Eine Preisverleihung in Bern gibt Anlass, über journalistische Qualität nachzudenken. Rasterfahndung kann helfen, diese zu finden.

Sprachlupe: Was zeichnet ausgezeichneten Journalismus aus?

Eine Preisverleihung in Bern gibt Anlass, über journalistische Qualität nachzudenken. Rasterfahndung kann helfen, diese zu finden.

«Umfassende Recherche, journalistische Qualität und gesellschaftliche Relevanz» – danach hat eine weltweit tätige Jury in über 900 eingereichten Reportagen (in 21 Sprachen) gefahndet. Wer den erstmals verliehenen True Story Award gewinnt, werden die 39 Nominierten Ende August in Bern erfahren – im Rahmen eines mehrtägigen Festivals, an dem das Publikum sie kennenlernen und Diskussionen verfolgen kann über Journalismus in Zeiten von Jekami, Filterblasen und Fake News. Wer sich inzwischen Gedanken über die Güte der eigenen Medienkost machen will, kann es zum Beispiel anhand der folgenden Wortpaare tun; ich habe sie zum Abschluss meines Redaktorenlebens zusammengestellt.
Aufregen – Anregen: Zielt der Text (oder die Sendung) durch Tonlage und Wortwahl mehr darauf ab, Empörung zu schüren, oder darauf, Interesse zu wecken?
Leserfang – Leserbindung: Geht es mehr darum, diesmal aufzufallen, oder darum, sich durch Zuverlässigkeit zu bewähren?
Konkurrenz – Kompetenz: Wer führt die Feder, der radschlagende Pfau oder die umsichtige Eule?
Zeigfinger – Fingerzeig: Wird angeprangert und ermahnt oder wird auf etwas hingewiesen, das nähere Betrachtung verdient?
Auspressen – Ausmessen: Macht ein Text seinen Inhalt gewichtiger, als mir angemessen scheint, oder hilft er mir dabei, die Sache vernünftig einzuordnen?
Sprint – Marathon: Wird ein Thema kurz hochgefahren und dann fallen gelassen oder wird es auch dann verfolgt, wenn es nicht gerade brennt?
Firlefanz – Relevanz: Geht es um eine – vielleicht ja amüsante – Belanglosigkeit oder um etwas, das aufgeweckte Zeitgenossen wissen sollten?

«Jää Sii, das wird gläse!»

Das pflegte ein erfahrener Kollege zu sagen, wenn ich als beflissener Jungspund zu bezweifeln wagte, ob diese oder jene Lappalie wirklich in die Zeitung gehöre. Viel später wurde ich von einzelnen Nachgeborenen belehrt, es sei anmassend, Stoffe nach ihrer Bedeutsamkeit zu beurteilen, und schulmeisterlich, der Aufklärung dienen zu wollen – allein das Leserinteresse zähle. Als Mass dafür galten einst Befragungen, für Radio und TV Einschaltquoten, heute sind es Klickraten im Internet. Umso mehr freut es mich, dass «gesellschaftliche Relevanz» zu den Kriterien der Reportagenjury gehört. Die Frage danach ist eine Ermessensfrage – beileibe kein Tabu, sondern guter Diskussionsstoff. Das gilt ebenfalls für die Jury-Kriterien Recherchetiefe und Qualität.
Ebenso bilden meine Wortpaare keinen festen Massstab; die beiden Begriffe sind jeweils auch keine absoluten Gegensätze. Jeder Pol mag berechtigt sein, und nicht alle Leserinnen und Leser werden die gleichen Präferenzen haben. Meine Wortwahl hat wohl schon verraten, was ich vorziehe: die journalistische Haltung des Anregens, das Ziel der Lesertreue, den Auftritt mit Kompetenz, die Geste des Fingerzeigs, die Sichtweise mit Augenmass, den Langstrecken-Rhythmus und das Kriterium der Relevanz fürs öffentliche Leben.

Strohfeuer und Leuchttürme

Die Gegenpole – aufregende Fieberschübe, marktschreierische Hypes, süffige Stöffchen – haben in den letzten Jahrzehnten ihre Anziehungskraft gestärkt; diese Tendenzen lassen sich unter dem Stichwort Boulevardisierung zusammenfassen. Praktisch alle Bezahlmedien haben versucht, sich mit einer (unterschiedlichen) Dosis davon im Wettbewerb zu stärken. Heute, wo sie insgesamt unter dem Druck vielfältiger Gratisangebote stehen, ist eine Gegentendenz zu spüren, auch mit neuen Mitteln wie Datenjournalismus oder international vernetzten Recherchen. Oder eben mit der Würdigung persönlicher Ausnahmeleistungen wie am Reportagen-Festival («Reportagen Festival Bern»; Programm und Texte).
— Zum Infosperber-Dossier «Sprachlupe»

Zum Infosperber-Dossier:

Sprachlupe: Alle Beiträge

Daniel Goldstein zeigt, wie Worte provozieren, irreführen, verharmlosen – oder unbedacht verwendet werden.

2 Meinungen

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    am 13.Aug.2019 um 8:30 am
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    Lieber Herr Goldstein
    Danke für diesen ausgezeichneten Artikel!
    Ich finde, es gibt viel zu viel Einheitsbrei und zu wenig mutige, in die Tiefe gehende Recherchen, die neue Einsichten zutage fördern. Wovor hat man Angst? Vor den Lesern brauchten sich die Journalisten (je «diverser», desto besser!) sicher nicht zu fürchten: Sie würden echte Einsichten begeistert aufnehmen.
    Felix Sachs

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    am 3.Aug.2019 um 4:59 pm
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    Gute Kolumne und treffende Kriterien. Auf das Festival trifft all das weniger zu. Da wird wieder die alte Leier langer storytelling-Reportagen renommierter Kollegen renommierter Publikationen aufgelistet, die in ihren jeweiligen Regionen schon andere Preise gewannen. Null Innovation und leider oft auch wenig gesellschaftliche Relevanz ausserhalb der Blase.

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