Die Sonntags-Zeitung outet sich: Sie publiziert bevorzugt das, was Leser gerne lesen. Relevanz ist ihr schnuppe.

«Relevant ist, was die Leser bewegt»

Die Sonntags-Zeitung outet sich: Sie publiziert bevorzugt das, was Leser gerne lesen. Relevanz ist ihr schnuppe.

Online-Medien sei Dank.
«Sie waren in den letzten Jahren ein Innovationstreiber … Journalisten haben gelernt, welche Themen die Leser bewegen.»
Das schrieb Nachrichtenredaktor Simon Widmer, der für die Informationen mit zuständig ist, welche die Sonntags-Zeitung auswählt. Offensichtlich gelten bei dieser Auswahl diejenigen Journalistinnen und Journalisten als die besten und am besten bezahlten, deren Artikel online am meisten Klicks haben und in der gedruckten Ausgabe am meisten Leser (von Leserinnen schreibt der Nachrichtenredaktor nichts).

Für die Unterhaltungsseiten von Zeitungen mag das zulässig sein.

Für die politischen und gesellschaftlichen Informationen ist dies jedoch eine bedenkliche Publizistik und bedeutet: Belohnt werden diejenigen, die Vorurteile bedienen, Nebensächlichkeiten aufbauschen, vorherrschende Meinungen bestätigen, unterschwellige Gefühle ansprechen, im Hauptstrom mitschwimmen.
Dabei geht es in erster Linie um den Geschäftserfolg des Tamedia-Konzerns. Dieser verhält sich wie ein Reiseunternehmen oder ein Kleiderkonzern: Die angebotenen Artikel und Bilder müssen einfach ankommen. Erreichen sie zuwenig Umsatz oder eben Klicks, verschwinden sie aus dem Sortiment.

Nur in Sonntagspredigten erinnern sich Verleger und ihre Nachrichtenredaktoren noch an ihre eigentliche Rolle in einem demokratischen Staat: Die Bürgerinnen und Bürger mit Informationen in die Lage zu versetzen, bei Abstimmungen und Wahlen informiert nach ihren Wertmassstäben mit entscheiden zu können. Für solche Sonntagspredigten verlangen die Unternehmer-Verleger eine Presseförderung vom Staat.

Infosperber orientiert sich an einem anderen publizistischen Credo
Unsere Online-Zeitung bemüht sich, allein nach gesellschaftlicher oder politischer Relevanz zu gewichten. Dabei fokussiert Infosperber primär auf vergessene Zusammenhänge und vernachlässigte Perspektiven («Infosperber sieht, was andere übersehen»).

Nachrichten, Analysen, Hintergründe, Reportagen, Essays, Dossiers und Kommentare wählen wir, soweit das unsere beschränkten personellen und finanziellen Mittel ermöglichen, nach folgenden Kriterien aus:

  • Wie relevant sind Ereignisse, Entscheide und Aussagen (Priorität in dieser Reihenfolge!) für das Funktionieren einer modernen Demokratie? Für die Rechte und Pflichten als Bürgerin oder Bürger?
  • Wie relevant sind Ereignisse, Entscheide und Aussagen für die Lösung wichtiger Probleme auf internationaler, regionaler oder lokaler Ebene?
  • Oder anders: Wie relevant sind Ereignisse und Aussagen für Konfliktlösungen? Für das Vermeiden sozialer Spannungen?

Infosperber ist von Aktionären oder Interessengruppen unabhängig und bietet engagierten Journalistinnen und Journalisten eine Plattform für Recherchen, übersehene oder vernachlässigte Informationen und pointierte Kommentare. Voraussetzung ist das Beherrschen des journalistischen Handwerks, weil Infosperber keine Kapazitäten hat, um Texte zu bearbeiten.
Nicht-Pensionierten können wir dank Spendengeldern bescheidene Honorare zahlen.

2 Meinungen

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    am 2.Jul.2018 um 2:28 pm
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    Die gute Absicht von Infosperber habe ich verstanden. Wir Leser erhalten von infosperber «was andere übersehen» und werden dann um «Ihre Meinung» gebeten. Dann äussern wir unsere Meinung. Und was geschieht dann? Nichts! Gleich wie früher mit Leserbriefen, nur einfach mit einem neuen Werkzeug.
    Meinungen aufarbeiten und zu Handlungsbedarf und Handlungsdruck führen, ein Problem, das der Journalismus noch lösen muss. Dran bleiben, nicht nur Reden und Reden lassen. Wirkung erzeugen, langfristig und nachhaltig.

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    am 25.Jun.2018 um 11:04 pm
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    Exzellenter Artikel! Herr Gasche sagt – kurz und bündig – alles, was es über das Medienwesen zu wissen bzw. zu reflektieren ist.
    Nur, in der Journalisten-"Ausbildung» findet – ganz offensichtlich – das Gegenteil statt: Den angehenden «Medienschaffenden» werden die letzten Reste einer Reflexion über ihre Aufgabe und vor allem ihre Verantwortung ausgetrieben, als dass sich gleich mit gesteigerter Gewissheit und in tiefsten Brustton der eigenen Überzeugung das Loblied auf ihre Fähigkeit zur Klick-Fängerei (durch Anbiederung an die Vorurteile «der Leute/Leser» – und so, eher früher als später, auch des Journalisten selbst) singen lässt.

    Angehende und praktizierende Medienschaffende sollten mindestens halbjährlich über Gasche’s Artikel im Redaktionsforum referieren müssen bzw. ihre journalistische Arbeit einer entsprechenden Beurteilung unterziehen.

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