Was uns der kürzlich verstorbene Universalgelehrte George Steiner an Gedanken hinterlässt. Ein Kontertext zum klassischen Nachruf.

kontertext: Aufstand gegen die Welt des Sekundären

Was uns der kürzlich verstorbene Universalgelehrte George Steiner an Gedanken hinterlässt. Ein Kontertext zum klassischen Nachruf.

Der 1929 in Paris geborene Francis George Steiner gilt als einer der letzten Leuchttürme des Alten Europa. Der vergleichende Literaturwissenschaftler, Philosoph, Linguist, Kritiker und Buchautor hat sich ein Leben lang damit beschäftigt, wie wir Menschen einen Weg finden können aus der sekundären Stadt, aus dem betäubenden Gesumm des Journalistischen, des Theoretischen, der endlosen Kommentare, der flutartigen Provokationen, der politischen Barbarei und der technologischen Sklaverei, hinein in eine Welt realer Gegenwart. Dabei spielt die Befreiung der Kunst von der Diktatur des Sekundären eine wichtige Rolle.

Den Geist unseres Zeitalters macht Steiner in seinem 1990 im Hanser Verlag erschienenen Buch Von realer Gegenwart im Journalismus fest: «Journalistische Darstellung erzeugt eine Zeitlichkeit gleichwertiger Augenblicklichkeit. Alle Dinge sind von mehr oder weniger gleicher Wichtigkeit; alle sind nur von Tageswert.» Dagegen setzt Steiner die Kunst und die Ästhetik: «Die Anziehungskraft, die vom Text, vom Kunstwerk, von der Musik ausgeht, ist radikal interesselos. Der Journalismus spekuliert darauf, dass wir an der Börse der momentanen Sensation investieren. Solches Investment ist von ‹Interesse›, also hinsichtlich der Zinsen. Die Dividenden des Ästhetischen sind aber gerade die der ‹Interesselosigkeit›, einer Zurückweisung des Opportunen.»

Steiner setzt darauf, dass die Erfahrung von Sinn im Bereich der Kunst auf die notwendige Möglichkeit einer realen Gegenwart schliessen lässt. Er setzt auf diese Transzendenz, auf diese Gegenwart Gottes, ohne dadurch zu irgend einem theologischen Bekenntnis zu gelangen. Wie kann man nun auf angemessene Weise einen Nachruf auf diesen Kämpfer gegen die Welt des Sekundären verfassen? Eine von Steiner selbst erwähnte Anekdote weist uns den Weg: «Als Schumann einmal gebeten wurde, eine schwierige Etüde zu erläutern, setzte er sich hin und spielte sie ein zweites Mal.» Wenn wir diese Schilderung auf das Werk von George Steiner anwenden, bleibt uns nur, ihn selbst nochmals zum Sprechen zu bringen. Dazu empfehle ich das 2006 im Suhrkamp Verlag erschienenen Büchlein Warum Denken traurig macht – Zehn (mögliche) Gründe, das man wohl als eine Art Testament lesen kann. Mein Eingriff in diese Gedanken-Meditation besteht lediglich in der Auswahl. Hinzugefügt habe ich nichts, weggelassen aber einiges.

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«Die Unendlichkeit des Denkens ist auch eine ‹unvollständige Unendlichkeit›. Es unterliegt einem inneren unauflöslichen Widerspruch. Wir werden niemals wissen, wie weit das Denken reicht im Hinblick auf die Gesamtheit der Realität. Wir wissen nicht, ob das, was uns begrenzt erscheint, nicht in Wahrheit auf absurde Weise eng und unerheblich ist.
Das ist ein erster Grund für Schwermut, für die Schwere des Herzens.

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Ist es wirklich möglich, ‹gradlinig› zu denken? Kann das Denken zu einem Laserstrahl gemacht werden?

Die Eruptionen konzentrierten, gerichteten Denkens, der Zwang zu absoluter Fokussierung könnten das Risiko nachfolgender geistiger Erschöpfung oder Beeinträchtigung in sich tragen. Gewissen Denkintensitäten haftet etwas Monomanisches an (Laser können Verbrennungen hervorrufen). Nichtsdestoweniger ist es eine Monomanie, ohne die viele Gipfel menschlichen Verstehens, menschlicher Errungenschaften nicht zu verwirklichen wären. Archimedes liess von seiner Untersuchung der Kegelschnitte nicht ab, auch wenn diese Fokussierung seinen Tod bedeutete. In den allermeisten Fällen jedoch ist das gewöhnliche Denken ein ungeordnetes, dilettantisches Unterfangen.
Ein zweiter Grund für die unzerstörliche Melancholie.

