Dass Migranten Krankheiten einschleppen, ist Unsinn

Wissenschaftler aus Grossbritannien zerlegen diese und andere Mythen über Migration und Gesundheit.

Wer migriert, ist durchschnittlich gesünder als andere. Zu diesem Ergebnis kommt ein ganzes Bündel an Studien der Kommission für Migration und Gesundheit. Die von der Zeitschrift «The Lancet» und dem University College London gegründete Gruppe hat die Auswirkungen von Migration auf die Gesundheit in Herkunfts- und Zielländern sowie von Migranten selbst erforscht. Zusammen umfasst «The health of a world on the move», publiziert in «The Lancet», mehrere hundert Seiten.

Das Fazit: Das Klischee vom Migranten als Krankheitsträger, das von nationalistischen Parteien gerne ins Spiel gebracht wird, ist falsch. Der «Healthy Migrant Effect» ist so auffällig, dass er sogar eine eigene Bezeichnung hat, schreiben die Autoren, und kritisieren sich gleich im Anschluss selbst: die migrantische Bevölkerung zerfällt in so viele Untergruppen, dass dies eine inadäquate Bezeichnung wäre.

Durchschnittlich gesünder als die umgebende Gesellschaft

Eine der Studien, die untersucht hat, woran Migranten in wohlhabenden Ländern sterben, kommt zum Schluss, dass Migranten seltener an dort verbreiteten Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems oder Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes sterben. Nur an einigen Infektionskrankheiten sterben sie häufiger. Entweder, weil diese im Ursprungsland verbreiteter sind, oder weil sie sich auf dem Weg ins Zielland damit angesteckt haben. Dazu gehören HIV, Virushepatitis und Tuberkulose (TB). Diese kommen jedoch in wohlhabenden Gesellschaften so selten vor, dass sie statistisch wenig ins Gewicht fallen.

Ein multiresistenter TB-Stamm beispielsweise, der in deutschen Medien vor einigen Wochen für Aufmerksamkeit sorgte, ist tatsächlich selten. TB ist in Deutschland meldepflichtig und kann in der Regel mit Antibiotika gut behandelt werden. 2017 gab es dort insgesamt 5486 TB-Erkrankungen, das sind 6,7 Fälle pro 100‘000 Einwohner. Im Jahr 2012 waren es 5,2 pro Hunderttausend. 27 Prozent der Infizierten waren in Deutschland geboren. Von einem «signifikanten Anstieg», wie die AfD behauptet, ist das weit entfernt. Viel häufiger als in Deutschland tritt Tuberkulose in Osteuropa auf. Das Bild vom dunkelhäutigen Migranten, der Seuchen nach Europa schleppt, ist an dieser Stelle gleich zweimal falsch.


Von 2002 bis 2017 in Deutschland gemeldete TB-Erkrankungen pro 100‘000 Einwohner. (Daten: Statista, Grafik: t-online)

Positive Seite wird massiv unterschätzt

Wenn Krankheiten auch grosse Meere überspringen und auf anderen Kontinenten auftauchen, liegt das meist an etwas anderem: Die globale Mobilität nimmt zu. Inzwischen ist es theoretisch möglich, sich in Nordeuropa mit einer Tropenkrankheit anzustecken. Die Quelle ist dabei aber wahrscheinlich kein Migrant, sondern ein Tourist. Auch Tiere und Tierprodukte können Krankheiten transportieren. Das Risiko für die Bevölkerung des Ziellandes, sich bei einem Migranten mit einer Infektionskrankheit anzustecken, ist gering. Migranten, darauf deuten die Daten hin, stecken, wenn schon, meist andere Migranten an.

