Einen «Tiefpunkt der Gedankenlosigkeit, wenn nicht der Willfährigkeit» nannte es der Journalisten-Ausbildner Wolf Schneider.

«20minuten» weiss es: Trump will Frieden

Einen «Tiefpunkt der Gedankenlosigkeit, wenn nicht der Willfährigkeit» nannte es der Journalisten-Ausbildner Wolf Schneider.

Niemand weiss, welche Strategien in Konflikten hinter den Kulissen tatsächlich ausgeheckt werden. Sicher kommen die wahren Absichten höchst selten an die öffentliche Glocke.
Wenn also Präsident Donald Trump nach der Ermordung von Kassem Soleimani und nach iranischen Raketenangriffen auf US-Stützpunkte in Irak der Öffentlichkeit erklärt, er sei bereit für Frieden («The United States is ready to embrace peace with all who seek it.»), dann weiss niemand, ob dies stimmt. Jedenfalls gibt es keine Anzeichen dafür, dass die USA dem Atomabkommen wieder beitreten oder ihren totalen Wirtschaftskrieg gegen Iran lockern wollen, bevor dort ein von US-Hardlinern seit langem beabsichtigter «Regime Change» stattfindet.

Journalistinnen und Journalisten wissen lediglich, dass Trump erklärte, er sei bereit für Frieden. Und folgerichtig müssten Medien die Öffentlichkeit auch korrekt informieren: «Präsident Trump sagte, er sei bereit für Frieden mit allen, die ebenfalls dafür bereit sind.»


Wenn «20minuten» auf der Titelseite mit der Schlagzeile informiert, «Trump will Frieden», gaukelt die Zeitung vor, sie kenne die geheimen Absichten und Überzeugungen von Trump, eines Politikers, der ohnehin einen professionellen Umgang mit der frisierten Wahrheit und der Lüge pflegt.

Tendenziös wäre natürlich auch die Schlagzeile gewesen «Trump behauptet, er wolle Frieden». Diese Formulierung enthält den Argwohn, dass Trump lügt.

Infosperber fragte «20minuten», woher die Zeitung wisse, dass Trump tatsächlich den Frieden wolle. Dies sei aus Trumps Rede hervorgegangen, antwortete der stellvertretende Chefredaktor Lorenz Hanselmann. Nach Einschätzung der Mehrheit der Beobachter habe Trump in dieser Rede «ein Zeichen der Deeskalation nach Teheran gesendet». Trump habe «betont, die USA seien bereit für Frieden».

Hier tappt der stellvertretende Chefredaktor gleich in die nächste Falle. Denn «betonen» oder «bekräftigen» kann man nur eine Aussage, die als wahr angenommen wird. Aber diese Sprachschulung ist wahrscheinlich zu anspruchsvoll.
Deshalb zurück zur Information über angeblich wahre Absichten von Politikern, Konzernchefs oder Mediensprechern. Als damaliger Leiter der Hamburger Journalistenschule hatte Wolf Schneider schon im Jahr 1984 in seinem Buch «Deutsch für Profis» angehende Journalistinnen und Journalisten davor gewarnt, «typische Lügen der Politiker ohne Not in den Stand der Wahrheit zu erheben».
Seit Schneiders Zeiten haben Politiker, Wirtschaftsvertreter und Bundesämter ihr PR-Arsenal massiv ausgebaut. Umso weniger sollten Journalistinnen und Journalisten ihre Leser- und Zuhörerschaft daran gewöhnen, dass der Wahrheit entspricht, was gesagt wird. Die wahren Überzeugungen und Absichten kennen wir nicht. Was Politiker darüber sagen, ist ein überaus schwaches Indiz. Deshalb sollte man sie zwar darauf festnageln, was sie sagen, jedoch nicht mögliche Halbwahrheiten oder sogar Lügen als Wahrheiten verbreiten.

