„Das Magazin“ bringt eine Titelschichte über einen schwulen Schwinger und wird dafür fast ausnahmslos gelobt. Ein paar Vorbehalte.

Der Mann, seine Sexualität und der Sport

„Das Magazin“ bringt eine Titelschichte über einen schwulen Schwinger und wird dafür fast ausnahmslos gelobt. Ein paar Vorbehalte.

Ein junger Schweizer, 27 Jahre alt, will seine sexuelle Neigung öffentlich bekunden. Er spricht mit einem Journalisten. „Das Magazin“, die wöchentliche Beilage der Tamedia Publikationen Deutschschweiz AG, bringt die Geschichte aufs Titelblatt: „Ich bin schwul“. Das Schweizer Fernsehen berichtet in der Hauptausgabe der Tagesschau darüber. Die übrigen Medien greifen das Thema auf. Der junge Mann wird als mutig überhöht, einer, der den „Tabubruch“ wagt. Er ist, laut Magazin, ein „bekannter Topsportler“. In Wahrheit kennt den „Kranzschwinger“ ausserhalb des Spartenpublikums kaum jemand.

Warum hat sich der Text im Magazin, neben weltweiten Flüchtlingsdramen und Virus-Pandemie, dennoch behaupten können? Der Kranzschwinger ist im Grunde ja nicht allein. In Deutschland sehen sich mehr als 11 Prozent der 14- bis 29-Jährigen als lesbisch, schwul, bisexuell oder transgeschlechtlich. In Spanien sind es gar 14, in Großbritannien mehr als 12 Prozent. Die Schweiz wurde in der repräsentativen Online-Umfrage des Dalia-Instituts in Berlin vom Oktober 2016 zwar nicht erfasst. Aber es gibt keinen Grund anzunehmen, dass diese Zahlen hierzulande wesentlich anders wären.

Die Magazin-Geschichte kritisch zu hinterfragen, ist knifflig. Man könnte in Verdacht geraten, gegen Schwule oder Lesben zu sein. Oder diese zu bezichtigen, ihre sexuelle Neigung medial auszuwerten. Der Kritiker kann als hoffnungslos naiv verspottet werden, weil er in ethischen und nicht in wirtschaftlichen Kategorien denkt. Gegen diesen Text anzuschreiben heisst auch ungeschriebene Gesetze zu missachten. Normalerweise kritisieren Berufskolleg*innen einander nicht öffentlich.
Ein gewaltiger Fortschritt
Ob der Schwinger gut beraten war, sich im Magazin zu outen, wird hier nicht betrachtet. Auch nicht, ob das Outing der Community dient, ob es zu mehr gesellschaftlicher Akzeptanz den unterschiedlichen sexuellen Neigungen gegenüber führen kann. Die Sexualität von Menschen ist ohnehin zutiefst privat. Ebenfalls, ob sie diese öffentlich machen wollen oder nicht. Bisexuell, schwul, lesbisch oder transgeschlechtlich: Der gesellschaftliche Umgang mit diesen Wörtern und wie Menschen die Sexualität real leben, ist auf jeden Fall unbefangener und offener geworden. Zwar nach wie vor partiell verklemmt und diskriminierend, aber weit weniger als vor 50 Jahren. Das ist ein gewaltiger gesellschaftlicher Fortschritt.

Dies ist eine medienökonomische Sicht. „Die Geschichte einer schwierigen Entscheidung“ steht im Lead des Textes. Er meint die schwierige Entscheidung des Schwingers, sich zu outen. Wie schwierig die redaktionelle Entscheidung war, diese Geschichte zu produzieren, wird nicht thematisiert. Es wäre eine Zeile wert gewesen. Man hätte sich auch überlegen können, die Geschichte nicht zu bringen, um den Schwinger vor sich selbst zu schützen. Bei Sportarten wie Schwingen kommt man sich ja ziemlich nahe. Das hat durchaus einen homoerotischen Aspekt. Das Outing dürfte künftig viele sportliche Konkurrenten irritieren.

Der Text im Magazin ist handwerklich absolut korrekt. Sprachlich sorgfältig, aber auf irgendwie glatte Weise auch superförmlich und superneutral abgefasst. Er will nichts eingestehen, sich zu nichts verpflichten und nichts riskieren. Der Sprachstil deutet an, dass der Porträtierte besonderer Rücksichtnahme bedarf. Wie ein schutzbedürftiges Kind, wie ein seelisch oder körperlich versehrter Mensch. Die Sprache macht den Porträtierten zur Abweichung, ausserhalb der gesellschaftlichen Norm. Eine – zugegeben – subjektive Interpretation.
Nacktbaden ist peinlich
Andere Kriterien eignen sich besser zur Auswertung. Die Wortkombination „schwul“ und „bekannter Topsportler“ schaffte es vor Jahrzehnten noch in die Medien. Sie greift im Wettbewerb um Aufmerksamkeit immer weniger. Schwule Eiskunstläufer, Turmspringer oder lesbische Fussballspielerinnen haben den Medien-Markt gesättigt. Damit die Geschichte medienökonomisch funktioniert, musste der Autor weitere Konstruktionen bemühen: künstlich geschaffene Annahmen, gesellschaftspolitische Tendenzen, was normal oder weniger normal, was akzeptiert und nicht akzeptiert ist. Nacktbaden beispielsweise galt in gewissen Kreisen im letzten Jahrtausend als fortschrittlich und revolutionär. Heute wird es gemeinhin als peinlich angesehen.

