«10vor10» und «SonntagsZeitung» wehren sich gegen Zensur

Ein PR-Mann von Bundesrat Ignazio Cassis hob die Hand und stoppte eine Frage des «10vor10»-Journalisten.

«Ich habe gesagt, das ist keine Thema» unterbrach ein PR-Sprecher von Aussenminister Ignazio Cassis die Frage des «10vor10»-Journalisten und verhinderte eine Antwort des Bundesrats.
Die Frage betraf die angekündigte Lockerung der Beschränkungen des Exports von Schweizer Waffen nach Ländern mit internen bewaffneten Konflikten. Für diese Frage ist Aussenminister Cassis der richtige Ansprechpartner.

Ein erstes Kränzchen ist der Sendung «10vor10» zu winden: Sie strahlte die Intervention des PR-Sprechers am 30. August aus, so dass die Öffentlichkeit die Intervention ganz kurz mitbekam. Offensichtlich hatte der PR-Sprecher den Journalisten den Tarif vorher durchgegeben und bestimmt, welche Themen nicht angesprochen werden dürfen.

Ein zweites Kränzchen ist der «SonntagsZeitung» zu winden: Nachrichtenredaktor Simon Widmer kritisierte diese Praxis in einem Kommentar mit klaren Worten: «Die Intervention des Sprechers ist ein Beispiel dafür, wie Kommunikationsleute bestimmen möchten, was Konsumenten sehen, lesen und hören.»
Viele Journalisten scheinen den Kampf gegen Kommunikationsstellen aufgegeben zu haben: «Die Versuche der Gegenseite, Informationen zu kanalisieren, zu filtern und zu zensieren, werden kaum einmal transparent gemacht.»
Die Leidtragenden seien die Bürgerinnen und Bürger: «Sie lesen oftmals geschliffene Interview mit Wirtschaftsführern und Politikern, in denen die wichtigsten Fragen erst gar nicht gestellt werden.»
Das Schweizer Fernsehen sei jetzt mit dem guten Beispiel vorangegangen.

SBB-PR-Sprecher verhindert Beitrag über Minibaren der SBB

Der Kontrollwahn von PR-Stellen treibt zuweilen seltsame Blüten. Man muss wissen, dass Medien in Bahnhöfen und Zügen nur mit Einwilligung der SBB als Eigentümerin fotografieren und filmen dürfen. Redaktorin Sarah Serafini von Watson.ch schrieb am 29. August: «Ich habe über Krieg geschrieben, über Flüchtlinge, über Seenotrettung, über die Türkei. Doch eine Reportage über die Minibar der SBB stellte sich als unmöglich heraus.» Es folgt eine Chronologie der Anfragen und hinhaltenden Antworten der SBB-Medienstelle. Eine Bewilligung hat sie auch nach zwei Jahren noch nicht erhalten.

Deshalb gilt das dritte Kränzchen dem Online-Portal Watson.ch. Sie hat die Hinhaltetaktik der SBB-Medienstelle publik gemacht und mit Fotos von Keystone illustriert. Ein viertes Kränzchen gehört Ronnie Grob, der die «Watson»-Geschichte der Leserschaft der «NZZ am Sonntag» bekannt machte.

Publizist und Buchautor Karl Lüond stellte schon 2013 fest: «Das Ungleichgewicht und das Kompetenzgefälle zwischen den unabhängigen Medien und der PR-Industrie wächst jeden Tag.» Unterdessen haben weitere fünf Jahre dieses Gefälle vergrössert.
Pietro Supino, der es als Tamedia-Verleger wissen muss, hatte schon vor acht Jahren im Magazin geschrieben: «Der öffentliche Diskurs gerät zunehmend unter den Einfluss der PR-Industrie. Akteure, die über grosse finanzielle Mittel verfügen und ganz bestimmte Interessen verfolgen, aber meist anonym bleiben, gewinnen an Definitionsmacht.»

Selbst die Hauptausgabe der Tagesschau speist die Zuschauerinnen und Zuschauer mit PR-Leuten ab

Verwaltungsratspräsidenten, CEOs, Bundesräte, oder Chefbeamte treten auffällig häufig vors Mikrofon, wenn sie gute Nachrichten zu verbreiten haben oder nach Katastrophen Mitgefühl zeigen können. Wenn schlechte Nachrichten oder umstrittene Entscheide zu kommentieren sind, lassen sie jedoch auffällig häufig ihre PR- und Medienabteilungen an die Front.
Selbstverständlich können Bundesräte, Chefbeamte, Verwaltungsratspräsidenten oder CEOs nicht all den vielen Medien Red‘ und Antwort stehen. Von der Hauptausgabe der Tagesschau kann die Öffentlichkeit jedoch erwarten, dass sie sich – von Ausnahmen abgesehen – nicht mit PR-Leuten der Medienstellen abspeisen lassen. Wenn die Verantwortlichen nicht selber Stellung nehmen, soll dies die Tagessschau jeweils transparent machen.

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Eine Meinung zu

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    am 3.Sep.2018 um 11:59 pm
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    Ich finde die Tagesschau meist etwas fad, weil sie keine unkonformen Beiträge bringt, keine Hintergründe und Zusammenhänge aufdeckt. Das „Echo der Zeit“ mutet Zuhörerinnen und Zuhörern in der Regel etwas mehr an ‚unmainstreamiger‘ Information zu.

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