Meditative Momente auf Teppich und Asphalt

Sonntagsgebet am Opferfeiertag, ein Bummel durch den Markt und stundenlanges Dahingleiten auf dem Asphalt. Türkeireise, Teil 4.

Red. Walter Aeschimann ist Historiker und lebt als freier Publizist in Zürich. Derzeit ist er mit dem Velo unterwegs in der Türkei und durchquert das Land in mehreren Wochen von West nach Ost. Rund 2200 Kilometer über Pass-, Haupt- und Nebenstrassen, durch abgelegene Dörfer und kleine Städte. Sein Hauptinteresse gilt den Menschen in der Türkei. Wie leben sie in diesen Zeiten und was denken sie? Wie sehen sie ihr Land und die politische Entwicklung? Auf Infosperber berichtet Walter Aeschimann in unregelmässigen Abständen von seiner Reise und den Menschen, denen er unterwegs begegnet.


Die Reiseroute: Momentan ist Walter Aeschimann in Suşehri und fährt weiter Richtung Erzincan. (Quelle: 2017 Google/Mapa GISrael/ORION-ME)
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Der Raum ist 45 mal 20 Meter gross. Einzelne Männer knien auf dem Boden, andere lehnen sich an die Wand oder sitzen entspannt auf dem Fenstersims. Es wirkt ruhig und friedlich. Wüsste man es nicht besser, könnte man vermuten, es sei ein riesengrosser Raum zum Chillen. Als ich die Ulu Camii Moschee in Kütahya betrete, ahne ich nicht, dass ich dem Sonntagsgebet des Opferfeiertages beiwohnen würde.
Kütahya ist die Hauptstadt der gleichnamigen türkischen Provinz in Kleinasien. Es ist ein schmuckes Städtchen mit 200’000 Einwohnern, dessen Germiyan-Sokak (Strasse) mit ursprünglichen, osmanischen Häusern zum Unesco-Weltkulturerbe zählt und berühmt ist für seine Keramikkunst.
Im Vorraum habe ich die Schuhe ausgezogen und ins Regal gestellt. Auf dem weichen Teppich glaube ich zu versinken. Ich möchte den prächtigen Raum und die Stimmung fotografieren und frage einen jungen Mann. Er stellt mich dem Imam, dem Vorbeter vor. «Kein Problem! Aber jetzt beginnt dann gleich ein Gebet.» Ich wende mich zum Gehen. «Bleiben Sie! Nehmen sie einen Stuhl und setzten sie sich hier hinten hin!»

Sonntagsgebet am Opferfeiertag in der Ulu Camii Moschee in Kütahya (alle Bilder: Walter Aeschimann)
Die drei Eingänge bleiben offen, der Raum füllt sich im Verlaufe des Gebetes. Manche schreiten erst zum kleinen, Schadirwan genannten Brunnen mitten im Raum, um sich rituell zu waschen. Oberhalb des Brunnens ist ein auf vier Säulen stehendes Podest für den Muezzin zu sehen. Der Hauptgebetsraum wird von zwei grossen Kuppeln überragt, an die Halbkuppeln angrenzen. Die nach aussen gewölbte Gebetsnische ist mit Fayencen verziert, auf denen die Kaba in Mekka dargestellt ist. Die im Jahr 1401 fertiggestellte Moschee ist das grösste und schönste islamische Gotteshaus der Stadt. Gegenüber dem Haupteingangstor befindet sich das Sakahane, eine mit Quellwasser gespeiste öffentliche Toilette und Trinkwasserquelle.

Links und rechts von mir setzen sich ältere Männer hin. Sie können wohl wegen körperlicher Gebresten die Rituale nicht mehr bewältigen, etwa die Niederwerfung oder die Verneigung. Einer begrüsst mich mit einem Handschlag, ein anderer nickt mir zu. Das Gebet dauert etwa eine Stunde. Ich verstehe nichts und bin auch nicht vertraut mit dem Ritual. Für mich tönt es wie ein intensiver Sprechgesang, eine musikalische Darbietung mit verschiedenen Solonummern. Ich stehe auf, wenn alle aufstehen und setzte mich wieder auf den Stuhl, wenn sich die alten Männer setzen. Ich bin der einzige nichtgläubige unter wohl zweihundert gläubigen Muslimen und spüre weder ein Misstrauen noch werde ich schief angesehen.
Gegen Ende des Gebets schaut ein Mann mit Kochschürze zur Tür herein und ich denke mir, dass ein Gebet in der Moschee eine ziemlich relaxte Sache sei. Aber der Schürzenmann wollte lediglich wissen, wann er mit seiner Arbeit beginnen muss. Er ist verantwortlich für die Zubereitung der Lokma, die am Sonntag nach dem Gebet vor dem Haupteingang verteilt werden. Lokma ist eine Süssspeise, kleine Teigbällchen, die in Olivenöl frittiert und in dickflüssigem Sirup getränkt werden. Ursprünglich war es eine Adelsspeise, die nur osmanische Sultane oder Adelige serviert bekamen. «Nehmen Sie so viel sie wollen.» Der Imam gibt mir gleich mehrere Plastikschälchen voll mit auf den Weg.

