Zum Tod von Christian Hess, langjähriger Chefarzt am Bezirksspital Affoltern am Albis und Mitgründer der «Menschenmedizin».

Ein streitbarer Arzt, der den Menschen als Ganzheit verstand

Zum Tod von Christian Hess, langjähriger Chefarzt am Bezirksspital Affoltern am Albis und Mitgründer der «Menschenmedizin».

«Wenn der Mensch nur Maschine ist und es weder Geist noch Beziehung und Tod geben darf, kann man ihn unbeschränkt reparieren. Dies ist die tiefere Ursache der permanenten Krise im Gesundheitswesen.» Davon war Christian Hess, ehemaliger Chefarzt des Bezirksspitals Affoltern und Pionier einer menschengerechten Medizin überzeugt. Dafür ist er Risiken eingegangen und hat konsequent an seinem Weg festgehalten, auch wenn das bedeutet hatte, dass er das Bezirksspital Affoltern, wo er 25 Jahre tätig war, frühzeitig verliess. Sein Engagement und seine Überzeugungen flossen danach ungebremst in die «Akademie Menschenmedizin».

Christian Hess (*1950) war sich des Menschen als Ganzheit gewiss, die auch im kranken Zustand als Ganzheit behandelt werden soll. Konsequenterweise führte er als Chefarzt im Bezirksspital Affoltern die Psychotherapie, die Seelsorge oder die Ethik ins Angebot ein und integrierte auch die Angehörigen der Patienten in den Heilungsprozess. Dies führte zwar manchmal zu etwas längeren Aufenthaltszeiten, aber mit positivem Ergebnis, auch wirtschaftlich. Die ehemaligen Patienten brauchten weniger ärztliche Nachbetreuung und blieben länger gesund. Dies schlug sich u.a. in den tiefsten Gesundheitskosten im Bezirk Affoltern des ganzen Kantons Zürich nieder.
Das gefiel allerdings nicht allen. Christian Hess’ Arbeit als Chefarzt wurde zunehmend von Konflikten mit Behörden geprägt, die das mit seiner Frau Annina Hess-Cabalzar entwickelte Konzept der «Menschenmedizin» zunehmend erschwerten (ausführlich dargestellt in ihrem Buch «Menschenmedizin – für eine kluge Heilkunst», Suhrkamp, 2006).

Nach 25 Jahren verliessen Christian Hess und seine Frau 2012 das Bezirksspital Affoltern und steckten ihre Energie in die von ihnen bereits 2009 initiierte «Akademie Menschenmedizin» (AMM). Diese ging und geht pointiert und praktisch die Systemfehler unseres Gesundheitswesens an – nicht nur an eigenen Symposien, sondern auch mit innovativen Angeboten wie dem «Café Med». Bei dieser öffentlichen Sprechstunde können sich Patienten kostenlos und unverbindlich von Fachleuten zu allen möglichen gesundheitlichen Problemen beraten lassen. Das «Café Med» gibt es regelmässig in Zürich, Luzern und an wechselnden Orten in der ganzen Schweiz. Ein anderes Angebot der AMM ist die kostenlose Begleitung durch eine Fachperson bei kritischen Arztbesuchen mit schwierigen Entscheidungen.
Christian Hess blieb auch mit der Akademie Menschenmedizin ein streitbarer Mensch. Zeugnis dafür ist die «Aktion Provokation». Begonnen hat sie mit provokanten Plakaten an einem Ärztekongress, die auf grosses Interesse stiessen. Die Botschaften:

«Die häufigste Krankheit ist die Diagnose», «Die Medizin ist so weit fortgeschritten, dass niemand mehr gesund ist» oder «Wir leben mit medizinischer Über- und emotionaler Unterversorgung».

Am 25. September ist Christian Hess kurz nach seinem 69. Geburtstag verstorben. Die Schweiz verliert einen wichtigen Gesundheitsreformer, der in idealer Weise Theorie, Praxis und Information zu verbinden wusste. Man wünscht sich viele Nachfolger.

2 Meinungen

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    am 5.Okt.2019 um 8:27 am
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    Vielen vielen herzlichen Dank Dir lieber Christoph Pfluger für die Würdigung dieses grossartigen Menschen und Arztes, mein liebster Freund und mein Vorbild Christian Hess! Soviel Herz und Wissen haben sich in Christian vereinigt. All das möge in seinem Erbe weiter leben und weiter gedeihen. Markus Scheuring, Arzt

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    am 2.Okt.2019 um 12:06 pm
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    ‚Die Schweiz verliert einen wichtigen Gesundheitsreformer…‘

    Der Kollege war Mediziner, kein Gesundheitsberufler. Medizin braucht die Kategorie Gesundheit nicht und benutzt die inzwischen auch nicht mehr. Gesundheitswissenschaften sind selbständige Fächer weit entfernt von Medizin, also Heilkunde. Heilen ist nicht gesundheitsrelevant, so wie Gesundheit keine medizinische Implikationen hat. Heilen und Gesundheit kennen keinen gemeinsamen Satz, haben kein gemeinsames Ziel. Es sind orthogonale Kategorien.

    Inhaltlich ist sonst zuzustimmen. Die Medizin in der Schweiz wäre ungleich besser aufgestellt, gäbe es nur die Hälfte der aktuell gestellten Diagnosen und nur 1/3 der Therapien. Ausserhalb den USA wird nirgends so brachial medizinisch überversorgt als in der Schweiz.

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