Frontseite, Literaturbetrieb, Politkommentar und Satire: männliches Gebaren auf medialen Kanälen.

kontertext: Reviermarkierungen

Frontseite, Literaturbetrieb, Politkommentar und Satire: männliches Gebaren auf medialen Kanälen.

Sie sind altgediente Männer des öffentlichen Lebens, sei es im Print-Journalismus oder auf digitalen Magazin-Seiten, sei es auf Comedy-Bühnen oder in der Literaturkritik – und sie teilen einen Gestus: Sie blicken auf die Wirrnisse des Lebens herab und erklären dem männlichen Rest und den weiblichen Mitbürgern die Welt. Sie wissen, wo’s langgeht und können Direktiven herausgeben. Und wo die empirische Grundlage dürftig ist, helfen Ideologie oder moralisches Urteil aus. Dabei wird auch der eine oder andere Standard des Handwerks geopfert.

Hinfällige Kommentare
Keine Berührungsängste mit Begriffen kannte Eric Gujer in seinem Samstags-Frontseiten-Kommentar vom 15. Februar 2020 in der «NZZ» über die deutsche Parteienlandschaft – zu diesem Zeitpunkt war der Coronavirus bekannt, aber noch nicht offiziell pandemisch (NZZ 15.2.2020, «Die deutsche Krankheit zum Tode», online-Version). Eine «Krankheit», nein gar «Seuche» habe die CDU (selbstverschuldet) heimgesucht, was sich jetzt zur «politischen Pandemie», ja einem «Killervirus» ausgewachsen habe. Der «Infektionsherd» liege in Berlin, wo die «Sozialdemokraten der Schwindsucht, einer Krankheit zum Tode, schon fast erlegen sind». Gegen «Seuchen» aber würden nur so «drastische Massnahmen wie Quarantäne» helfen, wonach er Merkel empfiehlt, sich selbst aus dem Spiel zu nehmen. Applaus erhielt er dafür von einem Leserbriefschreiber, der sich für die von der «Sprachpolizei» unbeeinträchtigte «luzide Krankheitsmetapher» bedankte, die allerdings offenlasse, ob Quarantäne reiche oder nicht eher «Chirurgen zuständig» wären. (NZZ, «Zuschriften» 20.2.2020).
Gujer weiss um die Assoziationen, die er nicht vermied, weshalb er auch im selben Frontseitenkommentar erwähnte, dass Deutschland – selbst nach dem Wahlfiasko in Erfurt – nicht in «Weimarer Verhältnisse abgleite». Deutschland sei eine «grundsolide Demokratie». Und die hält, müsste man dann in seinem Sinne schlussfolgern, ein paar Krankheitsmetaphern, die vor allem in den 1930er Jahren zirkulierten, aus. Wichtig ist hier natürlich zu sehen, dass Gujer ja nur klare Verhältnisse will, keine Diskursanalyse. Der Praktiker spricht da aus ihm, nicht der Historiker oder Intellektuelle! Und das ist es doch, was er schon über Trump und Johnson sagte: Da sind wenigstens mal welche, die etwas tun. Johnson zum Beispiel ist laut Gujer ein Mann der Tat, ein «zupackender Agent der Veränderung» («Die Politik braucht Spielverderber», NZZ 21.12.2019); keiner also, der sich mit Differenzierungen aufhält (Stichwort Minderheiten, Meinungsfreiheit, political correctness, Gleichberechtigung etc.). Deshalb schrieb Gujer auch über Annegret Kramp-Karrenbauer, dass sie zwar eine «sympathische und kluge Politikerin» sei, sich ihr klangloser und vorzeitiger Abschied aber dadurch erkläre, dass «es (ihr) an Durchsetzungsfähigkeit und Rücksichtslosigkeit mangelte» (NZZ, 20.2.2020). Das heisst, sie brachte einfach diejenigen Eigenschaften nicht mit, die tatkräftige Männer oder pandemische Viren haben.

