Wer im Glashaus sitzt, beschädigt zuweilen die eigenen Scheiben.

Chefredaktionelles Steinewerfen

Wer im Glashaus sitzt, beschädigt zuweilen die eigenen Scheiben.

Den ersten Stein warf die «Weltwoche», die SVP-Nationalrat und Chefredaktor Roger Köppel gehört. In der Rubrik «Personenkontrolle» notierte sie am 12. Dezember unter dem Namen Stefan Schmid: «Netzwerker, hat als Chefredaktor des St. Galler Tagblatts seine intimen Beziehungen ins Bundeshaus markant verbessert. Er ist neuerdings zusammen mit der grünliberalen Zürcher Neo-Nationalrätin Corina Gredig

Nach einigen Hinweisen auf frühere persönliche Beziehungen von Schmid und Gredig fährt der Personenkontrolleur in der «Weltwoche» fort: «Damit gelingt es (…) einer weiteren Frau aus dem grün/grünliberalen Lager, sich einen Journalisten zu angeln. Und so schwärmt Stefan Schmid in seinem Blatt vom ‘Aufstieg grüner und grünliberaler Kräfte’ und von den ‘grünen und grünliberalen Wahlsiegern’.»

Sechs Tage später, am 18. Dezember, warf Stefan Schmid in den Rubriken «Kolumne» im St. Galler Tagblatt und «Apropos» in der Luzerner Zeitung den Stein zurück: «Roger Köppel, unkonventionellster Journalist des Landes, hat ein Herz für harte Männer», schrieb Schmid in den beiden Blättern, die zum Imperium «CH-Media» gehören, und er listete Köppels folgende Sünden auf: «Im Januar 2016 salbte er in seiner ‹Weltwoche› Reichsfeldmarschall Hermann Göring, die Nummer zwei in Nazi-Deutschland. Später führte er unkritische Interviews mit Reizfiguren am rechten Rand wie zuletzt mit AfD-Scharfmacher Björn Höcke. Und nun bietet er in seiner Zeitung Chinas Diktator Xi Jinping via dessen Statthalter in Bern eine Propagandaplattform feil. Köppels Blatt erhält dafür im Gegenzug jede Menge Inserate von Firmen, die sich in chinesischem Besitz befinden. Zufälle gibt’s.»

Zufälle gibt es tatsächlich. Denn dummerweise liegt einen Tag später der Luzerner Zeitung eine achtseitige Beilage bei mit Titeln wie «Ein feierliches Jahr für China» oder «Die Schweiz und die Volksrepublik China – eine Erfolgsgeschichte» oder «Die Etappen auf dem Weg zur Öffnung» etc. Am unteren Rand der Zeitungsseite steht als Quellenangabe kleingedruckt: «Publikation des Generalkonsulats der VR China in Zürich».

Mit dieser umfangreichen Beilage bot die Luzerner Ausgabe des CH-Media-Verbundes der Regierung Chinas am 19. Dezember just die gleiche «Propagandaplattform», die der im CH-Media-Sold stehende Stefan Schmid tags zuvor kritisiert hatte: Auf der Frontseite winken Xi Jinping und Ueli Maurer den LeserInnen in der Zentralschweiz fröhlich zu. Im Text erfahren die Nachkommen der alten Eidgenossen viel von den Heldentaten und Diensten, die China der Menschheit seit 70 Jahren beschert, aber selbstverständlich nichts von den Gräueltaten des diktatorischen Regimes am eigenen Volk.

Am 20. Dezember berichtete der Tamedia-Verbund über diese «Propagandaoffensive» Chinas im Konkurrenzverlag CH-Media. Dabei zitierte Autor Markus Häfliger auch Pascal Hollenstein, publizistischer Leiter des CH-Media-Konzerns – und in dieser Funktion Vorgesetzter des St. Galler Chefredaktors und «Propagandaplattform»-Kritikers Stefan Schmid. Die Veröffentlichung dieser China-Beilage verteidigte Hollenstein mit dem Argument, es handle sich dabei um «nichts anderes als ein grosses Inserat». Als Kriterium für die Publikation gelte einzig, ob der Inhalt schweizerisches Recht und öffentliche Sitten respektiere. Zur Erinnerung: Ein kleines Werbeinserat für Infosperber, das ebenfalls Recht und Sitten respektierte, lehnte das St. Galler Tagblatt nach Intervention Hollensteins vor Jahren noch ab.

Die Frage nach den chefredaktionellen Zänkereien: Wer wirft den nächsten Stein? Und die Lehre: Wer im medialen Glashaus sitzt, läuft Gefahr, die eigene Scheibe zu beschädigen.

Zum Infosperber-Dossier:

Kritik von Zeitungsartikeln

Printmedien üben sich kaum mehr in gegenseitiger Blattkritik. Infosperber holt dies ab und zu nach.

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