«Azul» setzt die Reihe hervorragender Legespiele fort, die in den vergangenen Jahren auf den Markt gekommen sind.

Der Spieler: Wie ich Plattenleger in Portugal geworden bin

«Azul» setzt die Reihe hervorragender Legespiele fort, die in den vergangenen Jahren auf den Markt gekommen sind.

Was bin ich in meinem spielerischen Leben schon alles gewesen! König, Ritter, Cowboy, Goldgräber, Architekt, General, Räuber, Lokführer, Bauer, Grubenarbeiter, Wirt, aber auch – weil im Spiel solche Verwandlungen problemlos möglich sind – Königin, Prinzessin, Elfe, Fee und vieles andere mehr. Platten- oder Fliesenleger war ich bisher jedoch noch nie. Aber irgendeinmal im Leben kommt der Moment, in dem der plattenlegerlose Zustand beendet ist. Das ist bei mir jetzt der Fall, «Azul» sei Dank.

Im Auftrag des Königs

In diesem neuen taktischen Legespiel schlüpfen wir in die Rolle von Bediensteten, die von ihrem Chef, dem portugiesischen König Manuel I., den Auftrag bekommen haben, die Wände seines Palasts in Evora mit bunten Kacheln zu verzieren. Der König war nämlich in Granada im benachbarten Spanien zu Besuch gewesen und hatte in der dortigen Alhambra die von den Mauren ins Land gebrachten weiss-blauen Fliesen bewundert. Solche Azulejos wollte Manuel I. auch bei sich haben. Wenn diese Geschichte auch nicht wahr sein sollte, ist sie immerhin gut erfunden, und vor allem weiss man nun, weshalb unser Spiel «Azul» heisst.

Jeder Teilnehmende verziert für sich eine Wand. Und weil alle sehen, wie die anderen arbeiten, wo und welche Kacheln sie setzen, welche Kombinationen sie wählen, kommt es wie von selbst zu einem spannenden Wettbewerb unter den Plattenlegern: Wer hat am Schluss die punkteträchtigste Verzierung geschaffen? Abgerechnet wird, sobald ein Spieler eine aus fünf Steinen bestehende horizontale Reihe beendet hat.

Originell und raffiniert

Wie im richtigen Plättlerleben muss man sich zuerst die Kacheln besorgen. Man begibt sich zu diesem Zweck also auf den Baumarkt. Was sich hier abspielt, ist vorentscheidend für den weiteren Verlauf des Spiels. Fehler lassen sich später kaum mehr korrigieren. Spielautor Michael Kiesling hat sich nämlich einen originellen und gleichzeitig raffinierten Mechanismus einfallen lassen, der beim Erwerb der Steine viele taktische Möglichkeiten bietet.

Plattenlegerinnen und -leger brauchen ein gutes Auge. Unsaubere Arbeit können sie nicht einfach mit einer Schicht Verputz zum Verschwinden bringen. Ein gutes Auge ist auch in «Azul» unbedingt von Vorteil. Mit schnellem Blick erkennt man im wechselnden Angebot die vorteilhaften Farbkombinationen unter den Kacheln, die gerade im Baumarkt liegen. Diese versucht man, möglichst rasch für den eigenen Bedarf zu sichern. Bisweilen muss man Steine in Kauf nehmen, die im eigenen Lager keinen Platz mehr finden. Sie gehen zu Bruch. Nun ja, ein bisschen Schrott (gleich Minuspunkte) vermag man noch zu verkraften, sofern es bei einzelnen kaputten Platten bleibt. Im Auge behalten sollte man aber immer die Einwicklung bei der lieben Konkurrenz. Notfalls ist es sogar besser, ihr Kacheln, die mir selber zwar wenig bringen, die sie umgekehrt aber dringend brauchen könnte, vor der Nase wegzuschnappen. Kleine Plattenlegerschadenfreude!

Schnell, einfach, eingängig

Eng verbunden mit dem Erwerb der Kacheln ist ihre Zwischenlagerung in den so genannten Musterreihen. Sie erfolgt nach bestimmten Regeln. Dabei gibt es unterschiedliche Vorgehensweisen. Welche man wählt, hängt wesentlich vom Angebot im Baumarkt ab. Von den Musterreihen aus werden die Fliesen in der Wand platziert. Im Grundspiel muss nach Vorlage gelegt werden. Bei der Variante hat man mehr Freiheit, seine Wand zu gestalten. Die taktische Herausforderung ist allerdings auch um einiges höher, weshalb ich fürs Familienspiel die Grundvariante empfehle. Gemeinsam ist beiden, dass es lohnt, darauf zu achten, dass beim Ablegen Gruppen entstehen. Je mehr Kacheln sie zählen, desto mehr Punkte bringen sie. Und wer gewinnen will, braucht bekanntlich Punkte …

Stammleserinnen und -leser dieser Spiel-Kolumne wissen, dass ich Liebhaber von Spielen bin, die sich durch schnellen Einstieg, einfachen Regelbestand und eingängigen Ablauf auszeichnen sowie eine gewisse Tiefe mit taktischem und emotionalem Potenzial aufweisen. Das tolle «Azul» gehört für mich zu diesen Spielen.

Überdurchschnittlich ausgestattet

Zum Schluss noch ein Wort zu Gestaltung und Material: Abgesehen vom noch verbesserungswürdigen Zählstein ist «Azul» überdurchschnittlich ausgestattet. Das Prädikat gilt für die Verpackung, einen Blickfang, wie man ihn bei Spielecovers selten antrifft, dann vor allem für die mit schönen Mustern versehenen, aus Kunstharz gefertigten Spielsteine. Wenn man diese Mini-Kacheln in die Hand nimmt, hat man ein sehr angenehmes Gefühl – eine haptische Einladung. Man hätte «Azul» durchaus billiger produzieren können, mit Steinen aus Hartplastic etwa. Dass der Verlag darauf verzichtet hat, ist bemerkenswert: Denn mit dem haptischen Akzent hebt er «Azul» bewusst ab von allen Spielen, die an einem Bildschirm gespielt werden. Mögen diese von noch so hoher spielerischer und optischer Qualität sein, sie bieten eines nicht – jene Sinnlichkeit, die man beim Greifen oder Berühren erlebt. Daher sehe ich in «Azul» auch einen Kontrapunkt zu einer Entwicklung, bei der das oberflächliche «Wischen» – im wahren und übertragenen Sinn des Wortes – immer mehr an Bedeutung gewinnt.

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Azul: Taktisches Legespiel von Michael Kiesling für 2 bis 4 Spielerinnen und Spieler ab 8 Jahren. Verlag Next Move/Pegasus, ca. Fr. 60.-

Zum Infosperber-Dossier:

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