Die «Hormonersatztherapie» führt schon ab dem zweiten Jahr zu mehr Brustkrebsfällen. Auch Östrogene allein erhöhen das Risiko.

Frauen in Wechseljahren wurden mit Hormonersatz lange getäuscht

Die «Hormonersatztherapie» führt schon ab dem zweiten Jahr zu mehr Brustkrebsfällen. Auch Östrogene allein erhöhen das Risiko.

Alle paar Jahre zeigt eine neue Auswertung aller relevanten Daten und Statistiken, dass die einst viel gepriesene sogenannte «Hormonersatztherapie» HRT noch grössere Risiken birgt, als man den Frauen stets gesagt hatte, – und dass der Nutzen viel geringer ist. Seit langem empfehlen seriöse Frauenärztinnen und Frauenärzte eine Kombination der Hormone Östrogen und Gestagen nur noch denjenigen Frauen, die an unerträglichen Wechseljahrbeschwerden leiden. Und dies nur während möglichst weniger Jahre. Frauen, welche keine Gebärmutter mehr haben, erhalten für den gleichen Zweck Östrogene allein, ohne Kombination mit Gestagenen.

Schon im zweiten Jahr ein leicht erhöhtes Brustkrebsrisiko

Eine neue, in der Fachzeitschrift «Lancet» publizierte Metastudie zeigt jetzt auf, dass sich das Brustkrebs-Risiko bereits ab dem zweiten Jahr der Östrogen/Gestagen-Einnahme erhöht. Dies gilt auch, wenn auch in geringerem Ausmass, für Frauen, welche nur Östrogene einnehmen. Das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, erhöht sich mit jedem Jahr der «Hormonersatztherapie». Bei Frauen, welche die Hormone fünf Jahre und länger einnehmen, erhöht sich das Risiko in absoluten Zahlen wie folgt:


Quelle: «The Lancet». Grafik: Christoph Heinen
Aufgrund der oben abgebildeten Statistik kann man über das Brustkrebsrisiko für Frauen, die in den Wechseljahren Hormone einnehmen, wie folgt unterschiedlich informieren:

  • Unter 1000 Frauen, die Östrogene plus Gestagen einnehmen, kommt es zu 14 bis 20 zusätzlichen Brustkrebserkrankungen.
    Anders ausgedrückt: 1 von 71 bis 1 von 50 dieser Frauen würden ohne Hormoneinnahme nicht an Brustkrebs erkranken.
    Oder nochmals anders ausgedrückt: 24 Prozent der 83 Frauen bzw. 18 Prozent der 77 Frauen, die innerhalb von zwanzig Jahren an Brustkrebs erkranken, würden ohne Hormoneinnahme nicht erkranken.
  • Unter 1000 Frauen, die nur Östrogene einnehmen, kommt es zu fünf zusätzlichen Brustkrebserkrankungen.
    Anders ausgedrückt: 1 von 200 dieser Frauen, die nur Östrogene einnahmen, erkrankt ohne Hormoneinnahme nicht an Brustkrebs.
    Oder nochmals anders ausgedrückt: 7 Prozent der 68 Frauen, die innerhalb von zwanzig Jahren an Brustkrebs erkranken, wären ohne Hormoneinnahme nicht an Brustkrebs erkrankt.

Nach Ende der Hormontherapie nimmt das Brustkrebsrisiko wieder ab. Doch bei Frauen, welche länger als fünf Jahre mit Hormonen behandelt werden, bleibt das Brustkrebsrisiko auch nach dem Ende der Therapie während mindestens zehn Jahren erhöht.

Grosse Medien informieren nicht

Über diese im August 2019 veröffentlichte Meta-Studie im «Lancet» informierte in der Schweiz lediglich die NZZ. Bereits drei Jahre vorher hatten die grossen Medien über die bis damals aussagekräftigste Studie nicht informiert, welche das «British Journal of Cancer» veröffentlichte. Infosperber hatte darüber berichtet («Fast 3x so häufig Brustkrebs nach Hormontherapie»).
Damals ging man noch davon aus, dass Frauen, die keine Gebärmutter mehr haben und lediglich Östrogene einnehmen, kein erhöhtes Brustkrebsrisiko haben.

Nicht nur Brustkrebs

Forscher der Oxford-University und andere hatten nachgewiesen, dass die Hormonersatztherapie sowohl mit Kombipräparaten als auch mit nur Gestagenen auch das Risiko von Eierstockkrebs merklich erhöht, nach fünf Jahren bereits um 40 Prozent. In absoluten Zahlen: Bei 1000 Frauen kommt es zu einem zusätzlichen Eierstockkrebs und pro 1700 Frauen zu einem zusätzlichen Todesfall als Folge eines Eierstockkrebses.

Dass die Risiken der Hormonersatztherapie heruntergespielt wurden, zeigte bereits eine im Jahr 2002 veröffentlichte Überprüfung aller damals vorliegenden Forschungsresultate. Ein internationales Panel von 24 Wissenschaftlern kam nach vier Jahren Arbeit im Auftrag der amerikanischen «National Institutes of Health» und der italienischen «Giovanni Lorenzini Medical Foundation» zu folgenden Schlüssen: Unbestritten bleibt der Nutzen der HRT bei schweren Wechseljahrbeschwerden. Für den Nutzen bezüglich Knochenbrüchen, Herzproblemen, Inkontinenz und Alzheimer gebe es indessen «keine genügenden Beweise». Dafür seien die Risiken einer langjährigen Östrogen-Einnahme zum Teil «klar belegt».

