Die Medienkrise erzeugt Artefakte beim Animierpersonal, die Moderation bereitet auf ihren Ersatz durch Automaten vor.

kontertext: Der Zug zum Androiden

Die Medienkrise erzeugt Artefakte beim Animierpersonal, die Moderation bereitet auf ihren Ersatz durch Automaten vor.

Dieser Tage hat ein Unterhaltungsbursche aus dem Bernerland von sich reden gemacht, weil er am Eurovisions-Wettbewerb in Tel Aviv mitmachte und dort mit einer Tanznummer hohe Punktzahlen einheimste. Dass man im musikalischen Unterhaltungs-Business nicht unbedingt mit Originalität und Können reüssiert, dass Karrieren hier meist eher Produkt von Marketing-Strategien sind, als dass sie sich einem künstlerischen Talent, dem Handwerk bei ihrer Umsetzung und der Interaktion der Künstler mit dem Kulturleben verdanken, sind Binsenweisheiten.
Was im U-Musikgeschäft sich entwickelt hat, die Usurpation des Artistischen durch Produzenten, die noch aus dem bescheidensten Talent ein Starlet zu machen versuchen, bringt ein Teenager nur ein hübsches Gesicht oder andere gerade als «sexy» kotierte Eigenschaften mit, ist ein Ausfluss nicht nur des prekären Wettbewerbs, sondern ebenso der schwindenden kritischen Potenz der Medien.
Es blüht also das Prothesengeschäft, die Manipulation im Tonstudio mit allerlei Filtern und Effekten, wie man es bei Dr. Brockhaus – in der ersten Dissertation an der Berner Kunsthochschule – umfassend studieren kann. Unter diesen das heute ebenso allpräsente wie abgegriffene Autotune, vormals entwickelt zur Korrektur einzelner missratener Tonhöhen bei detonierenden Gesangsartisten, heute durch Überdrehen der Einstellungen als probates Mittel zum Aufpolieren bei Nichtskönnern und zum Aufhübschen von Banalitäten eingesetzt.
Dass beim Eurovisions-Wettbewerb solche Techniken und Playback-Auftritte ausgeschlossen sind, ist ein sympathisches Relikt aus früheren Tagen des Grand Prix Eurovision de la Chanson, dessen Inspirator der SRG-Generaldirektor und EBU-Programmvorsitzende Marcel Bezençon gewesen ist: kein Manager eben, sondern ein Mann der Kultur, wie es in den besseren Zeiten von Radio und Fernsehen die Regel war. Die Vorschrift hat heuer immerhin einem ohne Show-Brimborium agierenden Holländer, der geradezu rührend an einem simplen Elektropiano sein Liedchen sang, zum ersten Platz verholfen, und der Schweizer Showman, dessen Darbietung sich im Original mit den Artefakten von Autotune interessant machte, hatte das Nachsehen.
Unter Artefakten versteht man heute meist nicht mehr die Kunstgebilde der Musik, der Malerei oder anderer Künste, vielmehr Störeffekte, die bei der digitalen Aufnahme und Bearbeitung, zumal bei der forcierten Bildkompression entstehen.
Als Artefakt muss aber auch verstanden werden, wenn der mediale Apparat Formen herausbildet, die sich nicht der Logik der Sache, sondern aufgesetzten Geschäftszwecken verdanken. So hat sich beim Deutschschweizer Radio schon unter Andreas Blums Direktorat eine befremdliche Pausenlosigkeit und Schnellsprecherei eingebürgert, als wären in den Studios Selbstschuss-Anlagen installiert für den Fall, dass ein Sprecher sich eine kurze Nachdenkpause gönnte. Als Akademiker und Schauspieler hat Blum seinerzeit meine Frage nach dem Missstand natürlich sofort verstanden und ausweichend geantwortet; Besserung trat nicht ein.
Heute scheint bei der SRG unter dem Stress des Spardrucks und der selbstverschriebenen Pflicht des Anbiederns beim jugendlichen Publikum der Zug zum Androiden vollends Schule zu machen.
Das Sprechen wird überformt von einem sinnfremden Singsang, mit kuriosen Betonungen und Luftschnappen an zufälligen Stellen; der Gestus ist auf eine unechte Fröhlichkeit getrimmt; nicht selten hört man billige Witzeleien unterm Animierpersonal, ein abgekartetes Spiel, kein wirklicher Dialog.
RTS, aus «La Matinale», 16. Mai 2019, 05h00, Ausschnitte, 4‘17‘‘

Im Frühprogramm von RTS 1 (etwa in «La Matinale» vom 16. Mai 2019) ist diese Stresskultur in Blüte zu beobachten. Eine im Hintergrund nervende Dudelschlaufe genügt nicht als Reizmittel; die Ansage muss die Themen in ritalinverdächtiger Atemlosigkeit herunterleiern. Von den Inhalten soll hier einmal nicht die Rede sein, auch nicht von der schleichenden Entwicklung vom früher soliden Informationsangebot zum bunten Magazin, in das sich nun auch (an Stelle der bei RTS abgeschafften Religionssendungen) Vatikanklatsch oder Ethikhäppchen einwursten lassen. Vielmehr von der künstlichen Rhythmik und Melodik, die in dieser Form zum Beispiel in einer Vortragssituation komplett lächerlich oder besoffen wirken würde.
Der Trend ist keine Schweizer Spezialität, höchstens in der Sorgfalt beim Nachäffen ausländischer Abartigkeiten. Auch dem Deutschlandfunk etwa sind nur noch wenige Oasen einer soliden Radiokultur verblieben. Das Nachtkonzert ist vor einigen Jahren durch ein vierstündiges Grossmagazin mit Wiederholungen aus dem Tagesprogramm ersetzt worden, garniert von einer musikalischen Jauche, in der man nur selten das erkennbare Relikt eines kompositorischen Gedankens schwimmen sieht. Und die Sendung «Fazit», Kulturmagazin, das Ereignisse des Tags resümiert, ersetzt die distanzhaltende Reflexion der Fachkritik durch Frontberichte vom Schauplatz, wie die beiden Müsterchen, Ausschnitte zu einer Uraufführung der Berliner Schaubühne und zu einer Premiere von Franz Schrekers Fernem Klang, illustrieren.
Deutschlandfunk, 2.4.2019
Deutschlandfunk, 31.3.2019
Während sich dieser Tage in Algerien Medienschaffende auf der Strasse für eine würdige Ausübung ihres verfassungsmässigen Berufsauftrags wehren, nämlich frei informieren und berichten zu können, nicht die Stimme des Regimes sein zu müssen, leisten manche unserer Medienschaffenden der Korrosion ihrer bewährten Traditionen (soweit sie diese überhaupt noch vermittelt bekommen) kaum Widerstand und dienen sich einer Entwicklung an, die vom Ausdruck der Person zur knechtischen Bahnhof-Automatenstimme, vom Menschen zum Golem und Androiden strebt.

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