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Im Denken sind wir uns gegenwärtig. Körperliche Empfindungen, insbesondere Schmerz, sind instrumental. Doch an uns selbst zu denken macht den wesentlichen Bestandteil unserer Identität aus.

Nichts und niemand kann auf nachprüfbare Art und Weise mein Denken durchschauen.

Dieser unzugängliche Kern unserer Einzigartigkeit, dieses innerste, privateste, verschlossenste aller Besitztümer ist zugleich ein milliardenfacher Gemeinplatz. Auch wenn sie, gesagt oder ungesagt, ihren Ausdruck in unterschiedlichsten lexikalischen, grammatikalischen oder semantischen Formen finden, sind unsere Gedanken in überwältigendem Ausmass universell, ein menschliches Gemeingut.

Das Denken ist in höchstem Masse unser Eigentum; verborgen im tiefsten Innern unseres Seins. Gleichzeitig ist es die gewöhnlichste, abgenutzteste, repetitivste aller Handlungen. Dieser Widerspruch lässt sich nicht auflösen.
Ein dritter Grund für die anklebende Traurigkeit.

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Selbst die experimentell beweisbaren und empirisch anwendbaren Wahrheiten der Wissenschaften werden getragen von theoretischen oder philosophischen Voraussetzungen, von fluktuierenden ‹Paradigmen›, die jederzeit revidiert oder verworfen werden können.

So gibt es im abstrakten Denken, in erkenntnistheoretischen Methoden einen latenten Grundbass der Nostalgie, einen paradiesischen Mythos verlorener Gewissheit (bei einem Denker wie Husserl ist er in ergreifender Aufrichtigkeit herauszuhören). Zu denken heisst das Ziel verfehlen, heisst ‹danebenliegen›.

Je ungestümer der Druck des Denkens, desto widerstrebender die Sprache, in die es eingeschlossen ist. Die Sprache, so liesse sich sagen, steht dem monochromen Ideal der Wahrheit feindselig gegenüber. Sie ist mit Mehrdeutigkeit, vielstimmiger Gleichzeitigkeit gesättigt.

Diese fundamentale Antinomie zwischen dem Anspruch der Sprache auf Selbständigkeit und dem interesselosen Streben nach Wahrheit ist ein weiteres Motiv für Kummer (unzerstörliche Melancholie).

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Der springende Punkt ist folgender: Denkprozesse, seien sie bewusst oder unbewusst, der Gedankenfluss in uns, sei er ausgesprochen oder unausgesprochen, jener des Wachens oder des Schlafs – diese in den letzten Jahrzehnten so ausgiebig untersuchten schnellen Augenbewegungen (REM) –, sind in überwältigendem Masse diffus, ziellos, zerstreut, versprengt und unbeobachtet. Sie sind, im wahrsten Sinne des Wortes, ‹überall›, was in Wendungen wie ‹kopflos sein›, ‹den Kopf verlieren› seinen Ausdruck findet. Ökonomisch gesehen, haben wir es mit einer monströsen Vergeudung, einem ungeheuren Verlust zu tun. Keine andere menschliche Tätigkeit dürfte so verschwenderisch sein. Abgesehen von kurzen Phasen erkenntnistheoretischer Fragestellung oder psychologischer Selbstprüfung denken wir nicht über unser Denken nach. Unaufhörlich, unbemerkt huscht fast die gesamte Masse der Gedanken vorbei, formlos, nutzlos.

Der Verlust ist masslos.
Eine fünfte Ursache für Frustration, für den dunklen Grund.

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Gewöhnlich übersteigen Antizipation, Projektion, Phantasie und Vorstellung die Verwirklichung. Wenn wir von Erfahrungen sprechen, die ‹unsere kühnsten Träume übertreffen›, dann waren diese wohl eher bedächtig und abgedroschen. Eine verräterische Leere, eine traurige Sattheit folgt dem erfüllten Begehren.
Eine sechste Ursache oder Quelle für tristitia.

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Die Vertreibung aus dem Paradies ist ein ‹Fall ins Denken›. Daher gibt es kein Element der Existenz, das nicht ‹angekränkelt wäre vom bleichen Schein des Gedankens›. Folglich operiert selbst der erfinderischste, umfassendste, geordnetste und mit Vorstellungskraft begabteste menschliche Geist auf Umwegen, innerhalb von Grenzen, die er nicht wahrhaft definieren, geschweige denn ausmessen kann. Überall stösst der Lichtstrahl der Vernunft auf Dunkelheit.