Ungeachtet der neusten Forschungsergebnisse aus den Jahren 2015 und 2019 empfiehlt das «Swiss Medical Forum», offizielles Fortbildungsorgan der FMH, nach «ausführlicher Beratung der Patientin» weiterhin eine Hormonbehandlung «innerhalb der ersten 5 bis 10 Jahre nach der Menopause».

Früher als Wundermittel gepriesen

Noch vor zwanzig Jahren hatte die Pharmafirma Janssen-Cilag (Johnson & Johnson) den Ärztinnen und Ärzten Farbfolien für das Gespräch mit Patientinnen zur Verfügung gestellt. Sie zeigten auf Hochglanzpapier, dass eine «Hormonersatztherapie» HRT das Knochenbruch-Risiko angeblich um 75 Prozent senkt, das Alzheimer-Risiko um 54 und das Risiko von Herzkreislauf-Krankheiten um 44 Prozent. Die Frauen würden auch länger jünger aussehen. Dagegen gebe es «kein» oder ein «nur minim erhöhtes» Brustkrebsrisiko. Der Werbefeldzug der Industrie und von Endokrinologen (Hormonspezialisten) mit Professorentitel, welche von der Industrie Geld annahmen, war äusserst erfolgreich.

Auf Anraten von Ärztinnen und Ärzten entschieden sich viele Patientinnen für eine langjährige Hormonersatztherapie. Nach der Jahrtausendwende nahm fast jede vierte Schweizerin im Alter zwischen 50 und 64 Jahren Östrogene allein oder kombiniert mit Gestagenen. Die Pharmaindustrie verkaufte allein in der Schweiz etwa drei Millionen Packungen pro Jahr.

Unterdessen sind gynäkologische Fachgesellschaften etwas kleinlauter geworden und haben den in Verruf geratenen Begriff «Hormonersatztherapie» (HRT oder HET) umgewandelt in «Menopausale Hormontherapie» (MHT).

Frauen, die sich gegenwärtig in einer Hormonersatztherapie befinden und nach Abwägen von Nutzen und Risiko damit aufhören möchten, dürfen die starken Hormone auf keinen Fall von einem Tag auf den andern absetzen. Hormonspezialisten empfehlen ein langsames und schrittweises Vorgehen über sechs bis neun Monate.

Zum Infosperber-Dossier:

Die Politik der Pharmakonzerne

Sie gehören zu den mächtigsten Konzernen der Welt und haben einen grossen Einfluss auf die Gesundheitspolitik.

2 Meinungen

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    am 31.Jan.2020 um 5:43 pm
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    Vielen Dank für die fast komplette Info.
    Was fehlt, sind natürlich die bioidentischen Hormone (naturidentisch ist ein wenig irreführend), also, die identischen Hormone, die wir in unserem Körper produzieren: Estradiol, Progesteron, Testosteron etc. In der Regel werden sie aus pflanzlichen (Yams) Ausgangsmaterialien gewonnen. Ihr Nachteil: Sie können, da natürlich, nicht patentiert werden, da verdient kein armer Pharmakonzern was dran. Insofern werden sie von der konventionellen Medizin/Pharma gezielt unterdrückt, obwohl die wissenschaftlichen Beweise für Wirksamkeit und geringe Nebenwirkungen (eben die gleichen, die beim Menschen mit den eigenen Hormonen auftreten) erdrückend sind.
    Allmählich sickert diese Kenntnis ins Bewusstsein einiger Ärzte, aber die Schule will davon nichts wissen.
    Ich selbst habe diese Hormone seit 2001, dem Erscheinen der damaligen verheerenden WHI-Studie, konsequent angewandt, bei beiden Geschlechtern und gegen zahlreiche Kollegenwiderstände. Auch das wird allmählich besser, aber es fehlt die allgemeine Aufklärung. Hormone sind ein wichtige Pfeiler der Krankheitsprophylaxe in der zweiten Lebenshälfte, aber eben nur die bioidentischen, gegen Osteoporose, Arthrose, Arteriosklerose, Demenz, trockene Haut und Schleimhäute etc.
    Dr. med.Heribert Möllinger, Purasca

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    am 26.Jan.2020 um 12:09 pm
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    Meine Ärztin zeigte mir eine ganz andere Statistik, ABER :
    Bei Konstitution mit sog. „Naturidentischen Hormonen“, wo auch Progesteron eine Rolle spielt.
    Nach einem ganzen Jahr quälender Schlaflosigkeit u.a. (Kinder erst 3 und 5 Jahre alt), hat mich diese Behandlung gerettet, sonst wäre ich vielleicht durchgedreht. Ich bin unendlich dankbar, dass es diese Alternative gab und noch gibt. Leider gibt es nur wenige Ärzt/Innen, die diese spezielle Ausbildung haben, die es dazu unbedingt braucht.

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