Süssigkeiten nach dem Gebet: Vor der Moschee werden Teigbällchen frittiert, mit Sirup getränkt und an die Leute verteilt

Die Strasse in Kütahya mit den osmanischen Häusern zählt zum Unesco-Weltkulturerbe
«Der alte Mann mit dem Velo» erregt Aufsehen
Ich bin trotz Murats Pessimismus recht gut vorangekommen. Konya, die mit 2,1 Millionen siebentgrösste Stadt der Türkei, habe ich mit Zug und Bus durchquert. Ansonsten lege ich die Kilometer auf gut ausgebauten Hauptstrassen zurück. Zwei platte Reifen kann ich beklagen, manchmal etwas Gegenwind, besonders auf kilometerlangen, leicht ansteigenden Geraden und Hitze immer um die 35 Grad im Schatten. Aber drei Wochen keinen Regentropfen und keinen Hungerast, keine Hunde, die mich angefallen hätten und keine Menschen, die mir schaden wollten. Die Gastfreundschaft ist ungebrochen, dass ich den ganzen Tag zum Tee eingeladen werde. Sogar von der Polizei, die mich unterdessen zwei Mal angehalten hat. Ich lehne ab, weil mir dabei etwas mulmig zumute ist. Immer finde ich jemanden der Englisch oder eine unserer Landessprachen spricht. Und einmal werde ich fast zum Thema in der lokalen Presse. Ein Journalist wollte eine Geschichte über mich schreiben, wohl unter der Rubrik «Skurriles» und dem Arbeitstitel «Alter Mann aus der Schweiz fährt mit dem Velo durch die Türkei.» Auch dies musste ich ablehnen.

Abendstimmung in Göreme
So bin ich nun in Sivas angekommen, einem Städtchen mit etwa 350’000 Einwohnern in Zentralanatolien. «Was ums Himmels Willen machst du in Sivas?», fragt mich der junge Mann auf dem farbenprächtigen Markt. Diese Frage und jene nach dem Alter wird mir in jeder Stadt gestellt, wenn die Menschen erfahren, dass ich Schweizer bin und mit dem Fahrrad unterwegs.
Ich lasse mich an diesem Tag durch die bunten Marktstände treiben, verweile in den wunderbaren Teehäusern, die in der Karawanserei und einstigen Bildungsstätten eingerichtet wurden und schaue auf dem Haupt-Platz den Buben zu, wie sie auf den klapprigen Bikes den öffentlichen Raum für ihr Vergnügen nutzen und die steilen Treppen hinunterrattern. So ein Bummel, vor allem durch die intensiven Düfte des Marktes, hat etwas Meditatives wie ein Moschee-Besuch. Wie übrigens auch das stundenlange Dahingleiten auf den Asphaltstrassen.


Eintauchen in Farben und Düfte: Markt in Sivas

Relaxen statt lernen: In der einstigen Bildungsstätte befindet sich heute ein beliebtes Café
Die geografische Grenze zwischen Europa und Asien liegt zwar am Bosporus. Aber eine soziokulturelle Grenze sei, wie mir jemand in Göreme erklärt, die Nord-Süd-Linie etwa von Trapzon nach Mersin. Sivas liegt fast auf dieser Linie und es scheint mir tatsächlich eine Stadt, die besonders offen ist für westliche und östliche Kulturen und diese zu vereinen sucht.

