Das ESAF verbinde die Schweiz wie kein anderer Anlass, hört man häufig. Doch das stimmt nicht.

Dem Schwing- und Älplerfest geht die gefeierte Schweiz verloren

Das ESAF verbinde die Schweiz wie kein anderer Anlass, hört man häufig. Doch das stimmt nicht.

Red. Peter Brotschi lebt als Autor und Politiker im Kanton Solothurn.

Bald treten sie wieder an: Die Bösen. Im Sägemehlring, 14 Meter im Durchmesser. Bis zum Schlussgang. Das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest 2019 in Zug soll ein Anlass der Superlative werden. Die grösste temporäre Arena der Welt für 56500 Personen und einem Public Viewing für jene, denen das Ticket zu teuer ist oder die keinen Einlass mehr gefunden haben.
Nichts gegen den Schwingsport. Der direkte Kampf Mann gegen Mann ist faszinierend. Ein Tag am Rand des Wettkampfplatzes ist ein emotionales Wechselbad, das mit steigender Spannung Stunde um Stunde seinem Höhepunkt zustrebt, den 15 Minuten des Schlussgangs. Klopft anschliessend der Sieger seinem unterlegenen Kontrahenten das Sägemehl vom Rücken, löst sich die Spannung in Freude oder Traurigkeit auf. Sieg oder Niederlage liegen oft nur einen gekonnt geführten Hosenlupf auseinander. Persönlich habe ich bereits einige Schwingfeste besucht, aber nur im eigenen Kanton, an der Weissenstein-Schwinget und am Solothurnisch-Kantonalen. Diese Tage im sportlich-festlichen Rahmen und ohne grosses Zuschauergedränge habe ich jeweils sehr genossen.
Der reine Schwingsport ist das eine, sein atmosphärisches Umfeld das andere. Um die letzten Austragungen des ESAF entwickelte sich in der Welt der Medien und des Konsums ein Treiben, das nur noch mit dem Modewort „Hype“ umschrieben werden kann. In den SRF-Fernsehclips werden die „Bösen“ als heroische Kämpfer dargestellt – wie einst die Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts die mittelalterlichen Eidgenossen als heldenhafte Streiter für die Freiheit zelebrierte.
Da gibt es auch zwei Musiker, die auf der von SRF gestossenen ESAF-Welle surfen können und dabei von Auftritt zu Auftritt gereicht werden. Im offiziellen Song schwingen Gölä und Trauffer ihre Gitarren nicht auf einer Bühne. Sie spielen und singen in den Alpen, was für einen Reklamesong pro Schwingsport offenbar zwingend ist. Eigentlich hätten sie ihre mit eingängigen Jodelklängen gepaarten Gitarrenriffs vor den Hauptsitzen von Nestlé, Glencore, Novartis, UBS oder CS erklingen lassen sollen. Dort findet die Schweiz von heute nämlich mehr statt als in den Alpen oder in der Landwirtschaft. Und wenn schon Berge, dann wäre es ein paar hundert Höhenmeter tiefer anzeigt gewesen: Die alpine bäuerliche Schweiz, die am ESAF gefeiert wird, ist im Sommer eher schweisstreibend in den Heumatten anzutreffen als auf einem schneebedeckten Gipfel.
Das ESAF verbinde die Schweiz wie kein anderer Anlass, ist eine viel gehörte Umschreibung, stimmt aber nicht. Es gibt etliche andere „gutschweizerische“ Anlässe, wie zum Beispiel das Eidgenössische Turnfest, an dem die meisten Besucherinnen und Besucher sogar selber sportlich aktiv sind und nicht nur auf der Zuschauertribüne konsumieren. Es mag sein, dass rund um den Schwingsport versucht wird, Tradition und Fortschritt zu vereinen. Die Frage ist nur, welcher Fortschritt gemeint ist? Dass in diesem Land seit Jahrzehnten in jeder Sekunde ein Quadratmeter Land überbaut wird, das die Bauern eigentlich für die Produktion von Lebensmittel oder die Natur für Flora und Fauna bräuchte? Dass innerhalb einer halben Generation eine Million Menschen mehr in diesem Land leben und jedes Jahr bevölkerungsmässig wieder eine Stadt in der Grösse von Biel hinzukommt? Dass die Verkehrsinfrastruktur am Anschlag ist und mit Milliarden an Steuergeldern laufend erweitert werden muss – wiederum zu Ungunsten der Landschaft? Ist dies der „Fortschritt“, den das ESAF mit der Tradition der bäuerlichen Schweiz zu verbinden sucht?
Diese Vereinigung von wirtschaftlichem Fortschritt – sprich: Landschaftszerstörung – und einer bäuerlichen Eidgenossenschaft klappt für die Dauer des ESAF vielleicht in den Köpfen der Festbesucherinnen und -besucher, ist aber in der Realität nicht haltbar. Gerade in Zug ist die neue Schweiz mit grossen Wohnbauten gleich hinter der Arena sehr gut sichtbar. Dass rund um die Sägemehlringe eine Schweiz gelobt wird, die sogar am Verschwinden ist, zeigt sich anhand der Landwirtschaftsbetriebe: Im Jahr 2001, als der Ostschweizer Arnold Forrer in Nyon als Schwingerkönig auf die Schultern seiner Kameraden gehievt wurde, gab es noch 68’784 bäuerliche Betriebe (Quelle: BFS). 2018 waren es noch 50’852 Betriebe. Fast 18’000 Landwirtschaftsbetriebe sind im Verlaufe von fünf Eidgenössischen Schwing- und Älplerfeste verschwunden. Da lässt sich leicht ausrechnen, wann ein ESAF mit einer Schweiz ohne Bauern durchgeführt wird.
Man kann es auch anders sehen: Gut, dass es das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest gibt. Hoffentlich noch sehr lange. Gegen Ende dieses Jahrhunderts wird das Schweizer Mittelland ein zubetonierter Wirtschaftscluster sein, der Jura ein überfülltes Naherholungsgebiet und die eisfreien Alpen ein Reservat für den globalen Tourismus. Dann können unsere Enkel und Urenkel am ESAF als sportliches Freilichtmuseum wenigstens erleben, wie die Schweiz mal war. Bis etwa zum Zweiten Weltkrieg.

Eine Meinung zu

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    am 22.Aug.2019 um 1:47 pm
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    SRF 1 ist geradezu oberpeinlich. Bei jeder Gelegenheit werden die Jungschwinger im Programm erwähnt. Sogar bei Kochrezepten werden Jungschwinger angefragt, heute Donnerstag zu Kalbsgeschnetzeltem darf ein Jundschwinger seinen Kommentar abgeben!
    Es gibt wesentlich grösser Jugendorganisationen wie im Fussball, Pfadi, CEFI und andere die kommen im Radio nie zu Aufmerksamkeit. SRF kriecht der Randsportart zu Füssen!

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