Die mutwillige Verödung unserer Radio- und Fernsehkultur lässt sich am Diskurs ihres Pflegepersonals ablesen.

kontertext: An ihren Worten sollt ihr sie erkennen

Die mutwillige Verödung unserer Radio- und Fernsehkultur lässt sich am Diskurs ihres Pflegepersonals ablesen.

Vor einigen Wochen fand eine Arbeitstagung der Grünen zur Medienpolitik statt, an der auch zwei Exponenten der SRG teilnahmen. Sie redeten foliengestützt viel vom Abfluss der Werbegelder, den veränderten Publikumsgewohnheiten der Jüngeren, von Storytelling, von Vektoren und Ausspielkanälen – kaum ein Folterwerkzeug aus dem Jargon des Managerwesens, das nicht vorgezeigt wurde, um den Ernst der Stunde heraufzubeschwören. Man kam sich vor wie in einem Marketingkurs für Volkshochschüler. Nur nicht die Rede war von den Qualitäten, die wir brauchten, um die Produktion der Service-Public-Medien für anspruchsvolle Hörerinnen und Betrachter wieder attraktiv zu machen.
Vor drei Monaten war an dieser Stelle davon die Rede, wie unter den herrschenden Zwängen Radio und Fernsehen von einem Arbeitsfeld der Autorinnen und Autoren zum Fabrikationsort von «Content» umgeschmiedet werden sollen. Was damals im Hinblick auf die Neubesetzung der SRF-Direktion vermutet werden musste, ist nun eingetreten. Die zuständigen Gremien hatten entweder nicht die Wahl oder nicht den Mut, eine Persönlichkeit einzusetzen, die uns hoffen liesse, dass sie mit Kraft und Engagement gegen die Depravationstendenzen dieses Kulturinstituts wirkungsvoll Widerstand leisten wird.
Laut Andreas Schefer, dem Präsidenten der SRG-Deutschschweiz, liess man eine erste Liste von 40 ausgewählten Anwärtern «von einer US-amerikanischen Executive-Search-Firma» zusammenkürzen – eine wahrlich originelle Kulturaktion unserer SRG-Vereinsdemokratie. Bei solchem Prozedere stellte es kaum eine Überraschung dar, wenn uns und der übers notorisch intransparente Vorgehen der SRG ebenfalls aufgebrachten Belegschaft nun eine karrieremilitante frühere Kaderfrau des Hauses vorgesetzt worden ist.
Als 2016 die vorherige Kulturleiterin von SRF zum Mitteldeutschen Rundfunk ins sächsische Halle wechselte, hat die dortige Intendantin sie als ideale Nachfolgerin ihres Vorgängers «für die Umsetzung des Veränderungsprozesses beim MDR» vorgestellt. Sie «verfüge über grosse strategische Kompetenz und einschlägige Erfahrung bei der Entwicklung und Realisierung integrierter trimedialer Programme in audiovisuellen Medien. Bei SRF habe sie Massstäbe für die Neuausrichtung … auf das veränderte Nutzungsverhalten der Zuschauer, Hörer und Telemediennutzer gesetzt.» zitierte damals der deutsche Dienst «Radioszene» das Communiqué.
Welch hohles Vokabular! Was für ein Programm!
Die Intendantin wird weiter zitiert: Sie danke dem Vorgänger «für seine wichtigen Weichenstellungen»; unter ihm hätten sich die Hörfunkwellen MDR Jump, MDR Figaro und MDR Info zu Benchmarks der Radioszene entwickelt. Die Kulturwelle MDR Figaro und die junge Welle MDR Sputnik habe er als verantwortlicher Manager des MDR-Veränderungsprozesses in Halle für die digitale Zukunft als integrierte, trimediale Angebote … aufgestellt und Halle von einem Radiohaus zu einem Multimediastandort des MDR entwickelt. Immerhin erwähnt war: Auch das Sinfonieorchester und die Chöre des MDR hätten in seiner Amtszeit ihren Ruf als Spitzenensembles gestärkt.
Und was sagt besagte Intendantin jetzt, da nun Nathalie Wappler nach erst zwei Jahren wieder nach Zürich abzieht? Sie habe am Standort Halle «die Weichen auf dem Weg von der Hörfunkzentrale zu einem modernen Multimediahaus entscheidend mit gestellt.» Dazu gehöre die Neupositionierung der jungen Welle MDR Sputnik, die nun für alle Verbreitungswege die jungen Angebote des MDR entwickle, ebenso wie der Ausbau von MDR Kultur zu einer Multimedia-Marke im Fernsehen, Radio und Netz (zitiert nach «Radioszene» 5.11.2018). Von Chor und Orchester ist nun nicht mehr die Rede.
Es fehlen dieser Prosa nur noch die Modetopoi, mit denen sich die Gekürte im Weimarer Universitätsrat vorgestellt hat (Persönlichkeiten vom Rang eines Programmdirektors werden in Deutschland traditionell und mit guten Erfahrungen zu solchen Ämtern berufen): «Als Mitglied des Rats … möchte ich meine berufliche Erfahrung einbringen in Bezug auf Themensetzung, Storytelling und der Vermittlung komplexer Stoffe an ein breites Publikum
Die SRG hat in Aussicht gestellt, mit dem Kulturschaffen künftig einen verbindlicheren Dialog zu führen. Dazu gälte es, sich grundlegend über die künftigen Bedingungen der Kulturtätigkeit von Radio und Fernsehen zu unterhalten – über profilierte Autorschaft und Kreation, über die Förderung und Pflege der Vielfalt der Formen und Stimmen, über die Qualitäten genuiner Radio- und Fernsehwerke, auch über die Köpfe, die es braucht für ein Programm, das diesen Namen und das Sigel Service Public verdient. Denn Radio und Fernsehen brauchen nicht «mehr Kultur», sondern eine andere.

