Anbiederungen an das Glatte in der kulturellen und journalistischen Kommunikation sind politisch gesehen nicht «gratis».

kontertext: «Highlights mit Tiefgang»

Anbiederungen an das Glatte in der kulturellen und journalistischen Kommunikation sind politisch gesehen nicht «gratis».

Ob Blog, Newsletter oder neue online-News-Channels: In einer Zeit, in welcher immer weniger Zeitungen gelesen und der «service public» von privaten Anbietern konkurrenziert wird, stellen neue Formate die Frage, wie sich Information profitorientiert dem Verkaufs- und Meinungsmarkt öffnen. Dabei untergraben sie oft ihre eigentliche und erste Funktion: jene der Information. Sie tun dies zwar mit unterschiedlichen Mitteln, münden aber alle in einer problematischen politischen Sackgasse. Dazu zwei Proben aufs Exempel.
«Highlights mit Tiefgang». Der Newsletter von SRF Kultur
Briefe waren einmal eine schöne Sache: Ein Medium der Selbstmitteilung, der Anteilnahme, der Freundschaft, der Auseinandersetzung und sogar der Liebe. Briefe waren das Medium der Selbstreflexion, Intimität und Subjektivierung par excellence. Briefe würden wir uns wünschen, erhalten aber kaum mehr welche. Dafür gibt es «Newsletters» im Überfluss. Ihre wesentliche Eigenschaft besteht darin, zu informieren und zu werben, sie sind also ein kommunikatives Mischgebilde, gehören einerseits dem journalistischen Universum an, sind andrerseits Marketing. An diese Doppelfunktion haben wir uns längst gewöhnt. Firmen, Schulen, Theater, Museen, Sportvereine: Alle machen ihren Newsletter und versenden ihn so oft sie können, denn in der Regel ist er gratis. Anders als eine Zeitung soll der Newsletter nicht nur gelesen und anders als ein Brief soll er nicht beantwortet werden. Es geht beim Newsletter in der Regel um Mitgliedschaft, Publikumsbindung und oft um finanzielle Unterstützung. Er wird direkt adressiert. Das heisst, er wendet sich nicht nur dezidiert an einen irgendwie angenommenen Adressaten und suggeriert mit dem Einsatz des Namens sogar, diesen zu kennen, sondern er installiert auch einen Absender, der sich zeigt. Nicht nur als Bild, sondern als Meinungsträger. In dieser Rolle wird aus dem Verfasser eines Newsletters plötzlich so etwas wie ein Chefredaktor. Da ihm aber möglicherweise die Erfahrung und Autorität eines solchen fehlt, wird dies kompensiert. Aber wie? Dazu ein Blick auf den Newsletter von SRF Kultur «Highlights mit Tiefgang», der seit ungefähr 2 Jahren abonniert werden kann und der bestimmte Sendungen der Woche «highlighted».
In der Woche vom 11. Februar eröffnet der Kulturredaktor im Lead:
«‘Ich finde es gut’, hat Frank Zappa mal gesagt, ‘dass es Bücher noch immer gibt. Aber sie machen mich schläfrig’. Mir geht es genauso.» Man könnte diese Pointe von Frank Zappa sicher nutzen für den Effekt, den das Lesen eines Buchs aufs Gehirn hat. Aber darum geht es in diesem Kultur-Newsletter nicht. Der Journalist fährt fort: «Weil ich das Gelesene gleich wieder vergesse, blättre ich dann am nächsten Tag wieder zurück.»
Für die Auseinandersetzung mit Literatur im grossen Kultursender SRF verheisst die Pointe aber nichts Gutes. Man kann eine so flapsige Ankündigung über die eigene Lesefaulheit natürlich verzeihen und darüber hinwegsehen, dass der Redaktor damit nur die weiteren «Highlights» ankünden will, die 50 Jahre Disco feiern und das Thema Schlafstörungen behandeln. Man kann immer alles verzeihen aus der Eigenlogik der Medien heraus, aber im Grunde ist diese Anbiederung an Pop und Fun auf Kosten der «langweiligen» alten Medien unerträglich.
