Quintessenz eines Referates der Radiomacherin Ulrike Winkelmann vom Deutschlandfunk am Denknetz-Kongress «Reclaim Democracy».

kontertext: Nicht nur sagen und schreiben, auch zuhören!

Quintessenz eines Referates der Radiomacherin Ulrike Winkelmann vom Deutschlandfunk am Denknetz-Kongress «Reclaim Democracy».

Ist Demokratie gefährdet? Und wenn ja, weshalb? Muss man sie retten oder neu denken? Das waren die harten Fragen, die am Kongress des Denknetzes in Zürich gestellt wurden. An der dreitägigen Veranstaltung, die kurz vor dem allgemeinen Versammlungsverbot stattfand, nahmen Hunderte von BesucherInnen pro Tag an über 60 grossen und kleinen Veranstaltungen teil, die sich allesamt mit den unterschiedlichsten Bezügen zum Thema Demokratie und Gesellschaft befassten.
Machen Medien Demokratie?
Dabei ging es nicht zuletzt um die Rolle der Medien in der Demokratie. An einer grossen Abendveranstaltung wurde zum Beispiel über das beunruhigende Verhältnis zwischen Wahrheit, Lüge und kritischer Öffentlichkeit diskutiert. Auch die kleinen Veranstaltungen zum Thema griffen diese Problematik auf. Spannend zum Beispiel ein Referat von Ulrike Winkelmann, Redaktorin vom Deutschlandfunk, der kleinsten der drei öffentlich-rechtlichen Radioanstalten in Deutschland, mit dem Titel «Machen Medien Demokratie»? Vorab ging es um das Selbstbild der Medien. Medien würden das «Selbstgespräch der Gesellschaft» über alles, was die Menschen aktuell bewegt, darstellen, beschreiben und kommentieren, meinte Ulrike Winkelmann. Im konkreten Fall sei es die Aufgabe der Medien, über Politik zu berichten und diese auch zu kritisieren. So würde Machtmissbrauch verhindert und die Stimmbürger würden in die Lage versetzt, die Fakten zu beurteilen. Damit bildeten die Medien die unverzichtbare Vierte Gewalt in der Gesellschaft und stärkten die Demokratie.

Das sei zugleich ein Abbild und eine Beschwörung des Zustandes, denn das goldene Zeitalter der Vierten Gewalt habe es nie wirklich gegeben. Es gab zwar schon immer Sternstunden des aufklärerischen Journalismus, etwa als die New York Times und die Washington Post vor 50 Jahren mit der Veröffentlichung der Pentagon-Papers den Vietnamkrieg beenden halfen.
Dieselben Medien haben an anderer Stelle jedoch auch kläglich versagt, etwa als es galt, der George W. Bush-Regierung 2003 nachzuweisen, dass der Irak-Krieg auf einer Lüge basierte.
So oder ähnlich lässt sich das vermutlich an den meisten (ehemaligen) Leitmedien zeigen: Mal haben sie die Mächtigen kontrolliert, mal nicht. Mal waren Journalisten mit vollem Einsatz bei der Arbeit, mal schwiegen sie. Skepsis gegenüber dem politischen Journalismus war immer schon berechtigt.
Misstrauen macht sich breit
Mit dieser Feststellung schwenkt Winkelmann in die Gegenwart: Sie beobachtet
«den Aufstieg einer Form von Antidemokratie, Antiaufklärung und Antiliberalismus, kurz, eine neurechte, nicht mehr nur rechtspopulistische, sondern gefährlich rechte autoritäre Welle, die den klassischen Medien den Wahrheits- und Aufklärungsanspruch schlicht abspricht. Sie versucht, ihnen das Vertrauen abzugraben. Und das hat der klassische politische Journalismus nicht verdient».