Der Magazin-Artikel forciert die offensichtlichsten Konstruktionen. Etwa das Milieu und seine Stereotypen. „Männlichkeit“ ist im Sport – wie in anderen Bereichen des Lebens – eine kulturelle Vereinbarung. Im Schwingen wird die Zuschreibung von Urkraft und Männlichkeit noch ausgeprägter stilisiert als im Sport ohnehin schon üblich. Schwul sein hingegen wird landläufig mit den als typisch geltenden weiblichen Eigenschaften ausgestattet: weich, emotional, wenig durchsetzungsfähig, leicht verletzlich, zickig oder zimperlich. Dies verstösst gegen die Norm des Sports und der Männlichkeit.

Der Schwingsport wird einem traditionellen gesellschaftlichen Umfeld zugeordnet. Die markanten Attribute des Publikums sind ältere Menschen, Stumpen rauchende Männer und auch Frauen. Das Fernsehen bedient die Klischees, indem es diese Kunden besonders häufig zeigt. Tendenziell scheint dieses Publikum politisch der SVP zugeneigt. Wer sich in dieser Umgebung als schwul bezeichnet, sagt uns der Text im Magazin, hat einen besonders schweren Stand. Das mag zutreffen. Aber schwule SVP-Politiker haben sich bereits geoutet, ausserdem weitere konservative Politiker*innen, Künstler*innen, TV-Moderator*innen, etc.
Die Sexualisierung des modernen Sports
Die Schwingerszene ist sozial durchlässiger geworden. Es ist keine Meldung wert, wenn ein Akademiker gegen einen weniger Gebildeten schwingt, ein politisch Linker gegen einen Rechten, ein Städter gegen einen Bergler. Schwingen ist selbst in jungen, urbanen Kreisen angekommen, bei Hipstern, avantgardistischen oder extravaganten Szenen. Sie zelebrieren den archaischen Kampf als Happening, als Trashkultur, als ironische Spielerei auf traditionelle Werte. Aber mit Fachkenntnis. Analog etwa zur (Hipster)Bewegung, die eine Zeitlang mit ihren Fixies auf die offene Rad-Rennbahn nach Zürich-Oerlikon pilgerte und, mit Dosenbier und Baseball-Capes ausgerüstet, das anachronistische Spektakel feierte. Und kundig über Positionen im Fahrtwind und Tretfrequenz debattierte. Auch in der Schwinggemeinde formiert sich eine Gruppe, die Konstruktionen und Zuschreibungen tendenziell lockerer und eher spielerisch nimmt. Das blendet der Text weg und zoomt auf die vermeintliche Sensation, wenn ein schwuler gegen einen heterosexuellen Schwinger kämpft.

Die Sportgeschichte ist voll von Entsprechungen dieser Art. Erst thematisierten die Medien Ethnie oder Hautfarbe als gesellschaftliche Besonderheit. Es folgte das Geschlecht. In beiden Debatten ging es um den Erhalt gesellschaftlicher Ordnungen. Der weisse Mann sah seine Dominanz sowie seine Vorstellungen über das Wesen der Frau gefährdet. Ausserdem würde der Sport den weiblichen Körper „vermännlichen“. Dabei könnten Frauen ihre Gebärfähigkeit verlieren. Der schwarze Körper provozierte diffuse Ängste, der weibliche Sportkörper reizte männliche Fantasien. Galt vor hundert Jahren selbst die bequeme Sportkleidung als erotisierende Zumutung, wurde der Frauenkörper zusehends Bedingungen des modernen Mediensports angepasst. Der internationale Volleyballverband schrieb 1999 den Sportlerinnen gar vor, bei Wettkämpfen besonders enge Kleidung zu tragen. Die Sexualisierung des Mediensports ist ungebrochen. Der Magazin-Text spielt damit auch.

