«Der Frauenhass beeinflusst meine Arbeit»

Journalistinnen sind im Online-Netz frauenfeindlicher Kritik und Drohungen ausgesetzt. Eine Umfrage offenbart die Auswirkungen.

Für Medienschaffende gehört es heute zu ihrer Arbeit, ihre Artikel in sozialen Medien zu teilen und so mit dem Publikum in Kontakt zu treten. Im Unterschied zu Männern müssen Frauen dabei mit verbaler Gewalt und Drohungen wegen ihres Geschlechtes rechnen. Ein Forschungsteam der University of Texas hat 75 professionelle Journalistinnen aus Deutschland, Grossbritannien, den USA, Indien und Taiwan befragt, wie sich solche Attacken auf ihre Arbeit auswirken. Die Befragten sind 21 bis 60 Jahre alt und haben zwischen neun Monaten und 35 Jahren Berufserfahrung.

«Das war keine Kritik an meiner Arbeit»
Fast alle Befragten haben schon Kritik erlebt, die über ihre Arbeit hinausgeht. Meist werden sie wegen ihres Geschlechtes oder ihres Aussehens attackiert. Besonders betroffen sind Journalistinnen, die über «männliche» Themen wie Autos oder Videospiele oder über kontroverse Themen wie Migration, Rassismus und Feminismus berichten. Eine US-Journalistin sagte: «Als Frau muss ich mit Kommentaren umgehen, die viel schlimmer sind als die Kommentare, mit denen meine männlichen Kollegen umgehen müssen.» Eine Online-Journalistin aus Deutschland erzählte von einer üblen Attacke: «Das war keine Kritik an meiner Arbeit, es war die Zerstörung meiner Person.» Eine Journalistin aus Indien berichtete von Vergewaltigungsdrohungen: «Diese werden benutzt, um uns zu ängstigen, einzuschüchtern und davon abzuhalten, unsere Arbeit zu machen. Dahinter steht die Absicht, unsere Meinungen und damit unsere Unabhängigkeit zum Verschwinden zu bringen.»

Unterschiedliche Strategien
Ein Rückzug aus den sozialen Medien ist für viele Journalistinnen keine Option. Einige versuchen, sich eine dickere Haut anzueignen und verbale Übergriffe und Drohungen zu ignorieren, auch wenn dies schwer falle. Andere entwickeln Strategien, um Frauenhasser zu bremsen. Dazu gehören technische Mittel wie beispielsweise das Blockieren von Worten wie «Busen» oder «sexy» für Kommentare, die User auf Facebook posten. Wieder andere Journalistinnen gaben an, dass sie zurückhaltender formulieren, um Attacken zu vermeiden. «Ja, der Hass beeinflusst meine Arbeit. Ich bin vorsichtiger geworden», sagte eine US-Reporterin.
Eine deutsche Reporterin kritisierte, dass man in der Ausbildung zwar lernt, online aktiv zu sein, aber nicht, wie man sich vor verbaler Gewalt schützen kann. Die befragten Journalistinnen aus Deutschland bemängelten alle, dass Chefs und Kollegen sie zu wenig unterstützen. Diese würden verbale Übergriffe rasch als persönliches Problem einer Hypersensiblen abtun.

Attacken ernst nehmen
Die meisten der Befragten fühlen sich unter Druck, online aktiv zu sein. Von ihren Arbeitgebern erwarten sie, dass diese verbale Gewalt und Drohungen ernst nehmen und beispielsweise Kommentare strenger moderieren. Ziel müsse es sein, ein sichereres Umfeld für die Arbeit von Journalistinnen zu schaffen.
Das Forschungsteam zieht aus der Umfrage den Schluss, dass die Journalistinnen mehr Unterstützung brauchen, wenn sie mit verbaler Gewalt und Drohungen konfrontiert sind. Forschungsleiterin Gina Masullo Chen: «Es ist ein ernsthaftes Problem, wenn sich Journalistinnen, die ihren Job erledigen, einem Risiko aussetzen.»
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Dieser Beitrag erschien zuerst auf «FrauenSicht.ch».

Zum Infosperber-Dossier:

Gewalt

«Nur wer die Gewalt bei sich versteht, kann sie bei andern bekämpfen.» Jean-Martin Büttner

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