Wie aber wäre dem zu begegnen? Vorerst muss festgehalten werden, dass sich die Medienlandschaft rigoros verändert hat. Die klassischen Medien haben ihre Vormachtstellung verloren, hinzu traten in unzähligen Formen die sozialen Medien. Seit einiger Zeit haben auch die klassischen Medien – Zeitungen, Radio und Fernsehen – damit begonnen, ihre Inhalte ins Netz zu stellen, die Quellenlage verschwimmt. Wenn etwa gesagt wird, man hätte dies oder das auf Facebook oder youtube gelesen, gehört, gesehen (was ja teils doch wieder Stoff aus den klassischen Medien ist), so handelt es sich manchmal um hochwertigen Journalismus, aber manchmal auch um kruden Mist. Man muss also auch hier genau hinsehen und unterscheiden. Medienmacher und Konsumenten vermischen sich und Mediennutzer erheben den Anspruch, überall mitzureden und mitzudiskutieren. Alle diese Faktoren zusammengenommen schüren so ein gegenseitiges und allseitiges Misstrauen.
Publikumsbeteiligung auf höherem Niveau
Was aber bedeutet das für die RadiomacherInnen eines öffentlichen Rundfunks? Winkelmann verwies in ihrem Referat auf ein Experiment, das der Deutschlandfunk im vergangenen Jahr auf Anregung eines Hörers durchführte: als Deutscher könne man auf die Verfassung stolz sein und es sei wichtig, das deutsche Grundgesetz wieder ins Bewusstsein zu rufen. Im Jahr 2019 wurde die deutsche Verfassung 70 Jahre alt, und das nahm die Redaktion zum Anlass für eine breit angelegte Umfrage. Dabei ging es ihr vor allem um die Erkundung, was ihre Hörerinnen und Hörer von der Verfassung halten. Die Umfrage wurde bewusst in einer altmodischen Manier durchgeführt, das heisst die Leute mussten anrufen und auf ein Band sprechen und gleichzeitig ihren Namen und Adresse deponieren. So konnte festgestellt werden, dass alle Anrufer auch tatsächlich existierten und dass sie nicht gleichzeitig politische Propaganda betreiben wollten.
Das Resultat dieser Umfrage war überwältigend: Über 800 Personen nahmen daran teil. Missbräuche gab es keine. Und zudem waren alle Kommentare von grosser Ernsthaftigkeit. Natürlich gab es auch Ansichten, die von den RadiomacherInnen nicht geteilt wurden, manchmal enthielten sie auch falsche Behauptungen, aber sie waren nicht unanständig oder gar rassistisch. Auch diese Äusserungen sollten zur Kenntnis genommen werden. Und natürlich gab es darüber in der Redaktion auch heftige Auseinandersetzungen. Schliesslich kam man aber zum Schluss, dass das genau die Basis schaffe, um das gegenseitige Vertrauen zu stärken. «Zur Meinung gehört Subjektivität, an die sich Journalisten wohl erst einmal gewöhnen müssen, wenn sie nicht von Journalisten kommt. Wir bekamen es mit ‘elektrosensiblen’ Menschen zu tun, mit Asylgegnern, Bürgern, die meinten, dass der Rundfunkbeitrag verfassungswidrig sei und im Grundgesetz das Recht auf ein ‘analoges Leben’ verbrieft wäre. Aber immer waren es Menschen, denen unsere Verfassung wichtig ist», stellt Ulrike Winkelmann fest.
Ohne dieses Experiment überbewerten zu wollen, meint sie zum Schluss, habe das auch zu einem tiefgreifenden Wandel im Verhältnis zu ihren ZuhörerInnen geführt.
«Es fällt Journalisten nicht ganz leicht, ihr Publikum ernst zu nehmen – so ernst, dass wir Sendezeit abtreten. Aber Verständigung ist möglich, Austausch ist möglich, und zwar auf der Grundlage von Werten, an die wir uns gelegentlich gegenseitig erinnern sollten.»
Und so findet vielleicht tatsächlich ein Wandel statt – eine Demokratisierung im medialen Selbstgespräch der Gesellschaft. Zuhören für alle Seiten obligatorisch!

Eine Meinung zu

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    am 19.Mrz.2020 um 12:46 am
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    Ich finde die Diskussion wichtig wenn ich der Autorin auch nur bedingt zustimme. Westliche Medien haben längst aufgehört zwischen Meinungsmache und Berichterstattung zu unterscheiden. Die objektiven Fakten holt man sich bei Think Tanks, Regierungsseiten, Weltbank und IWF Datenbanken und allenfalls Wikipedia. In den Medien liest man dann was welcher Politiker oder “Experte“ meint und findet. Und diese Auswahl ist extrem einseitig. Wer heute eine Politik wie im Westen 1980 forderte, würde als homophober Rechtsextremist abgetan (damals war Homosexualität vielerorts verboten in Westeuropa, Rassismus hingegen nicht). Positive Sicht auf Hierarchie und Führung nicht nur von Privatunternehmen sondern auch der Gesellschaft, wird auch hier als “gefährlich rechte autoritäre Welle“ bezeichnet. Das ist eben nicht zuhören. Es gibt rechtsextremer Terror, der muss bekämpft werden. Aber viel zu viel wird als rechts abgetan was eigentlich gar nicht ungewöhnlich ist. Damit wirft man Leute in einen Topf mit Terroristen und macht sie zu “den Anderen“ noch lange bevor sie die Verfassung verletzen oder in Frage stellen.
    Was mir gefällt ist der Aufruf zu Klarnamen im Internet. Ich finde im Anonymen Internet liegt eine der grössten Bedrohungen für die Demokratie.

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