Spielen fördert bis ins hohe Alter wichtige Hirnfunktionen. Doch gerade dieser Aspekt fehlt in der Broschüre «Hirn-Gymnastik»

Der Spieler: Die Hirnliga muss noch spielen lernen

Spielen fördert bis ins hohe Alter wichtige Hirnfunktionen. Doch gerade dieser Aspekt fehlt in der Broschüre «Hirn-Gymnastik»

«Durch Denkübungen, soziale Aktivitäten und körperliche Tätigkeit werden im gesunden Gehirn neue Nervenverbindungen hergestellt. Selbst die Bildung neuer Hirnzellen ist in einigen Hirnregionen möglich. Je mehr wir unser Gehirn aktiv erhalten, desto lebendiger bleiben wir im Geist. Besonders Ausdauertraining verbessert Lern- und Gedächtnisleistungen.» Das Zitat stammt aus der Kleinbroschüre «Hirn-Gymnastik», die vor nicht allzu langer Zeit von der Schweizerischen Hirnliga im Rahmen ihrer Präventionsbemühungen breit gestreut worden ist.

Als Siebzigjähriger gehöre ich eindeutig zum Zielpublikum. Ich möchte ja, wie die meisten oder zumindest viele ältere Menschen, etwas für meine geistige und körperliche Gesundheit unternehmen. Interessiert blättere ich deshalb «Hirn-Gymnastik» durch und stosse dabei auf einige interessante Anregungen: Überkreuzbewegungen verbessern, Koordination und Beweglichkeit verbessern, die Bauchatmung führt dem Gehirn mehr Sauerstoff zu, und wenn ich mich draussen im Freien bewege, werden Körper und Geist mit mehr Energie versorgt. Wer einen Lesezirkel gründet, pflegt dank des Austauschs mit anderen Menschen soziale Kontakte, was wiederum die geistige Gesundheit fördert. Weil es besondere Konzentration und Koordination erfordert, stellt Tanzen eine gewaltige Herausforderung für das Gehirn dar. Und schliesslich, ganz wichtig: «Körperliche Aktivität kann noch mehr: Sie lässt den Körper glücklichmachende Endorphine ausschütten.»

Aufforderung zum Spielen fehlt

Die «Hirn-Gymnastik»-Tipps basieren auf dem gängigen Wissen über die Zusammenhänge von Bewegung und Gesundheit und von der Bedeutung sozialer Kontakte für die geistige Fitness. Wer sie befolgt, tut mit Blick auf ein gutes Altern zweifellos das Richtige. So weit, so gut. Ich vermisse jedoch eine weitere Anregung – die Aufforderung zum Spielen. Nicht nur, weil ich Spielekritiker bin und als solcher immer allergisch reagiere, wenn «mein» Gebiet nicht oder zu wenig beachtet wird, sondern weil dies ebenfalls neurobiologischen Erkenntnissen entspricht.

Im Buch «Rettet das Spiel!», das er zusammen mit dem Philosophen Christoph Quarch herausgegeben hat, schreibt der Hirnforscher Gerald Hüther: «Im Spiel kommt es zu einer verstärkten Aktivierung all jener neuronalen Netzwerke, die gebraucht werden, um die jeweiligen Herausforderungen des betreffenden Spiels zu meistern. Je komplexer das Spiel ist, desto mehr solcher regionalen Netzwerke werden gleichzeitig aktiviert. Genau das ist die entscheidende Voraussetzung dafür, dass wir durch neuartige Verknüpfungen der in diesen regionalen Netzwerken verankerten Wissensinhalte neue kreative Einfälle und Ideen entwickeln können.»

Dünger fürs Hirn

Warum das gerade beim Spielen so ist, hängt wesentlich damit zusammen, dass dabei im Mittelhirn Belohnungszentren aktiviert und Botenstoffe freigesetzt werden. Die Wirkung ist doppelt: Erstens provozieren diese Botenstoffe im Körper Gefühle von Freude und Begeisterung. Und zweitens stimulieren sie das Wachstum der neuronalen Vernetzungen: «Sie wirken also so ähnlich wie ein Dünger und fördern das Auswachsen von Fortsätzen und die Neubildung und Stabilisierung von Synapsen (= Verbindungsstelle zwischen zwei Nervenzellen, Anm. S.E.) So werden bestehende Netzwerke weiter ausgebaut, und all das, was im Hirn daran beteiligt war und aktiviert worden ist, um ein Problem zu lösen oder eine neue Erkenntnis zu gewinnen, wird in Form entsprechend verstärkter Netzwerke fest und nachhaltig im Gehirn verankert.»