Die Forderung, immer und überall unterhalten oder beruhigt zu werden, entspricht einer Marketingstrategie, die ein durchwegs und per se gelangweiltes oder abgestumpftes Publikum voraussetzt. Es produziert das Gegenteil von «Tiefgang», es stellt eine glatte Oberfläche her und installiert ein Publikum, das darauf wartet, dass wieder einmal jemand seine Befindlichkeit oder Meinung ausstellt. Laut, polemisch, witzig oder scharf: Egal wie, Hauptsache ein Meinungsträger oder eine Meinungsträgerin mit Bild. Das funktioniert in den Blogs genau gleich, insofern diese die Qualitätsfrage nicht beantworten müssen, sondern Klicks und Kommentare zählen. Warum aber sollte man diesen Kultur-Newsletter abonnieren? Traut SRF der Qualität seiner Sendungen nicht? Es gibt, darauf soll hier doch verwiesen sein, auch einen Newsletter der SRF-Literaturredaktion. Er ist besser und einiges leiser. Aber die «Hightlights mit Tiefgang» werden weder tiefer noch höher, indem sie so gehigh-lighted werden. Die Anbiederung oder Anpassung des Stils an den Blog bekommt einem Gefäss, das der kulturellen Kommunikation verpflichtet ist, nicht. Hier braucht es keinen «Personal Publishing»-Kommentar, sondern Kompetenz und Leidenschaft für das, was Kultur und Sprache kann, nämlich Informationen so weit öffnen (oder vertiefen), bis sie reflexiv werden.
Der Blick-News-Channel oder «immer ist etwas nicht in Ordnung»
Am 17. Februar darf Jonas Projer bei «10 vor 10» den neuen Blick News-Channel ankündigen. Er ist stolz: Dass man Scherz und Unterhaltung mit «relevantem Content» verbinde, sei das Potential des neuen Bewegtbild-Nachrichtengefässes. Im Hintergrund leuchten gross Emoticons, die das Lächeln von Projer satirisch überhöhen. Das war ihm wohl nicht bewusst, denn er strahlte nach vorne in die Kamera.
18. Februar, erster Sendetag: Die Band «Gotthard» ist zu Besuch im Studio. Zum Bericht aus verwackelten Handybildern zu einem wildgewordenen Stier, der in Südthailand eine Frau im Publikum einer Stierkampf-Arena angreift, werden auch die Bandmitglieder gleich um einen Kommentar gebeten: «We see, that something ist wrong here, such tragical things arrive», sagt ein Bandmitglied. Die Moderatorin übersetzt: «Ja, er sagt, es scheint, dass dort halt immer etwas nicht in Ordnung sei.» Es folgt ein Satz, dass Tierschützer schon lange das Ende von Stierkämpfen fordern – ohne Präzisierung bezüglich des Wo und Wie.
Diese Form der «news» ist Kommunikation, die immer abzustürzen droht in eine Katastrophe. Es ist das, was der Medienphilosoph Bernhard Pörksen unter anderem in der Sternstunde Philosophie vom 16. Februar ein «Denken am Abgrund» nennt. Eine journalistische Haltung, die dem blanken Alarmismus folgt und damit Aufmerksamkeit herstellt. Sehr ähnlich der Bericht aus Hanau am Tag darauf. Der Appetit auf nahe Bilder und grosse Emotion führte dazu, dass die Moderatorin vor Ort tatsächlich eine Träne in den Augen hatte, möglicherweise ein Regentropfen. Sie beglaubigte damit die Trauer vor Ort, die in den Zeugenaussagen (von Menschen in Hanau) bestätigt wurde. Mehr war nicht. Mehr muss auch nicht sein – denn auf dem Bildschirm lief parallel zu diesen Trauerbekundungen im Loop eine Werbung für Kreuzschifffahrten und das Glück