Ein «Strategieberater» wirft Frauen vor, zum Arbeiten zu bequem zu sein. Er selber ist zu bequem für kompliziertere Sachverhalte.

Ein NZZ-Autor hat es gerne bequem

Ein «Strategieberater» wirft Frauen vor, zum Arbeiten zu bequem zu sein. Er selber ist zu bequem für kompliziertere Sachverhalte.

Unter dem Titel «Schweizer Frauen haben es gerne bequem» durfte Gastautor Thomas Sevcik kürzlich im Magazin der «NZZ am Sonntag» eine mehrseitige «Streitschrift» schreiben. Die Zeitung stellte ihn als «Co-Gründer von Arthesia (Strategieberatung) und der Investmentfirma Xanadu Alpha» vor. Das qualifiziert ihn offenbar, um zu einem Rundumschlag gegen Frauen auszuholen. Schweizerinnen seien zu «bequem», um ganztags zu «arbeiten» ist seine Behauptung. Frauen seien folglich selber schuld, wenn sie keine Karriere machen, weniger verdienen und finanziell von einem Mann abhängig sind.
Für die hohe Teilzeitquote der Frauen gibt es eine Reihe von strukturellen Gründen, die wissenschaftlich belegt sind und hier nicht wiederholt werden müssen. Doch diese wischt Sevcik mit seinem neoliberalen Credo von der Selbstverantwortung vom Tisch. Die Probleme der Schweizerinnen auf dem Arbeitsmarkt seien «nicht in erster Linie strukturell, sondern mehrheitlich von ihnen gewollt.»

Unbezahlte Arbeit kein Thema

Über seine Polemik kann man sich zu Recht ärgern. Sie verweist aber auf grundlegende Probleme: Wenn Sevcik von «Arbeit» schreibt, meint er bezahlte Erwerbsarbeit. Die lebensnotwendige Arbeit, die überwiegend Frauen täglich unbezahlt leisten, ist ihm keine Silbe wert. Und damit ist er keineswegs allein. Diese unbezahlte Arbeit ist in der Wissenschaft, in der Politik und auch in der Öffentlichkeit nur selten ein Thema. Laut dem Bundesamt für Statistik beträgt der monetäre Wert der unbezahlten Arbeit der Frauen in der Schweiz pro Jahr 248 Milliarden Franken. Das sind fast 35 Milliarden mehr als alle Ausgaben von Bund, Kantonen und Gemeinden.

Rechtspopulistisches Narrativ
Hinzu kommt, dass die «NZZ am Sonntag» mit dem Untertitel «Streitschrift» offenbar bewusst die «Grenze des Sagbaren» erweitern wollte. Laut Nicole Althaus, Chefredaktorin «Magazine» bei der «NZZ am Sonntag», sei es schwierig gewesen, jemanden zu finden, der das Magazin-Cover zum Thema «Schweizer Frauen haben es gern bequem» illustriert. Viele hätten abgewinkt, «aus Angst, im Zentrum eines Empörungssturms zu landen». Der Brite James Lewis hat schliesslich einen lilafarbenen Schriftzug kreiert, möglicherweise in Unkenntnis des Inhaltes.
Laut Althaus sind Thesen, die quer zur herrschenden Meinung stehen, «wichtig und richtig». Die Grenze des Sagbaren unterliege einem ständigen Wandel. Sie habe «nichts mit Beweisbarkeit zu tun oder mit objektiver Wahrheit». Mit solchen Sätzen leistet Althaus dem Narrativ «das wird man ja wohl noch sagen dürfen» Vorschub. Damit stellen Rechtspopulisten gesellschaftliche Fortschritte der letzten Jahrzehnte in Frage, die insbesondere Frauen mühsam erstreiten mussten.
Gegenüber der «Zeit» sagte Sevcik vor ein paar Jahren, er sei ein «Gehirnwäscher»: «Die Welt ist ein Kampf um die richtige Narration.» Entlarvend ist auch seine damalige Aussage, dass er als «Sexflüchtling» nach der Wende nach Berlin gezogen sei. «Meine Berliner Freundinnen hatten schönere Unterwäsche als ihre Schweizer Kolleginnen.»

