Still und leise hat sich das Kartenspiel «Skyjo» zu einem Publikumsliebling entwickelt. Überraschend kommt dieser Erfolg nicht.

Der Spieler: Eine traditionelle Spielidee startet durch

Still und leise hat sich das Kartenspiel «Skyjo» zu einem Publikumsliebling entwickelt. Überraschend kommt dieser Erfolg nicht.

Nicht die ewigen Bestseller «Monopoly», «Spiel des Lebens» oder «Uno» führen seit Monaten bei Amazon die Rangliste der meistverkauften Spiele an, sondern ein auf den ersten Blick eher unspektakuläres Kartenspiel namens «Skyjo». 200’000 Exemplare sind verkauft worden, wie die Fachzeitschrift «Spielbox» in ihrer jüngsten Ausgabe schreibt, die Mehrzahl davon in den vergangenen beiden Jahren. Das ist aussergewöhnlich. Denn für das im Eigenverlag publizierte Spiel gab es weder teure Werbung noch eine Empfehlung etwa durch die Jury «Spiel des Jahres».

Das Geheimnis des Verkaufserfolgs lautet: Weiterempfehlung durch Mund-zu-Mund-Propaganda. Man lernt das Spiel bei Bekannten kennen und ist anschliessend so begeistert, dass man sich sagt: «Muss ich mir gleich kaufen!» Damit dieses altbekannte Prinzip auch bei «Skyjo» funktioniert, muss das Spiel selber auch seinen Beitrag leisten. Schauen wir näher hin.

Karten in Ampelfarben

Was das Material betrifft, erweist «Skyjo» seiner Gattung alle Ehre: 150 Karten sind es insgesamt, mit denen wir uns für die Dauer einer halben Stunde jeweils beschäftigen. Die höheren Zahlenwerte sind rot eingefärbt, die mittleren gelb, die niedrigen grün. Damit ist auch schon einiges angedeutet: Rot bedeutet Alarm, das heisst, dass man sie vermeiden sollte, während Grün signalisiert, dass diese Karten willkommen sind. Gelb ist neutral. Daneben gibt es noch Minuskarten, ihr dunkles Violett-Blau deutet das Gewicht an, welche sie im Spiel haben. Die Farbwahl ist mit Blick auf das Ziel des Spiels einleuchtend: Es geht nämlich darum, eine möglichst geringe Punktzahl in der eigenen Auslage zu erreichen.

Dieses Deck besteht jeweils aus 12 Karten, die man zu Beginn einer Runde in einem Raster von 3×4 Karten verdeckt vor sich auslegt. Zwei Karten werden aufgedeckt, worauf die Spielerin oder der Spieler mit der höchsten Summe der beiden offenen Karten beginnt. Wer an der Reihe ist, zieht entweder vom verdeckten Nachzieh- oder vom offenen Ablagestapel eine Karte. Die offene Karte tauscht man sofort mit einer offenen oder einer verdeckten Karte aus seinem Deck. Die getauschte Karte wandert offen auf die Ablage, von wo sie im weiteren Spielverlauf wieder zum Tauschen verwendet werden kann. Wählt man jedoch eine verdeckte Karte vom Nachziehstapel, schaut man sie an und entscheidet, sofern sie passt, ob man sie gegen eine Karte aus seiner Auslage tauschen will. Andernfalls wirft man sie offen auf den Ablagestapel und muss dafür eine verdeckte Karte aus seinem Deck umdrehen. Sobald eine Spielerin alle Karten aufgedeckt hat, endet die Runde, und die Punkte (gleich Summe aller Werte der in der eigenen Auslage liegenden Karten, egal ob offen oder verdeckt) werden ermittelt.

Kein hartes Spiel

Das ist grundsätzlich der gesamte Regelbestand. Einfach, nicht wahr? Und selbst die beiden Sonderregeln hat man schnell intus: Liegen im eigenen Deck in einer Spalte Karten mit denselben Zahlen (zum Beispiel alles Zehner), so geht diese Spalte vollständig auf den Ablagestapel, und kommen die entsprechenden Punkte schon mal nicht in die Wertung (in unserem Beispiel wären es 30 Punkte, nicht schlecht!). Das ist die erste Sonderregel. Die zweite gilt es zu beachten, bevor man entscheidet, ob man durch das Aufdecken der letzten Karte in der eigenen Auslage den Schluss der Runde herbeiführen und eine Wertung auslösen will. Die Regel besagt nämlich, dass der betreffende Spieler oder die betreffende Spielerin bei der Auswertung die kleinste Punktzahl aufweisen muss. Ist es nicht so, führt dies zu einer Verdoppelung der in dieser Runde erzielten Punkte. Eine harte Strafe für einen vielleicht voreilig getroffenen Entscheid.

