Ombudsmann Roger Blum erfindet ein neues wissenschaftliches Kriterium im Journalismus: die emotionale Tonlage.

Herr der Emotionen

Ombudsmann Roger Blum erfindet ein neues wissenschaftliches Kriterium im Journalismus: die emotionale Tonlage.

Wir alle hatten ja nicht wirklich verstanden, was uns Nathalie Wappler, die neue SRF-Chefin, sagen wollte, als sie, kaum ins Amt gewählt, folgenden dubiosen Merkspruch in die Welt setzte: «Wir müssen keinen Meinungsjournalismus machen.»

Sogar Medienprofessor Roger Blum, Ombudsmann von SRG SSR Deutschschweiz, zeigte sich «irritiert». Dabei hat gerade er mit seiner jüngsten Amtshandlung das TV-Publikum mindestens ebenso sehr schockiert: Blum will keine Emotionen spüren.

Weil Talkmaster Roger Schawinski in seinen TV-Interviews zur sogenannten Selbstbestimmungsinitiative SVP-Nationalrätin Magdalena Martullo-Blocher (zu deren sichtlichem Vergnügen) forscher befragte als Helen Keller, Schweizer Richterin am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, machte Blum ernsthaft einen Verstoss gegen die «strikte Gleichbehandlung der Parteien im Wahl- oder Abstimmungskampf» geltend.

Du lieber Himmel! Hat der Mann vielleicht schon einmal ein Interview geführt, in dem es um mehr ging als um die nüchterne Abfrage eines reinen Sachverhalts? Hat er gar schon mal was von unterschiedlichen Charakteren gehört? Für das TV-Publikum liegt der von ihm beanstandete Mangel ganz klar nicht bei Schawinski, sondern bei Helen Keller und Magdalena Martullo-Blocher: Die beiden sind in ihrer Persönlichkeit, in ihrem Weltbild, in ihrem Machtanspruch und in ihrer Emotionalität nicht deckungsgleich, können also unmöglich in derselben Tonlage befragt werden. Warum also verbietet der Medienprofessor so unausgewogen gegensätzlichen Persönlichkeiten nicht einfach den Auftritt bei SRF?

Nicht zufällig sind Blums wissenschaftliche Verlautbarungen frei von jeder Emotion. Was er betreibt, ist ja auch nicht Journalismus, sondern Wissenschaft. So hat er jetzt im Fall Schawinski immerhin den Begriffen «Samthandschuhe» und «Boxhandschuhe» zu akademischer Bedeutung verholfen.

Nathalie Wappler hat, nach ihrer obskuren sprachlichen Verirrung zum Thema Meinungsjournalismus, öffentlich gelobt, nichts mehr zu sagen vor ihrem Amtsantritt im Frühjahr 2019. Roger Blum indes wird garantiert weiterreden.

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