebene sind sie in Wörter gefasst, abgespeichert in je einem «Knoten». Für eine Äusserung muss so ein Wortknoten mit einem strukturellen (grammatikalischen) Knoten verbunden werden, damit die richtige Wortform herauskommt.

Der Papagei-Effekt

Aus früheren Forschungen wusste man, dass diese Vorgänge einem «Priming» (Voraktivierung) unterliegen: Stehen für einen Begriff verschiedene Wörter zur Verfügung (z. B. Anke und Butter), so wird man eher jenes verwenden, das man kurz zuvor gehört hat. Ebenso bei verschiedenen Konstruktionen; im Experiment war etwa zu sehen und zu hören, wie ein gezeichnetes Tier «einem» andern oder eben «für ein» anderes einen Kuchen bäckt. Besonders stark ist der Nachahmungseffekt, wenn sowohl fürs Wort als auch für die Konstruktion kurz zuvor ein Vorbild aufgetaucht ist; die Fachleute sprechen dann von einem «lexikalischen Boost» (Ankurbelung).
Dieser Boost ist beim Wechsel in eine Fremdsprache schwächer, sogar wenn die Wörter miteinander verwandt sind (backen / to bake). Im geschilderten Modell folgt daraus, dass diese Wörter in verschiedenen Knoten gespeichert sind. Die Berner Experimente haben nun ergeben, dass beim Wechsel zwischen Schweizer- und Hochdeutsch verwandte Wörter wie «backen» und «bache» einen ebenso starken Boost bewirken, wie wenn das Vorbild und die eigene Äusserung der gleichen Sprachvarietät angehören. Dieser Befund «spricht für eine gemeinsame Speicherung als ein lexikalischer Eintrag im mentalen Lexikon», schliessen die Forscherinnen.

So schmilzt «Anke» dahin

Sie sehen diesen Befund durch weitere Experimente bestätigt, bei denen es etwa um die Reaktionszeit und die Fehlerquoten beim Umstellen von einer Sprache bzw. Varietät auf die andere ging. «Fehler» ist hier allerdings ein relativer Begriff; es geht um die unterschiedliche «Akzeptabilität» eines Worts. Sie sei etwa auf Berndeutsch für «Pneu» hoch, auf Standarddeutsch dagegen für «Reifen». Aber siehe da: «Durch lexikalisches Priming können auch an sich weniger bevorzugte oder akzeptierte Wörter aktiviert und damit zur Benennung gewählt werden. Bei häufigerer Verwendung dürfte sich deren Akzeptabilität schrittweise erhöhen.»

In diesem Umstand erkennen die Autorinnen einen «Mechanismus zum Sprachwandel». So werden «Anke» und «Butter» gemäss dem Kleinen Sprachatlas «inzwischen in der Mundart nebeneinander verwendet». Das Priming scheint also selbst dann zu funktionieren, wenn – wie in diesem Beispiel – die beiden Wörter sprachlich nicht miteinander verwandt sind. Ein Grund mehr, zu schweizerischen Formen Sorge zu tragen.
— Zum Infosperber-Dossier «Sprachlupe»

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