Die Zweier-Variante von «Imhotep» bietet ein tolles Spielerlebnis. Die historische Einbettung ist aber total daneben.

Der Spieler: Tolles Spiel, historisch abstrus verpackt

Die Zweier-Variante von «Imhotep» bietet ein tolles Spielerlebnis. Die historische Einbettung ist aber total daneben.

So abstrus! Das Spiel «Imhotep. Das Duell», mit dem ich mich heute befasse, ist nach dem berühmten Baumeister Imhotep benannt, der als Architekt die Djoser-Pyramide entworfen hatte, das erste von einem ägyptischen König in Auftrag gegebene Monumentalgrab. Das war um 2660 v. Chr. Im Spiel «Imhotep. Das Duell» übernehmen jedoch zwei andere, ebenso berühmte historische Figuren die Hauptrolle, Nofretete und Echnaton. Das ägyptische Königspaar lebte Mitte des 14. Jahrhunderts v. Chr., also rund 1200 Jahre später. Warum es gerade diese beiden sind, die sich in der Nachfolge Imhoteps duellieren und mit dem Bau von Obelisken, Tempeln, Pyramiden und Grabkammern versuchen, möglichst viele Siegpunkte zu erzielen – fragen Sie mich nicht! Es ist wirklich abstrus.

Bis zur Schmerzgrenze

Spieleverlage, ihre Redaktionen und vermutlich auch ihre Marketingleute, quälen uns Spielerinnen und Spieler mit den historischen Themen und Bildern, in die sie abstrakte Spielmechanismen verpacken, bisweilen bis zur Schmerzgrenze. «Imhotep. Das Duell» ist so ein Fall. Dafür gibt es eine relativ einfache Begründung. Das Spiel ist die Zweipersonen-Variante eines Titels, den Kosmos 2016 auf den Markt gebracht hatte. Es hiess «Imhotep. Baumeister Ägyptens». Hier waren Titel und Inhalt aufeinander abgestimmt: Wer mitspielte, tat es dem grossen Architekten gleich und mass sich mit Anderen in einem friedlichen Wettstreit um die schönsten und grössten Baudenkmäler am Nil.

Die Qualität dieses Spiels überzeugte die Jury «Spiel des Jahres» dermassen, dass sie es für den Hauptpreis «Spiel des Jahres» nominierte, dies mit der Begründung: «Der schlanke taktische Mechanismus mit seinen immer wieder kniffligen Entscheidungen formt zusammen mit dem stimmigen Material ein rundes und spannendes Familienspiel.» Da es in der Branche mittlerweile Usus ist, dass Verlage erfolgreiche Titel mit Erweiterungen und Varianten zu eigentlichen Familien ausbauen, liess die Zweier-Version von «Imhotep» nicht lange auf sich warten. Sie hat es mittlerweile gar auf die aktuelle Empfehlungsliste zum «Spiel des Jahres 2019» geschafft. Diese Auszeichnung hat «Imhotep. Das Duell» trotz der total vermasselten historischen Einkleidung verdient.

Abgespeckte Variante

Was wir vor uns haben, ist eine massiv abgespeckte Variante des grossen «Imhotep». Vereinfachung des Spielprinzips bedeutet hier aber nicht Verarmung, sondern vielmehr Konzentration auf das, was Kern und Reiz von «Imhotep» ausmachen. Zentraler Schauplatz der Auseinandersetzung zwischen Nofretete und Echnaton ist der Hafen, ein in neun Felder aufgeteiltes Tableau. Auf diesem platzieren Spieler und Spielerin ihre Figuren, nicht zufällig, sondern nach taktischen Überlegungen. Denn die jeweilige Position der Spielfiguren entscheidet darüber, welche Ladung man von welchem der insgesamt sechs Transportschiffe auf die eigenen Bauplätze holen darf. Die Ladungen – Teile von Obelisken, Pyramiden, Tempeln und Grabkammern – sind unterschiedlich viel wert. Das führt unweigerlich zu heftigen Konflikten, da beide Mitspielenden das Duell für sich entscheiden wollen. Und um das Ganze noch ein bisschen vertrackter zu machen, gerät man immer wieder in Situationen, bei denen man seinem Gegner oder seiner Gegnerin wohl oder übel Vorteile zugestehen muss.

Man sieht: «Imhotep. Das Duell» besitzt ein enormes Ärgerpotenzial. Wenn mir ein für die Schlussabrechnung wichtiges Grabkammer-Teil vor der Nase weggeschnappt wird, gehen die Emotionen unweigerlich hoch, ungeachtet dessen, dass es sich bei der «Bösen» um meine «Ehefrau» Nofretete handelt … Zusätzlich verschärft wird diese Emotionalität durch die Tatsache, dass die Auseinandersetzung im Zweierspiel direkter geführt wird als im Mehrpersonenspiel. Ein echtes Duell eben, Mann gegen Mann, bzw. aufgrund der historischen «Vorlage», Frau gegen Mann, bei dem es am Schluss nur Sieger oder Verlierer gibt. Im Spiel mit mehreren Teilnehmern kann man sich je nach Situation immer wieder neu positionieren. Im Gegensatz dazu ist man im Zweipersonenspiel auf ein einziges Gegenüber fixiert. Nicht alle Spielerinnen und Spieler mögen das, weil sie diese Fokussierung auf eine Person als emotional zu anstrengend empfinden. Umgekehrt gibt es aber auch Menschen, die diese Form dem Spielen in der grossen Runde vorziehen.

Das ägyptische Bauspiel zählt für mich zur Spitzenklasse in der Reihe «Spiele für Zwei» (heute: «Für zwei Spieler»), die der Kosmos-Verlag 1996 als Reaktion auf die Tatsache, dass immer mehr Menschen in Zweipersonenhaushalten leben, gestartet hat. Wer ein spannendes und unterhaltendes Zweierspiel sucht, ist mit «Imhotep. Das Duell» bestens bedient. Es bietet eine relativ leicht zugängliche taktische Herausforderung verbunden mit ein paar Glücksfaktoren und viel Emotionen – also alles, was wir von einem guten Spiel erwarten.

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Imhotep. Das Duell: Taktisches Bauspiel von Phil Walker-Harding für 2 Personen. Kosmos-Verlag (Vertrieb Schweiz: Lemaco SA, Ecublens), Fr. 24.90

Zum Infosperber-Dossier:

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