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4 Meinungen

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    am 12.Jan.2020 um 10:16 am
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    Danke Barbara Marti, unfassbar, aber eigentlich nicht verwunderlich. Gastautoren wie Thomas Sevcik sind keine Ausnahme in der NZZ; solche Typen werden im ach so «intellektuellen» Flagschiff der Schweiz – ist es das überhaupt? – mainstreamtauglich gemacht.

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    am 9.Jan.2020 um 6:06 pm
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    Ich finde, man sollte Äusserungen wie jene von Thomas Sevcik nicht jenseits der Grenze des Sagbaren verorten. Aber man wird wohl auch sagen dürfen, dass er Quatsch mit Sauce von sich gibt.

    Einer der gröbsten Fehler von Leuten wie Sevcik ist die unreflektierte Annahme, dass eine berufliche Karriere der höchste, wenn nicht der einzige Wert im Leben eines Menschen darstellt. Nur habe ich noch kaum je von Leuten gehört, die im Angesicht des nahenden Todes bereuen, nicht noch mehr Zeit im Büro verbracht zu haben. Hingegen soll es häufig vorkommen, dass Leute (Männer oder Frauen), die aus karrieristischen Gründen das Aufwachsen ihrer Kinder nur so am Rande mitbekommen haben, dies nachher bereuen.

    Ich will nicht bestreiten, dass es in unserer Gesellschaft noch viele strukturelle Verknöcherungen gibt, die den beruflichen Erfolg von Frauen behindern. Doch die volle Berufstätigkeit von Frau und Mann, während die Kinder zu 100% extern betreut werden, ist für mich kein erstrebenswertes Ziel. Ich schreibe das nicht nur so hin, ich habe es selbst entsprechend praktiziert.

    Etwas mehr Suffizienz in der beruflichen Karriere würde auch unserer Umwelt gut tun: Weg vom alleinigen Ziel der Maximierung der Geschäftsaktivitäten und des BIP, mehr Wertschätzung für Tätigkeiten und Dinge, die sich nicht in Franken und Rappen ausdrücken lassen.

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    am 9.Jan.2020 um 4:26 pm
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    Obwohl meine Arbeit im Amt interessant war, habe ich mir immer einen Arbeitstag pro Woche reserviert, um amtsunabhängige Themen bearbeiten zu können. Das war ich meiner akademischen Vergangenheit «schuldig». Dass eines meiner Bücher schliesslich vom Amt «gratis» übernommen aber auch publiziert wurde, zeigt, dass auch im ausserberuflichen Bereich Synergien erreicht werden können.

    War das «Bequemheit» ? Solche Schreiberlinge sollten sich vielleicht (sicher) von Zeit zu Zeit auch Gedanken machen über den Sinn des Lebens. Nur Geld zu verdienen kann dies Gewiss nicht sein. Dass Frauen in dieser Hinsicht etwas weiter als Männer generell sind, darf ihnen wohl zu gute gerechnet werden. Viele Männer, die das wünschten, haben nicht die finanzielle Unabhängigkeit, welche mir das Leben als «Gentleman Farmer» erlaubten. Dass eine solche Option zum Karriereknick selbst in der Bundesverwaltung führen kann, haben ehemalige Kollegen erfahren müssen.

    Es wäre an der Zeit, dass auch HR-Verantwortliche den Wert der ausseramtlichen Tätigkeit zu schätzen lernten. Nicht nur diejenige der Frauen, aber gewiss diese zuerst.

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    am 9.Jan.2020 um 12:05 pm
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    Der Typ verdient mal eine echte Portion ‚Fuditätsch‘. Das dürfte die einzige Sprache sein, die er versteht.

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