auf hoher See. Die Frage, wer solche journalistische Kommunikation braucht, ist damit schon beantwortet. Es ist niemand ausser die Anbieter selber, die auf die letzte Möglichkeit setzen, im Bewegtbild mit Werbung, die man nicht überspringen kann, Geld zu machen. Natürlich wird der Blick seinen «Channel» noch verbessern und versuchen, andere Bildqualität, professionellere Moderation und etwas mehr Substanz anzubieten. Aber das wird nichts ändern daran, dass es diesen Sender nicht braucht, dass er nur da ist, um auf dem Markt mit 20 Minuten zu konkurrenzieren, wie Robert Ruoff in seinem Infosperberbeitrag jüngst dargelegt hat. Nicht nur ist er überflüssig: Er desensibilisiert und verkürzt komplexe Wissenszusammenhänge, wie sie die Sendungen zu Hanau bei ARF, ZDF und 3sat geboten haben. Er stürzt sein Publikum in eine kurzatmige Affektbetroffenheit ohne Ausgang als den in die nächste «news». Die Menschen, die denken, sie seien nun informiert, werden vermutlich keinen Hintergrundbericht bei ARD schauen, in welchem alle Facetten des Täterprofils und der Verbindung zur AfD und der Sprache des Rassismus ausgeleuchtet werden. Dem Publikum sollen eine Träne und zehn redundante Sätze genügen.
In Zeiten des Klimawandels und einem fortschreitenden Bewusstsein von globaler Krise brauchen wir eine neue journalistische Haltung, sagt der Medienwissenschafter Pörksen. Eine, die auch von eigener Fallibilität getragen ist, sagt seine Gesprächspartnerin Kübra Gümüşay. Die Sorge um eine solche Ethik der Kommunikation formulieren auch Corinna Virchow und Mario Kaiser in einem Beitrag zur Ethik einer «geteilten Fallibilität», einem Konzept von Kommunikation, das auf die Philosophin Judith Butler zurückgeht. Als eine Form von knowledge care plädieren die beiden (die auch verantwortlich zeichnen für das Magazin «Avenue. Das Magazin für Wissenskultur») dafür, das eigene Wissen immer als anfällig und abhängig vom anderen zu hinterfragen. «Eine Ethik der geteilten Fallibilität sieht vor, die Fehlbarkeit des eigenen wie auch des Wissens anderer zum Ausgangspunkt jeder Suche nach der Wahrheit, auch einer politischen zu machen.»
Da es in den nächsten Jahren darauf ankommen wird, was und vor allem wie die Medien zum Voranschreiten der Klimakrise berichten, sollten Journalisten in knowledge care-Seminare geschickt werden und nicht in solche über Organisationsentwicklung, die fragen, wie man «content» noch gewinnbringender digital verbreiten kann.

Zum Infosperber-Dossier:

kontertext: Alle Beiträge

kontertext widerspricht Beiträgen anderer Medien aus politischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen.

Eine Meinung zu

  • Avatar
    am 4.Mrz.2020 um 9:03 am
    Permalink

    Sehr geehrte Frau Henke

    Sie beschreiben haargenau die Empfindungen, die mich beschleichen, wenn ich solche Beiträge sehe oder lese. Es wird immer schwieriger, in diesem Meer von Nachrichten und Beiträgen, die zu finden, die sachlich, knapp und stichhaltig informieren. Das braucht Zeit und ist mitunter mühsam und frustrierend. Ich lese Ihre Beiträge stets mit Genuss, doch diesmal scheint mir runden Sie Ihre Aussage zu pauschalisierend ab (… sollten Journalisten in Seminare geschickte werden …). Es gibt durchaus Journalistinnen und Journalisten, die sich «mir» gegenüber verpflichtet fühlen und sich bemühen. Zum Glück.
    Gabriel Anwander

    0

Deine Meinung ist gefragt!