Zum Infosperber-Dossier:

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2 Meinungen

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    am 15.Nov.2018 um 5:36 pm
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    Mathias Knauer hat sich hier immer noch recht «dezent» ausgedrückt, in einer zugegeben, sehr komplexen Materie. Knauer sieht als selbst aktiver Publizist und Filmemacher, die nüchternen Realitäten. Für die deutschen ÖR-Sender, kann ich diese Dinge bestätigen. Für deren Spitzenpersonal ist in D die Zugehörigkeit oder zumindest Nähe zu bestimmten Parteien, unverändert die wichtigste Voraussetzung. Konkrete technische / medientechnische oder kaufmännische Kenntnisse, sind erst beim «Fussvolk» wichtig und notwendig. «Managerspeech» als leere Worthülsen, nehmen auch hier ständig zu. Immerhin hat die Schweiz, im Gegensatz zu D. offenbar noch nicht diese massiven Postenwechsel aus den Sendern, auch in die Politik hinein, wie etwa der 1. Regierungssprecher der aktuellen deutschen Bundesregierung (Hr. Seibert), der vorher Spitzenmann beim ZDF gewesen war. Die Zeiten jedenfalls in den Sechziger- und frühen Siebzigerjahre, wo der Schreiber dieser Zeilen, mit Herzklopfen am elterlichen Radio den roten Sender-Balken ins Feld «Beromünster» schob und dortselbst dann ergriffen zuhörte, sind heute längst selige Kindheits- und Jugenderinnerungen…
    Werner Eisenkopf, Runkel/D.

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    am 14.Nov.2018 um 4:03 pm
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    Gemäss Wolfgang Leonhard soll Walter Ulbricht gesagt haben: «Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben.»

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    In diesem Sinn erinnere ich an das merkwürdige Vorgehen der VerANTWORTlichen des Vereins SRG Deutschschweiz bei der «Wahl» von Prof. Dr. Roger Blum zum Ombudsmann. Nach meinen Erfahrungen hat R. B. – um die gravierenden Fehler seines Vorgängers zu vertuschen – einfach dessen Fehler wiederholt. Das war möglich, weil – aus meiner Sicht – 1. R. B «gewählt» wurde; 2. Bei den Vereinen SRG und SRG.D kein Aufsichtsgremium existiert, das diesen Namen verdient und 3. Nach meinen Erfahrungen die Vetternwirtschaft zwischen Ombudsstelle SRG.D und UBI unerhört ist … wahrscheinlich weil der Ombudsmann SRG.D – zahlreiche Jahre Präsident der UBI war.

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    Das finde ich im Kontext mit «An ihren Worten sollt ihr sie erkennen» ebenfalls bemerkenswert: Aus meiner Sicht sind die SRG.D-Geschäftsberichte seit 2015 nach dem (Layout-)Vorbild eines schlechten digitalen Kinderbuchs gestaltet. Zudem kann der Inhalt – analog einem Werbefilm – nur (noch) am Monitor konsumiert werden: Archivierung im PDF-Format unerwünscht. | Diese Entwicklung finde ich verantwortungslos. | (Ich bitte um Bescheid, wenn ich etwas übersehen habe. Danke.) | https://www.srgd.ch/de/medien/jahresbericht-2017/archiv/

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