Das Denken verhüllt mehr, wahrscheinlich weitaus mehr, als es enthüllt.
Ein siebter Grund für jenen Schleier der Schwermut.

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Diese Undurchsichtigkeit macht es unmöglich, zweifelsfrei zu wissen, was ein anderes menschliches Wesen denkt. Wir sind nicht in der Lage – ich sagte es weiter oben schon –, einen gesicherten Einblick in das Denken eines anderen zu erlangen. Dieser Ungeheuerlichkeit widmen wir zu wenig Aufmerksamkeit, sie sollte uns schaudern lassen.

Daher das ungeregelte Verhältnis von Denken und Liebe. Daher auch die Wahrscheinlichkeit, dass Liebe zwischen denkenden Wesen eine wunderbare Gnade ist.

Letztlich kann Denken uns zu Fremden füreinander machen. Die intensivste Liebe – schwächer vielleicht als Hass – ist eine nie abgeschlossene Unterhaltung Einsamer.
Ein achter Grund für Betrübnis.

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Das Genie kennt keine Demokratie, nur furchtbare Ungerechtigkeit und lebensbedrohende Last. Es gibt jene wenigen, wie Hölderlin sagte, die gezwungen sind, den Blitz mit blossen Händen zu fangen.
Dieses Ungleichgewicht und seine Folgen, das Missverhältnis zwischen grossem Denken, grosser Schöpfungskraft und den Idealen sozialer Gerechtigkeit, bildet eine neunte Quelle der Melancholie.

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Es ist durchaus vorstellbar, dass höhere Formen tierischen Lebens an das Bewusstsein, an das Geheimnis ihres eigenen Todes rühren. Die Gottesthematik jedoch scheint für die menschliche Gattung spezifisch und ihr vorbehalten. Wir sind die Geschöpfe, die imstande sind, die Existenz Gottes zu leugnen oder zu bejahen.

Das partielle Verschwinden dieser Thematik aus der öffentlichen und privaten Sphäre in den entwickelten Technokratien des Westens, ein Phänomen, das im zornigen Anbranden des Fundamentalismus seinen Gegner hat, durchzieht unsere gegenwärtige politische und ideologische Situation.

Wir sind einer nachprüfbaren Lösung des Rätsels unserer Existenz, ihrer Natur und ihres Zweckes – wenn es ihn überhaupt gibt – in diesem wahrscheinlich multiplen Universum, wir sind einer Antwort auf die Frage, ob es Gott gibt oder nicht, keinen Zoll näher gekommen als Parmenides oder Platon.

Die Gewandtheit des Denkens, seine unerschöpfliche Neigung zum Erzählen, führt zum beschämenden, nahezu unerträglichen Schluss, dass ‹alles geht›.

Einstweilen sind es weder theologische noch philosophische Argumente, welche das Denken an die eigenen Grenzen, in notwendige, immer wieder neue ‹Sackgassen› führen. Es ist, so glaube ich, die Musik, jenes lockende Medium offenbarter Intuition jenseits der Worte, jenseits von Gut und Böse, in welchem die Rolle des Denkens, so wie wir sie begreifen können, zutiefst flüchtig bleibt. Gedanken, nicht zu tief für Tränen, doch fürs Denken selbst.

Eine dem Leben anklebende zehnfache Traurigkeit.»

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    Eine Meinung zu

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      am 27.Feb.2020 um 3:22 pm
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      Auf meinem schwerbeladenen Büchergestell steht bescheiden und unscheinbar, aber jederzeit griffbereit, auch das kleine Suhrkamp-Bändchen mit Titel: «Warum Denken traurig macht» von George Steiner. Als ich es vor Jahren las, hinterliess es bei mir keine Traurigkeit, im Gegenteil, eher ein Glücksgefühl. Eine seherische Bestätigung der Begrenztheit jeglicher Art menschlichen Denkens. Die Relativität all unserer Erkenntnisse und die Bestätigung der Unmöglichkeit zu Wahrheit zu gelangen. Falsifikation ist uns möglich, Wahrheitsbeweis nicht (Karl Popper). Georg Geiger führt in seinem Kontertext zur Traurigkeit noch Melancholie und Schwermut hinzu. Warum eigentlich? Vielleicht weil es zu verstehen gilt, dass die lange gepredigte «Krone der Schöpfung» ein menschgemachtes Trugbild ist. Für mich ist diese Erkenntnis eher Trost und sie befreit mich davor, von Hoffnungen zu leben, für die es keine Begründung gibt.

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