Erinnerungen an eine Schreckensnacht
Dies sind meine ersten Eindrücke, und vielleicht versucht die Stadt solche bewusst zu vermitteln. Denn Sivas steht auch für eines der schrecklichsten religiös motivierten Attentate der letzten Jahre. Am Freitag, 2. Juli 1993 brannte das Hotel Madimak in Sivas völlig aus. Schriftsteller, Sänger, Künstler, die meisten Aleviten, hatten sich im Hotel zu einem Kulturfestival versammelt. Sie wollten den alevitischen Dichter Pir Sultan Abdal ehren. 
Aleviten sind die grösste religiöse Minderheit in der Türkei. Sie lehnen die Scharia ab, das islamische Gesetz. Dies ist der wichtigste Unterschied zu den Sunniten. Unter den Festteilnehmern war auch Aziz Nesin, einer der bekanntesten Schriftsteller in der Türkei. Er war damals Herausgeber von Salman Rushdies Buch «Satanische Verse».
Ein fanatischer Mob, der vom Gebet in der Moschee zum Hotel zog, legte gegen 18 Uhr ein erstes Feuer. Angeführt wurde er unter anderem von Cafer Ercakmak, der zu jener Zeit Stadtrat für die islamistische Refah-Partei war und später untertauchte. Es starben 37 Menschen. Sie waren verbrannt und erstickt, weil 15’000 konservative, sunnitische Muslime vor dem Hotel den Aleviten die Fluchtwege nach aussen versperrten und ihren Tod feierten. Die Feuerwehr und die Polizei, obwohl früh alarmiert, griff erst Stunden nach dem ersten Brandsatz ein.
Ich lese «das Sivas-Ereignis», wie die offizielle türkische Sprachregelung lautet, im Hotelzimmer nach und schaue Youtube-Videos, wie sich Menschen über die Feuerleiter retten und die Menge jubelt, während im Hotel Menschen verbrennen. Bedrückt schlendere ich nun ein zweites und drittes Mal durch die lebhaften Gassen und sehe das Städtchen völlig anders. Es ist nicht vorstellbar, was Menschen einander antun können. Das Verbrechen ist niemals endgültig geklärt worden. Jedes Jahr versammeln sich am 2. Juli mehrere tausend Menschen aus der ganzen Welt, auch viele Angehörige der Ermordeten, als Zeichen gegen den religiösen Fanatismus und dass sich so etwas nicht wiederholen darf.
«The route is save»
Am Abend treffe ich ein deutsches Paar. Der Mann ist in Sivas geboren und die beiden sind zu einer Hochzeit angereist. Er rät mir dringend ab, von hier weiter nach Osten zu fahren. Es gebe andauernd Konflikte zwischen der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) und dem Militär der Regierung. Er würde normalerweise auch nicht mehr nach Sivas reisen. Ich entgegne ihm, dass mir im Moment die Gegend um Erzurum wenig problematisch scheine. Hundert Kilometer weiter östlich treffe ich auf einem Rastplatz an der Hauptstrasse D 200 einen Iraner, der mit dem Motorrad von Madrid nach Teheran fährt. Er klopft sich den Staub aus den Hosen, drapiert das vom Helm zerdrückte Haar und setzt die Sonnenbrille zurecht. «The route is save», sagt er. «And when you’re there, go to Iran.» Ich verspreche ihm, das nächste Unternehmen durch den Iran zu planen.


Trockene Hochebene bei Karapinar

Zum Infosperber-Dossier:

Mit dem Velo durch die Türkei

Walter Aeschimann erkundet die Stimmung im Land von Dörfern zu Städten – auf 2200 Kilometer Länge.

2 Meinungen

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    am 24.Sep.2017 um 11:34 am
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    Am Anfang dieser Reiseberichte hoffte ich zu erfahren, wie die Türken und Türkinnen zu Erdogan stehen, wie sie über die Verhaftungen denken und wie es weiter gehen könnte. Während unzählige Berufskollegen von Herrn Aeschimann in Untersuchungshaft sitzen,
    erfahre ich hier von einer heilen Welt mit etwas Bösem aus einer vergangenen Zeit.
    Wo bleibt die kritische Betrachtung der gegenwärtig politischen Situation in der Türkei?
    Während meinen Veloreisen haben mich immer auch die Meinungen der Bevölkerung zur politisch aktuellen Situation intressiert. Jedes Land hat seine schöne Seiten und dass die Türkei gastfreundlich ist, ist in der Reiseszene bekannt.
    Darum bin ich der Meinung, dass dieser Bericht besser in der Landliebe hätte erscheinen sollen.

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    am 21.Sep.2017 um 6:40 am
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    Mit grossem Vergnügen lese ich die Folgen Ihres Reiseberichtes und schätze die prächtigen Bilder. Die ruhige, lustvolle Schilderung, die in unaufgeregter Weise auch Bezug auf Schreckliches nicht scheut, hat etwas heilendes. Weiterhin alles Gute in Ihrem Projekt!

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