Genügsame Wahrheit
Martin Ebel, seines Zeichens Literaturkritiker vom Dienst beim «Tages-Anzeiger», schreibt, als wäre er ein müde gewordener Macho. Die Twitteraktion #frauenzählen für den Literaturbetrieb sowie wissenschaftliche Studien, welche die Untervertretung von Frauen in Chefetagen, in Verlagsprogrammen oder in Buchrezensionen zutage förderten, hält er für verfehlt. Für ihn macht die Tätigkeit des Lesens den Blick auf die Geschlechterverteilung im öffentlichen Resonanzraum überflüssig: «Wer liest, schaut weniger auf das Geschlecht, sondern auf die tolle Story und die Perspektive, aus der sie erzählt wird.» Und nicht nur das: Ebel spricht der erwähnten Aktion gleich jegliches Verständnis für Kultur und letztlich auch den intellektuellen Anspruch ab: «Die Frauenzählerei zeugt, wie auch anderswo die Fixierung auf Zahlen statt auf Inhalte, von wenig Kulturverständnis. Wer zählt, muss nicht denken.» («Tages-Anzeiger» 4.2.2020, online-Version 3.2.)
Der Literaturkritiker vermischt hier zwei Ebenen: Die Erzählung ist nicht der Literaturbetrieb. Das eine ist die Kunst, das andere sind die Strukturen, in denen diese Kunst stattfindet und ihren Resonanzraum hat. Im Grunde weiss das Ebel auch, reiht aber lustlos Aussagen aneinander, hangelt sich undifferenziert zwischen Quote, Sexismus, Patriarchat, familiären Strukturen und gesellschaftlichen Mustern durch seinen Artikel. Er kommt einem vor wie die Clownin Gardi Hutter beim Schmutzwäsche-Sortieren: Sätze werden von einem unordentlichen Haufen zum anderen getragen, bis die Stücke immer kleiner werden und der Protagonist sich nur noch um sich selbst dreht.

Geprügelter Journalismus
In bester Schulhofmanier zog Constantin Seibt in der «Republik» verbal über einen Exponenten der britischen Politik her: «Die Tage wären heller, die Menschen glücklicher, wenn er nie geboren worden wäre. Der Labour-Chef Jeremy Corbyn ist das übelste, mieseste, verkommenste Arschloch, das je das britische Parlament betrat.» («Republik», 20.12.2019).
Diese Ausdrucksweise ist drastisch und auch sehr ungewöhnlich: Eine Suchabfrage in den Archiven von circa 240 Jahren NZZ und 30 Jahren «Tages-Anzeiger» ergab, dass das A-Wort zigfach als Zitat in Gerichtsberichterstattungen oder Theaterrezensionen vorkam, aber nicht als vom Journalisten gewähltes, auf die Einzelperson gespieltes (sogar um adjektivische Steigerungsformeln erweitertes) Wort. Seibt erwähnte auf der internen «Republik»-Dialogseite, wo die Leserschaft sich äussern kann, dass dieser Text ein stilistisches «Experiment» gewesen sei, habe also sozusagen eine Mimikry der erodierenden Politkultur darstellen wollen. Tags darauf analysierte und kritisierte er aber selbst die Figur des transgressiven, regelbrechenden Männertypus in der Politik («Republik», «Der politische Troll» 21.12.2019). Dieser zeichne sich dadurch aus, dass er sich an nichts halte, und wenn die Empörungswellen über Gesagtes allzu hoch aufbrandeten, erkläre er die eigenen Worte zum Witz. Also trieb Seibt mit seiner Tirade auf Corbyn genau das Spiel mit der Provokation, von dem er überzeugt ist, dass es den gesellschaftlichen Diskurs vergiften kann. Muss man sich auf die Verfallsformen der demokratischen Öffentlichkeit einlassen, um sich noch medial hervorzuheben?