Ja, eine harte Sanktion in einem Spiel, das sich durch alles andere auszeichnet als durch Härte. «Skyjo» kennt keine Duelle, bei denen man Spielfiguren verlieren kann, und man wird auch nicht x-mal auf das Startfeld zurückgesetzt. Aufgrund meiner langen Erfahrung in unzähligen Spielrunden weiss ich, dass es viele Menschen gibt, die zwar gerne spielen, den direkten Konkurrenzkampf und – überspitzt formuliert – das gegenseitige Abmurksen aber gar nicht mögen. Genau diese Menschen spricht «Skyjo» an, auch weil es in der Regel jene sind, die sich nicht daran stören, dass der Glücksfaktor hier doch relativ hoch ist. Im Gegenteil: Sie empfinden diesen, obwohl sie keine Garantie haben, dass sie immer «gute» Karten bekommen, irgendwie doch als gerecht. Einmal trifft es diesen, einmal jenen. Hier herrscht volle Chancengleichheit. Unter- oder Überlegenheit gibt es in «Skyjo» nicht, weshalb es sich als Mehrgenerationenspiel, bei dem Jung und Alt am Tisch sitzen, hervorragend eignet.

Spass und Unterhaltung

Hoher Glücksfaktor bedeutet auch, dass es nicht viele Möglichkeiten gibt, den Spielverlauf zu beeinflussen. Wer strategische Spiele bevorzugt, wird sich nicht unbedingt auf «Skyjo» stürzen. Die steigende Beliebtheit des Kartenspiels jedoch zeigt, dass es sehr viele Menschen gibt, die das nicht stört. Sie suchen Spass und Unterhaltung, einfach so, ohne dauernd taktische Entscheidungen treffen zu müssen und sich damit noch vor den Mitspielenden zu exponieren. «Skyjo» bietet diese Unterhaltung, inklusive emotionale Wechselbäder von Freude und Ärger, ausgelöst durch gute respektive schlechte Karten.

Für die Einfachheit und damit die Zugänglichkeit von «Skyjo» gibt es meines Erachtens eine einleuchtende Erklärung: Es basiert auf einer altbekannten Spielidee, die von einer Generation an die nächste weitergegeben wird, wie wir das von «Eile mit Weile» oder «Tschau Sepp» her kennen. Im Fall von «Skyjo» handelt es sich, wie Christwart Conrad in der «Spielbox» schreibt, um das traditionelle Kartenspiel, das namentlich im angelsächsischen Raum als «Golf» bekannt ist. «Skyjo»-Autor Alexander Bernhardt soll sich auf der Suche nach einer erfolgversprechenden Idee daran erinnert haben, wie er als Kind oft in der Familie ein Kartenspiel gespielt habe, das nichts anderes gewesen sei als eine Version von «Golf». Auf dieser Grundlage arbeitete Bernhardt weiter. Vor allem fügte er Elemente ein, welche die Spannung erhöhen und die Risikobereitschaft der Mitspielenden fördern sollten. Für die Gestaltung war er selber besorgt, für Produktion, Vertrieb und Marketing ebenfalls.

Traditionelle Ideen als Fundgrube

Traditionelle und klassische Spielideen sind eine Fundgrube, wo Autorinnen und Autoren immer wieder Anregungen holen. So ist auf der Basis eines anfangs namenlosen Kartentauschspiels eine ganze Familie entstanden, von «Golf» über «Cabo» (Smiling Monster Games) und «Biberbande» (Amigo) bis hin zu eben «Skyjo» (Magilano). Zu dieser Familie gehört schliesslich auch das im vergangenen Jahr erschienene «HiLo» (Schmidt), das eine derart starke Ähnlichkeit mit «Skyjo» aufweist, dass sogar Plagiatsvorwürfe aufkamen, die jedoch vom Verlag zurückgewiesen wurden.

Ich bin überzeugt, dass «Skyjo» in wenigen Jahren einen Kult- und Klassikerstatus haben wird wie «Uno». Autor Alexander Bernhardt hat es mit seinen Zutaten genau auf das Publikum zugeschnitten, das solche Spiele mag. Und dieses Publikum ist zahlenmässig sehr gross. Ich vermute sogar, dass das die Mehrheit unter den Spielenden ist.

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Skyjo: Tausch- und Ablegespiel mit Karten von Alexander Bernhardt für 2 bis 8 Spielerinnen und Spieler ab 8 Jahren. Verlag Magilano. ca. Fr. 25.-

Zum Infosperber-Dossier:

Der Spieler: Alle Beiträge

Spielen macht Spass. Und man lernt so vieles. Ohne Zwang. Einfach so.

2 Meinungen

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    am 5.Mrz.2020 um 10:39 am
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    Inzwischen haben wir es einige Male gespielt, und es kam tatsächlich sehr gut an. Die Regeln sind schnell gelernt, die Dauer einer Partie ist überschaubar, die einzelnen Züge nicht schwierig. Gerade habe ich es erneut gekauft, um es zu verschenken.

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  • Avatar
    am 11.Feb.2020 um 2:15 pm
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    So. Nach einigen Artikeln des Spielers habe ich dieses nun gekauft, und hoffe dass es dem Rest der Familie gefällt. Der Kleine mag die Karten noch nicht richtig halten, da ist dieses Spiel gut (und Rommé schwierig). Schlön auch dass es nicht gegeneinander geht, man sich nicht angreift, sondern alle vor sich hinspielen.
    Ich bin gespannt, danke für diese Tipps. BTW, der Link zum Dossier (http://www.infosperber.ch/Dossier-Der%20Spieler) funktioniert nicht, da kommt die Startseite.

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