Topsportler, schwul und Milieu greifen nicht mehr automatisch für die mediale Präsentation. Suchen wir deshalb noch exakter nach Mustern des modernen Sports, die heute eine private zur öffentlichen Medien-Geschichte machen. Hier drängt sich der Rekordgedanke auf. Ohne Rekord, ohne Sieger könnte der Sport nicht existieren. Diese Urkonstante des modernen Sports erscheint schon in Abschnitt zwei, quasi als Begründung, auch als Legitimation. „Dies ist Curdin Orliks öffentliches Coming-out. Als erster Schwinger und als erster aktiver männlicher Topsportler in der Schweiz überhaupt steht er zu seiner Liebe und zu Männern.“ Der Autor muss zusätzlich und zwingend einen Medienrekord konstruieren. Dabei ist es eine Behauptung. Sie ist nicht nachprüfbar, weil keine offiziellen Listen existieren. Die Prominenz des Medientitels erlaubt die Deutungsmacht. Die gezielte PR-Kampagne gibt eine scheinbare Wahrheit vor. Sie wurde nicht hinterfragt. Ohne den behaupteten Medienrekord wäre der Inhalt aus medienökonomischer Sicht kaum beachtenswert.
Der Tabubruch als Konstruktion
Die mediale Wirkung des Porträts wird mit einer weiteren Konstruktion verstärkt: dem „Tabubruch“. Der Tabubruch ist negativ und positiv belastet. Er kann eine Entgleisung, eine Schandtat sein, aber auch eine mutige Provokation, um auf einen Missstand hinzuweisen. Auch die Zuschreibung Tabubruch ist völlig subjektiv. Aber sie ermöglicht, ein soziales Engagement vorzugeben, als helfe man dem Porträtierten, sein Schicksal besser zu bewältigen. Bevor „das Tabu“ der sexuellen Neigungen im Sport gebrochen wurde, entdeckten die Medien, dass Hochleistungssportler*innen auch psychisch erkranken können, wie mehr als dreissig Prozent der westeuropäischen Bevölkerung. Bei der medialen Aufbereitung des Themenduos Sport und Psyche gelten die gleichen Kriterien wie beim Schwinger, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Die „ersten“ depressiven Sportler*innen wurden stark beachtetet.

Auch der Text im Magazin wird gemeinhin sehr gelobt. Dem Autor kann ein feines Gespür für den optimalen Zeitpunkt zugestanden werden, wann ein Thema zu lancieren ist, damit auch weniger sportaffine Leser*innen angesprochen sind. Und wie es massentauglich zu präsentieren ist: vorerst als Sensation, aber zugleich als gesellschaftlich relevant, um eine anspruchsvollere Leserschaft abzuholen, ein Stück weit auch zu blenden. Ich möchte dem Porträt nicht applaudieren. Eine weniger offensive Vermarktung durch den Verlag hätte dem Artikel gut getan und den sozialen Anspruch vielleicht glaubwürdiger machen können. So zielt er letztlich auf die voyeuristische Neugier jener, denen diese Lebenswelt fremd und unbekannt geblieben ist. Und lässt den Schwinger allein zurück.

Zum Infosperber-Dossier:

Kritik von Zeitungsartikeln

Printmedien üben sich kaum mehr in gegenseitiger Blattkritik. Infosperber holt dies ab und zu nach.

2 Meinungen

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    am 22.Mrz.2020 um 12:13 pm
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    Ich sehe das auch so. Emotionen statt Informationen. So funktionieren die Massenmedien. Leider wollen die LGBTI und ihre Organisationen nicht merken, dass sie auch instrumentalisiert werden, z.B. von Amnesty International. Und das «coming out» ist ein Prozess, der jahre- oder lebenslang gehen kann: vom sich Selbst zugestehen, dass man schwul ist bis zum Zeitpunkt, das jedem Beliebigen sagen zu können. Ich bin schwul.

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    am 22.Mrz.2020 um 10:04 am
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    "Und lässt den Schwinger allein zurück». Der letzte Satz sagt das Wichtigste aus. Dieses Grundgefühl hatte ich beim Lesen des Magazin-Artikels: Der arme Kerl, jetzt hat er sich zwar mutig geoutet, wurde zu einer Figur, zu einem Art Helden sogar. Aber wer nimmt ihn jetzt in die Arme? Wer tröstet ihn, den Allein-Gebliebenen?
    Als Porträtierter in einer Zeitung wird man verletzlich, angreifbar. Zu einem 68-er Jubiläum (2008) wurden mein Sohn und ich in einer Tageszeitung «beschrieben». Prompt wurde ich von einem Nachbarn, der ja mit mir darüber hätte sprechen können, in einem Leserbrief öffentlich als Dinosaurier und ewig-vorgestriger Träumer verunglimpft. Das hat mich noch lange beschäftigt.
    Unterdessen bin ich ein stolzer Dinosaurier: ich fliege nicht mehr, ich habe meinen Fleischkonsum reduziert, in Zeiten der Klimakrise hinterfrage ich stärker denn je den kapitalistischen Wachstumswahn.

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