Weitere von Schneider angeführte Beispiele

Der Politiker, dessen Partei zerstritten ist, sagt: «Noch nie war meine Partei so geschlossen.» Eine Notlüge. Man kann daraus nur die Meldung machen: «Politiker X sagte, seine Partei sei noch nie so geschlossen gewesen.» Die Nachrichtenagentur verbreitete die Meldung: «Nach Ansicht des Politikers X war seine Partei noch nie so geschlossen.» Falsch. Die Agentur kennt die tatsächlichen Ansichten des Politikers nicht. Sie kauft ihm das Geflunker als «Überzeugung» ab.
Anderes Beispiel: «Die Grosse Koalition droht zu zerbrechen» (zu Schneiders Zeiten war es die Bonner Koalition). Für viele Bundesbürgerinnen und Bundesbürger ist dies jedoch keine Drohung, sondern im Gegenteil eine Hoffnung. Mit dem Wort «droht» nimmt die Zeitung Partei zugunsten der Grossen Koalition.

Alle diese sprachlichen Fehlleistungen seien häufig ein «Tiefpunkt der Gedankenlosigkeit, wenn nicht der Willfährigkeit», schreibt Wolf Schneider.

____________________
NACHTRAG EINES LESERS

Eine weitere Unart für zustimmende Wiedergabe von Statements, wie sie viele Journalisten und Journalistinnen gerade auch im Radio SRF pflegen, lautet: «Ist überzeugt». Beispiel: «Sie ist überzeugt, dass eine wachsende Zahl von Anwohnern ihre Ansicht teilt». Vielleicht sagt eine Person tatsächlich, sie sei «überzeugt, dass …» Dann müsste die Journalistin, die nicht Hellseherin ist, schreiben: «Sie sagt, sie sei überzeugt», oder holpriger: «Sie gibt sich überzeugt». Oft aber verwenden Journalisten die gedankenfreie Floskel «ist überzeugt» eigenständig als – vermeintliches – Synonym von «sagt» oder «schreibt» – und gaukeln damit eine Überzeugung eines Zitierten vor, die dieser nicht einmal selber hat oder vorgibt.

____________________

Wer sich in solche Feinheiten vertiefen möchte, die für die Meinungsbildung wichtig sind, liest am besten das immer noch aktuelle Buch Wolfgang Schneiders «Deutsch für Profis», Taschenbuch 11.10 CHF oder 9 Euro. – Daneben gibt es von Wolf Schneider auch die Bücher «Deutsch für Kenner», «Deutsch! Das Handbuch für attraktive Texte», «Wörter machen Leute; Magie und Macht der Sprache», u.a. Alle sind insbesondere für Journalisten und Journalistinnen lesenswert.

Zum Infosperber-Dossier:

Kritik von Zeitungsartikeln

Printmedien üben sich kaum mehr in gegenseitiger Blattkritik. Infosperber holt dies ab und zu nach.

6 Meinungen

  • Avatar
    am 13.Jan.2020 um 8:33 pm
    Permalink

    Lieber Herr Buchmann
    Schade, dass Info Sperber infolge dieser unsinnigen 8-Stundenfrist nicht die Möglichkeit bietet, eine Diskussion zu führen. 8 Stunden später noch mal nachzuschauen, ob da noch andere Stellungnahmen vorliegen ist mir (in der Regel) zu mühsam.
    Ich bin einverstanden, auch meine Aussagen beruhen auf Antizipation (Sie sagen Spekulation, man könnte auch Vorurteilen sagen). Aber auf die Fakten (beruhend auf offiziellen Zahlen und Statistiken) die ich aufgeführt habe, haben Sie keinen Widerspruch eingelegt. Grösstes Kriegsbudget, grösster Waffenlieferant an Diktatoren, grösste Militärmacht, Hegemon über die «Verbündeten» Nationen, Missachtung jeglicher internationaler Regeln etc. das sind nun mal Fakten. Da, denke ich, liegt der Kern des Problems und nicht darin, dass «Trump» synonoym für die Politik der Kreise hinter ihm genannt wird. Und, ja «er» hat die Kriege geerbt, aber, sorry, er ist nicht mit «Hitler» konfrontiert, auch nicht im Iran.