Auch mit einer anderen Behauptung räumt die Untersuchung auf. Dass Migration eine überdurchschnittliche Last für die Gesundheitssysteme wohlhabender Gesellschaften darstelle, sei ebenfalls falsch und decke sich nicht mit den Ergebnissen ihrer Untersuchungen, schreiben die Autoren. Selbst anfänglich höhere Aufwendungen für die Gesundheitsfürsorge fielen dabei nicht ins Gewicht. Der positive Einfluss auf die Zielgesellschaft werde dagegen unterschätzt. So arbeiten besonders viele Migranten im Gesundheitssystem, vor allem als Pflegekräfte, aber auch als Ärztinnen und Ärzte.

Diskriminierung ist ungesund

Wie häufig Migranten krank sind, hängt neben der Art ihrer Reise auch von ihren Lebensumständen im Zielland ab. Diskriminierung und Rassismus beeinflussen ihren Gesundheitszustand nachteilig. Eine der im Vergleich zur umgebenden Gesellschaft häufigere Todesursache fanden die Autoren in der Rubrik «Externe Gründe». Zu den «externen Gründen» gehören Gewalt und Angriffe jedweder Art, Unfälle und auch Selbsttötungen.


Woran Migranten in wohlhabenden Ländern sterben, Abweichung von der mittleren Todesrate im Land (Standardized Mortality Rate, SMR) nach Krankheitsbild. Punkte rechts der 1,0-Linie bedeuten dabei eine höhere Sterblichkeit, Punkte links davon eine niedrigere. (Quelle: Global patterns of mortality in international migrants: a systematic review and meta-analysis)

Der Gesundheit von Migrantinnen und Migranten müsse mit Blick auf die Weltgesundheit aber trotzdem mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden, fordern die Autoren. Diese hänge in grossen Teilen von politischen und strukturellen Voraussetzungen ab. Rassistische, xenophobe oder nationalistische Abschottung hätte dabei keinen Platz. Migration sei eine Realität, «die nicht verschwinden wird».

Sie kritisieren Länder wie Australien dafür, dass Migration mit bestehenden Krankheiten wie HIV dort nicht möglich ist. Das führe dazu, dass Krankheiten verschwiegen würden und nicht behandelt werden können. Von einer guten Gesundheitsfürsorge bei Migranten profitiere ein Land jedoch nachhaltig.

Zum Infosperber-Dossier:

Migrantinnen, Migranten, Asylsuchende

Der Ausländeranteil ist in der Schweiz gross: Die Politik streitet über Asyl, Immigration und Ausschaffung.

3 Meinungen

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    am 23.Dez.2018 um 9:20 pm
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    Frau Gschweng, gemäss Eigendeklaration «freie Journalistin», hat wacker recherchiert und ist in der Tat im fernen GB fündig geworden: Irgend eine Studie (gesponsert von irgend einer Zeitschrift mit bescheidener Auflage) von irgendwelchen Autoren hat berichtet, dass Migranten gar keine Krankheiten einschleppen. Wer Solches zu behaupten wagt, ist a priori «nationalistisch». So so. Geschätzte Frau Gschweng, Sie haben ja offenbar Zugang zum Internet. Dann suchen Sie doch mal Seiten auf wie z.B. lungenliga.ch, bag.admin.ch, medicalforum.ch, aerzteblatt.de, aerztezeitung.de, usw. usw. Natürlich alles Fake news, infiltriert von der SVP oder von Guru aus Herrliberg persönlich …

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    am 23.Dez.2018 um 7:37 pm
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    Eher als Ergänzung zu diesem Artikel oben, möchte ich für Interessierte diesen Link nennen:

    https://www.zeit.de/2014/06/tuberkulose-klinik-bayern

    Deutschland leistet sich nämlich in Parsberg, nahe der Autobahn Nürnberg-Regensburg in Nordbayern, ein spezielles Gefängniskrankenhaus für Tuberkulose-Erkrankte, die sich uneinsichtig zeigen und ihre Umgebung damit gefährden.

    Die Schweiz hat m.W. keine solche spezialisierte Einrichtung in ihren Landesgrenzen.

    Werner Eisenkopf

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