Mit anderen Worten: Spielen fördert die geistige Leistungsfähigkeit, und zwar unabhängig davon, was gespielt wird. Spielen erhält das menschliche Gehirn bis ins hohe Alter jung und lernfähig. Es müsste also dringend in eine Broschüre wie «Hirn-Gymnastik» aufgenommen werden, gleichwertig zum Tanzen, Walken oder Bauchatmen.

Mich erstaunt, dass die Experten der Schweizerischen Hirnliga nicht von selber auf diese Idee gekommen sind. Vielleicht liegt es auch an mangelndem interdisziplinären Austausch unter den verschiedenen Richtungen der Hirnforschung. Denn das Wissen über die hier beschriebenen Zusammenhänge ist bei den Fachleuten vorhanden: Ein bemerkenswertes Beispiel für die Umsetzung in die Alltagspraxis ist die kürzlich von der Kinderklinik des Berner Inselspitals veröffentlichten Broschüre «Spiele zur Förderung von Hirnfunktionen». Sie umfasst mehr als hundert Titel aus dem aktuellen Angebot. «Wenn sie im Alltag regelmässig gespielt werden, können sie die Entwicklung und Leistungsfähigkeit bestimmter Hirnfunktionen fördern», heisst es dazu im Einleitungstext.

Potenzial des Spielens erkannt

Eine solche Liste ist mir in meiner langjährigen Beschäftigung mit Spielen noch nie begegnet. Entsprechend gross ist meine Neugier. Rund dreissig Titel umfasst die Liste jener Spiele, welche «Aufmerksamkeit, Impulskontrolle sowie Verarbeitungsgeschwindigkeit» fördern. Dazu zählen die altbekannten «Schnipp Schnapp», «Halli Galli», «Speed» und Ligretto», aber auch die topaktuellen «Dr. Eureka», «Die fiesen 7» und «Dodelido». Um ein besseres «Arbeitsgedächtnis» geht es unter anderem bei «Chef Alfredo», «Kakerlakensalat», «Leo muss zum Friseur» und «Hanabi». «Blokus» und «Rush Hour» stärken das «visuell-räumliche logische Denken». Lang ist die Liste der Spiele, welche die Fähigkeit zu «strategischem Denken und Planen» herausfordern. Sie reicht von «Stone Age Junior» über «Abalone», «Carcassonne» und «Lost Cities» bis hin zu «Jaipur» und «Yinsh», das eben auf den Markt gekommen ist. Klar, dass Spiele zur Verbesserung der «verbalen Ausdrucksfähigkeit» nicht fehlen dürfen, wie die Klassiker «Scrabble», «Tabu» und «Ein solches Ding». Sind Ihre «visuokonstruktiven Fähigkeiten» etwa schwach ausgebildet? Dann sollten Sie etwas dagegen tun, indem sie beispielsweise «Rinks und Lechts», «Tangram» oder «Ubongo» spielen. «Jenga» und «Make’n Break» fördern schliesslich die «Feinmotorik».

Das Team Neuropsychologie der Neuropädiatrie am Inselspital hat erkannt, welches Potenzial im Spielen steckt und wie es auf relativ einfache Art und Weise genutzt werden kann. Bei Kindern, bei Erwachsenen und bei älteren Menschen. Nun müsste nur noch die Schweizerische Hirnliga dem Berner Vorbild folgen. Ich freue mich auf die Neuauflage der «Hirn-Gymnastik».

Zum Infosperber-Dossier:

Der Spieler: Alle Beiträge

Spielen macht Spass. Und man lernt so vieles. Ohne Zwang. Einfach so.

Eine Meinung zu

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    am 7.Aug.2017 um 1:56 pm
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    Es reicht völlig, sich in jedem Alter mit Politik zu beschäftigen. Mit Politik, nicht mit der Imagination von solcher.

    0

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