«Aus Frust schlug er zu!»

Berichterstattung aus Täterperspektive: Erst nach Protesten hat eine Online-Zeitung den Flirt-Frust eines Täters gestrichen.

In Österreich hat kurz vor dem Jahreswechsel ein Mann eine Radfahrerin zuerst verfolgt und dann mit einer Eisenstange fast tot geschlagen. Er begründete seine Tat mit Frust. Vor der Tat habe er wochenlang andere Frauen mit dem Rad verfolgt. Doch er habe sich nicht getraut, die Frauen anzusprechen. Mehrere Medien berichteten von Flirt-Frust und übernahmen damit die Täterperspektive. Die Online-Ausgabe der Gratiszeitung «Heute» strich erst nach zahlreichen Protesten in den sozialen Medien innerhalb von zwei Stunden den Flirt-Frust aus Titel und Lead.

Mitschuld des Opfers

Mit Flirt-Frust hatte die «Heute»-Redaktion die Tätersicht übernommen. Auf diese Weise normalisieren und bagatellisieren Medien immer wieder auch Taten von aktuellen oder ehemaligen Partnern. Es ist von Frauen die Rede, die sich mit ihrem Partner gestritten, sich getrennt oder einen neuen Partner haben. Das kennen alle aus ihrem Alltag, auch den Flirt-Frust. Mord und Totschlag werden zum «Beziehungsdrama», zum «Familiendrama», zur «Eifersuchtstat» oder zum «Ehrenmord». Auf diese Weise schieben Medien dem Opfer eine Mitschuld zu.

Einzelfall-Schilderung

Gewalt von Partnern und Ex-Partnern ist die weltweit am meisten verbreitete Form von Gewalt gegen Frauen. Die gängige Berichterstattung als Einzelfall verschleiert die Dimension dieser Form der Gewalt gegen Frauen und trägt dazu bei, dass solche Taten kein politisches Top-Thema sind. «Die Taten werden medial wie unfassbare Einzelfälle abgehandelt, die aus heiterem Himmel passieren», bloggte die österreichische Journalistin Nicole Schöndorfer zur Attacke mit der Eisenstange. «Boulevardesk, voyeuristisch, unsensibel und einer immer gleichen Erzählstruktur folgend. Die Frau hat etwas getan und daraufhin ist der Mann ausgerastet. Dieses Narrativ ist nicht nur irreführend, sondern vor allem gefährlich, denn es rechtfertigt Gewalt von Männern zumindest implizit als eine Reaktion auf das Verhalten einer Frau.» Der Angriff eines Mannes auf eine Frau werde nie mit seinem Unvermögen erklärt, auf Zurückweisung, Kränkung oder Verlust gewaltfrei zu reagieren. Gefährliche Vorstellungen von Männlichkeit und Frauenhass seien kein Thema.

Politisches Nischenthema

Den Grund dafür sieht Schöndorfer in der patriarchalen Gesellschaft: «Zum System gehören Medien, Politik, Polizei und Justiz. Sie alle sind dafür verantwortlich, dass die Situation für Frauen so ist, wie sie ist: unsicher.» Mittlerweile gebe es zwar gute Gesetze und internationale Vereinbarungen, die allerdings in der Praxis zu wenig bewirken. Gewalt von Männern gegen Frauen sei trotz epidemischer Ausmasse politisch weiterhin nur ein Nischenthema. Niemand wolle für den Kampf gegen diese Gewalt Geld in die Hand nehmen.

Zum Infosperber-Dossier:

Gewalt

«Nur wer die Gewalt bei sich versteht, kann sie bei andern bekämpfen.» Jean-Martin Büttner

Eine Meinung zu

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    am 31.Jan.2019 um 11:09 am
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    In den Zusammenhang fallen für mich auch Meldungen, bei denen irgendein Familienvater mal wieder sich und die ganze Familie umbringt, weil er seinen Job verloren und Riesenschulden hat o.ä.

    Da heißt es dann auch immer «Familiendrama», und das ganze wird quasi als kollektiver Selbstmord dargestellt. Äh—nein? Hat jemand tatsächlich die Ehefrau um ihre Meinung gefragt? Hat jemand die KINDER um ihre Meinung gefragt? Wahrscheinlich nicht. Für mich sind das immer ganz klar MORDE, begangen von Leuten, die ihre Familie als ihr Eigentum betrachten und/oder die sich für so wichtig halten, dass sie glauben, ohne sie könne der Rest der Familie nicht überleben. (In den allermeisten Fällen dürfte dieser Glaube heutzutage ungerechtfertigt sein.)

    (Diese Fälle gibt es allerdings auch in der weiblichen Variante, wenn eine Mutter sich und ihre Kinder umbringt. Das fällt für mich aber in die gleiche Kategorie.)

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