Erkaltende Satire
Der Kabarettist Dieter Nuhr muss sich daran gewöhnen, dass er die mediale Aufmerksamkeit mit anderen, vielleicht auch jungen Frauen wie Greta Thunberg, teilen muss. In der «Neuen Zürcher Zeitung» erhielt er eine Plattform, um zu erklären, weshalb seine Witze über die Klimaaktivistin nicht ankamen: wegen der Humorlosigkeit der Linken, die heute genauso intolerant seien wie früher schon die Rechten. (NZZ 10.2.2020) Natürlich ist es für Nuhr bedauerlich, dass er einen solchen Shitstorm ertragen musste, zumal sein Witz Ende September 2019 ja eher flach war: «Greta will, dass wir in Panik geraten. Nun war Panik eigentlich noch nie ein guter Ratgeber, aber natürlich muss etwas passieren: Ich werde – weil meine Tochter zu den Freitagsdemos geht – im Kinderzimmer nicht mehr heizen.» (Nuhr im Ersten 26.9.2020, ab Minute 05:15)
Es ist hier zwar nicht der Ort, um das zu vertiefen, aber grundsätzlich finde ich, ein Kabarettist sollte besser mit seinen besten Witzen anecken als mit seinen mittelmässigen, was zuzugeben sich aber schlecht mit Nuhrs Eitelkeit vertragen würde. Während er also doppelt darunter leidet, dass die Linken ihn jetzt in die rechte Ecke stellen und die Rechten ihn als ihresgleichen erkennen wollen, sollten wir uns besser auf das konzentrieren, was wir aus seinem Klima-Scherz lernen können: Es geht um heisse Luft. Und dieses Phänomen ist bekanntlich ein wesentlicher Faktor für die Klimaerhitzung, wenn nicht sogar ihr Resultat selbst.

Markierte Reviere
Sie tun sich hervor, stecken das Revier ab, besetzen ein Terrain, wo «es» Männer unter sich ausmachen. Natürlich muss man genau hinschauen: Der narzisstisch gekränkte Kabarettist ist nicht der erschöpft-lavierende Literaturkritiker, der sich wiederum vom übers Ziel hinausschiessenden verbalen Raufbold im Journalismus unterscheidet. Und von allen wiederum ist der mit dem Autoritarismus liebäugelnde Chefredaktor, der sich davon neue Absatzmöglichkeiten für seine auflagenmässig schrumpfende Zeitung verspricht, abzugrenzen. Aber die Überheblichkeit des definitiven Urteils – sei es ideologisch oder moralisch untermauert – teilen sie alle.
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3 Meinungen

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    am 2.Apr.2020 um 3:18 pm
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    Ach, Martin Ebel, wie er sich doch wunderbar einreiht in die hier beschriebene Elite: es trug sich zu am Freitag, 3. Juli 2010, Seite 7 im Tages-Anzeiger, dass Ebel untern dem Titel „Ach, die Schweiz!“ sich in einem einzigen Satz gleich zweimal die Verbalinjurie „A…“ erlaubte, aber nicht etwa gerichtet an die Selbstgerechten im Vorfeld des damaligen Nationalfeiertags, sondern an die Adresse der Unterzeichnenden eines Manifests gegen sie. Da ich selbst signierte und auch zehn Jahre lang für den Tagi schrieb (bis 86), und dieses «A…» zu meiner Zeit in der Zeitung völlig undenkbar gewesen wäre, weil sie damals noch anständiger war, schrieb ich einen Leserbief, dem ich den Titel «Selbstgerechtes „A…“» gab und Ebel damit meinte. Ich glaube, er wurde sogar publiziert, aber glücklicherweise nicht unter dieser Überschrift, was ich gut fand (und erwartet hatte), weil es niemandem zusteht, eine Verbalinjure zu reproduzieren, schriftlich schon gar nicht, da sie dann nicht im Affekt erfolgt, sondern im vollen Bewusstsein.

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    am 2.Apr.2020 um 2:35 pm
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    Sie haben mir total aus dem Herzen gesprochen. Wenn Frau unbesserwisserische Artikel schreibt mit persönlichem Zugang wird sie hingegen als Ich-Bezogen bezeichnet. MKir erst kürzlich passiert. ich würde mich gerne mit Ihnen darüber austauschen.
    Kontakt: mariannepletscher@gmx.ch 079 654 59 14

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    am 2.Apr.2020 um 12:29 pm
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    Zusammengefasst: Otto Normalbürger erhält sein Weisheitskonzentrat (als Konsument) nachdem dieses von Literaten, Literaturkritiker, Journalisten oder Satirikern aufbereitet worden ist. Ob von Eric Gujer oder Dieter Nuhr ist Geschmacksache. Von selbständigem Denken befreien beide. Diskussion ist von beiden nicht gewünscht, Applaus schon.

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