    0
  • Avatar
    am 13.Jan.2020 um 8:57 am
    Permalink

    Ich verstehe Ihr Bemühen um korrekte Sprache (und um die korrekte Einordung der Absichten Trumps), vielen Dank dafür. Das Beispiel finde ich aber nicht so gut gewählt. «20 Minuten» hat einen kurzen Titel und wenige Sätze zur Verfügung, um die Welt über die neuste Lage in dem Konflikt zu informieren. Nachdem Trump getwittert hat, dass er keinen Krieg will, kann man das doch so schreiben. Die Leser wissen 1), dass Trump angegriffen hat, und 2), dass die Medien nicht wissen können, was genau er denkt und plant. Niemand kann ja je wissen, wer genau was denkt und plant, das ist doch klar. Trotzdem will man wissen, was Trump nun nach den Angriffen Irans dazu sagt. Wenn «20 Minuten» nun umständlich schreiben würde «Trump sagt, er wolle Frieden», dann ändert das an der Message, die rüberkommt, nichts.

    0
  • Avatar
    am 13.Jan.2020 um 7:44 am
    Permalink

    Wie kann man diese Analyse so veröffentlichen und dann zur Tagesnormalität übergehen? Wenn unser System nur noch Flunkerer in die Parlamente spült, denen man unter keinen Umständen trauen kann ("Umso weniger sollten Journalistinnen und Journalisten ihre Leser- und Zuhörerschaft daran gewöhnen, dass der Wahrheit entspricht, was gesagt wird. Die wahren Überzeugungen und Absichten kennen wir nicht. Was Politiker darüber sagen, ist ein überaus schwaches Indiz.» ), dann gehört es subito bekämpft. Unsere Vorfahren sind nicht für Parlamentarier auf den Eidgenössischen Schlachtfeldern gestorben, welche Unwahrheiten und Halbwahrheiten verbreiten. Sondern für Freiheit, Ehre und Vaterland.
    Wenn wir die Eidgenossenschaft mit ihren Prinzipien retten wollen, dann müssen wir zum Subsidiaritätsprinzip zurückkehren und es maximal anwenden. Möglichst viele Entscheidungen zurück in die Gemeinden geben, wo die Entscheidungsträger in den gleichen Coop und zum gleichen Coiffeur gehen, wie diejenigen, die von ihren Entscheidungen betroffen sind. Flüchtlings-, Sozial-, Gesundheits-, Bildungspolitik, etc., können gerade so gut auch in den Gemeinden geregelt werden. Meistens liegt der einzige Unterschied in der Kompetenzverschiebung nach Bundesbern darin, dass die Lobbyisten einfacheres Spiel haben und die Parlamentarier in ihrer Parallelwelt schweben, es sich gut gehen lassen, ohne mit Bürger konfrontiert zu werden, die von den negativen Folgen ihrer Entscheidungen betroffen sind.

    0
  • Avatar
    am 13.Jan.2020 um 5:17 am
    Permalink

    Exzellent und präzise wie immer. Heute ist man ja schon froh wenn ein Artikel nicht gespickt ist mit orthographischen und grammatikalischen Fehlern. Von dem gesprochenen Hochdeutsch auf SRF ganz zu schweigen (schon mal von Fällen gehört? Subjekte stehen nie im Akkusativ).
    Zu Herr Gysin: Sie machen den umgekehrten Fehler von 20 Minuten: dass Trumps Streitkräfte pausenlos im Krieg stehen, heisst nicht dass er persönlich den Krieg will. Ich glaube Eisenhower durchaus, dass er keinen Krieg wollte, aber keinen anderen möglichen Umgang mit Hitler mehr sah. Trump hat seine Kriege geerbt und seine Geheimdienste scheinen auch nicht an Frieden interessiert. Nicht dass ich Trump glaube, er wolle Frieden. Gefühlt nimmt er Krieg gerne in Kauf, wenn es ihm die Wahl sichert. Aber das sind eben doch nur Spekulationen, OK für uns Laien, nicht OK für Journalisten.

