Roman Bucheli liefert in der NZZ ein weiteres Beispiel, wie wenig ein Literat von Naturwissenschaft begreift.

Das extrapolierte Känguru

Roman Bucheli liefert in der NZZ ein weiteres Beispiel, wie wenig ein Literat von Naturwissenschaft begreift.

Red. Der Autor ist Arzt in Bern und politisierte früher in der Grünen Fraktion im Nationalrat.

Im Artikel «Die Gegenwart zwischen Zukunftseuphorie und Nostalgie» in der «Neuen Zürcher Zeitung» vom 7.1.2020 schreibt NZZ-Literaturkritiker Roman Bucheli: «Auf der anderen Seite erleben wir derzeit eine Konjunktur apokalyptischer Szenarien. Zumal die Klimabewegung wird nicht müde, auf der Grundlage extrapolierter Datenreihen den bevorstehenden Kollaps vorauszusagen.» Und er zitiert als «Autorität» ausgerechnet den ehemaligen «Weltwoche»-Redaktor Markus Schär mit «Der Weltuntergang findet nicht statt».

Bucheli fährt fort: «…dieses Zukunftsmodell, wenn man es so nennen will, ist in zweifacher Hinsicht nicht besonders innovativ. Es schreibt zum einen die Vergangenheit linear in die Zukunft fort, und es hat zum anderen eine starke konservative Komponente.»

Doch Literaturkritiker Bucheli irrt: Das Problem ist doch, dass alles nicht linear verläuft, auch die Voraussagen nicht:

  • Der CO2-Ausstoss steigt nicht linear, sondern sich beschleunigend.
  • Damit wird nicht nur die Erwärmung beschleunigt, sondern sogar die Beschleunigung der Erwärmung.
  • Die Freisetzung von Methan aus dem Permafrost, die verminderte Strahlungsreflexion wegen Eisschmelze und grossflächigen Brände in Südamerika, Sibirien und Australien fügen beschleunigende Rückkopplungsschleifen hinzu.

Diese Nicht-Linearität ist geradezu des Pudels Kern und sie macht eine unbeherrschbare Runaway-Situation jederzeit möglich. Wenn man den sich beschleunigenden Temperaturanstieg, die Temperaturrekorde der letzten zwölf Monate und die Brände in Südamerika, Sibirien und Australien betrachtet, so könnten wir schon mitten in diesem Runaway sein.
Und Bucheli schliesst: «Nie wird das geschehen, was sie sich vorgestellt haben (…) Keiner hat eine präzise Vorstellung davon, wie die Welt aussehen wird bei einer Erwärmung von x Grad.»
Lieber Herr Bucheli: Wir sind hier nicht im Fantasiereich des Feuilletons. Um zu sehen, was die Erwärmung macht, müssen Sie sich nichts vorstellen, nur nach Australien schauen. Ist das verkohlte Känguru-Baby etwa «extrapoliert»? Die Brände in Australien wurden übrigens von Fachleuten und Feuerwehr vorausgesagt, aber die Regierung weigerte sich, zuzuhören.


Verkohltes Känguru-Baby: Der Fotograf Brad Fleet zeigt auf Instagram die dramatischen Folgen der Buschbrände in Australien.

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Siehe auch Blog-Beitrag von Lukas Fierz: «NZZ gegen Wissenschaft»

4 Meinungen

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    am 10.Jan.2020 um 5:45 pm
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    "ZUMAL die Klimabewegung"?? Gemeint ist wohl » Gerade die Klimabewegung"? Und das von einem Literaturkritiker?

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    am 8.Jan.2020 um 6:55 pm
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    Ich lerne aus diesem Beitrag:
    1. Das Feuilleton ist ein Phantasiereich
    2. um einen Kommentar zu einem Artikel zu schreiben, muss man den zu kommentierenden Artikel gar nicht ganz gelesen haben.
    3. ein Literat versteht von Naturwissenschaften nichts.

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    am 8.Jan.2020 um 1:16 pm
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    Lieber Herr Kollege Schrader, unter linearer Extrapolation versteht man im allgemeinen Sprachgebrauch Fortschreibung unter Verwendung einer linearen Funktion, d.h. einer Geraden und Herr Bucheli benutzt den Begriff auch offensichtlich so.

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    am 8.Jan.2020 um 11:57 am
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    Historisch (!) lineare Fortschreibung von Gegenwart in die Zukunft darf gern auf nichtlinearen naturwissenschaftlichen Prozessen beruhen. Der Autor dieses Beitrages hat den kritisierten anderen Autor grundsätzlich nicht verstanden.

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