    0
  • Avatar
    am 12.Jan.2020 um 6:17 pm
    Permalink

    Sehr geehrter Herr Gasche

    Unter https://www.infosperber.ch/Dossier/US-Politik-unter-Donald-Trump steht:

    «An seinen Entscheiden ist Trump zu messen, nicht an seinen widersprüchlichen Aussagen. «

    Trump hat 2018 ca. 60 Missiles auf ein paar leere Garagen/Fabrikhallen gefeuert. Keine Toten!

    Diesen Angriff muss man im Zusammenhang mit Skripal sehen.

    Er war notwendig geworden, da die Bevölkerung die Assoziation Novitschok=Russland nicht mehr geglaubt hat.

    Kurz vorher wurde nämlich bekannt, dass dieses Gift in Deutschland, Schweden und auch der Tschechei bekannt ist.

    Nach dem Angriff, dann in NZZ usw.: Erster Giftgasangriff in Europa seit dem 2. Weltkrieg durch die Russen und nun nochmals Giftgas in Syrien.

    Hier wurden die Russen nur indirekt beschuldigt, weil sie eben Assad unterstützen, der für den Giftgasangriff verantwortlich ist.

    Inzwischen hat sich dieser Giftgasangriff durch OPWC-Leaks als Theaterschauspiel entpuppt.

    Die bisher einzigen Toten von Trump sind jetzt Soleimani und Begleiter.

    Nicht wirklich gut, aber im Vergleich zu den Präsidenten vorher ist er ein absoluter Friedenspräsident.

    Es gibt ja auch Stimmen, die sagen, dass etliche Iraner Trump hierfür dankbar sind.

    Möglich, dass dies auch die Nichtreaktion im Iran erklärt, bzw. wieder eine Aktion, in der nur Sachschäden entstanden sind.

    Ich denke, was Sie hier ansprechen ist in diesem Zusammenhang eher eine Lappalie.

    Was die Zukunft bringt, werden wir sehen.

    0
  • Avatar
    am 12.Jan.2020 um 1:44 pm
    Permalink

    Herr Gasche, Ihre Bemühungen um eine etwas ausgewogenere Berichterstattung, in Ehren. Aber wenn jemand titelt «Trump will Frieden», dann lügt er bewusst, denn der besagte Herr Trump führt bereits einen Krieg, ja mehrere Kriege. Jeder weiss, dass Krieg nicht erste beginnt, wenn die ersten Schüsse fallen, er beginnt beispielsweise mit Aufrüstung. Trumps USA investieren mehr Geld in ihre Rüstung als die Gesamtheit der übrigen Länder der Welt. Kein Land exportiert weltweit mehr Waffen an (willfährige) Diktatoren wie die USA. Im Verband mit den ehemaligen Kolonialmächten verfügen die USA über mehr als 1000 Militärstützpunkte rund um den Globus, die deren geopolitische Kriegsführung (z. B. am Hindukusch) erst möglich machen. Trumps USA belegen zahlreiche Länder mit Boykottsanktionen, militärischer Besatzung oder der Unterstützung bewaffneter Oppositionskräfte, die in erster Linie die Zivilbevölkerung plagen und damit den Zweck haben Unruhe zu schaffen und Bürgerkriege zu provozieren. Trump führt Krieg, die Frage ist nur welches Mittel den Kreisen die ihn zu ihrer Galionsfigur gemacht haben, als das geeignete erscheint.

    0

Deine Meinung ist gefragt!