Aufruf an die Gesundheitskommissionen des Bundesparlamentes

Im Zug der Markteinführung der E-Zigarette «Juul» fordern die Unterzeichnenden den Schutz der Gesundheit der Schweizer Bevölkerung.

Red. Das Parlament will für E-Zigaretten wie «Juul» auf Druck der Tabakindustrie weniger Verkaufs- und Werbeeinschränkungen als für Zigaretten. Präventivmediziner und Gesundheitsorganisationen warnen davor, dass E-Zigaretten jugendliche Nichtraucher zum Rauchen animiert. In einem gemeinsamen Brief, den Infosperber hier veröffentlicht, appellieren sie an die National- und Ständeräte. Der Arzt Rainer M. Kaelin war Vizepräsident der Lungenliga Schweiz und ist Vizepräsident von Oxyromandie, ein Verein, der sich für den Schutz der Nichtraucher und für Werbeverbote für Tabakprodukte einsetzt.
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Sehr geehrte Herr J. Eder, Präsident der SGK des Ständerates,
Sehr geehrter Herr Th. de Courten, Präsident der SGK des Nationalrates,
Sehr geehrte Damen und Herren der Gesundheitskommissionen des Bundesparlamentes,

Angesichts der Schweizer Markteinführung der E-Zigarette «Juul» fordern die unterzeichnenden Organisationen und Persönlichkeiten Sie auf, Ihren verfassungsrechtlichen Auftrag wahrzunehmen und die Gesundheit der Schweizer Bevölkerung, insbesondere der Kinder und Jugendlichen, zu schützen.

E-Zigaretten sind als Gefahr für die öffentliche Gesundheit, bzw. für Jugendliche und junge Menschen identifiziert worden (1,2,3). Die E-Zigarette «Juul» spricht Jugendliche besonders an und hat in den USA wegen ihrer noch rascheren Aufnahme des Nikotins zusätzlich zur Nikotinepidemie unter Teenagern beigetragen (4). Die FDA hat deshalb Ermittlungen gegen die Herstellerfirma «Juul Labs» und ihr Marketing eingeleitet. Obwohl «Juul» erst seit Dezember (mit geringerem Nikotingehalt) in der Schweiz erhältlich ist, haben die über das Internet erworbenen Geräte auch in der Schweiz eine Nikotinabhängigkeit bei Schülern verursacht (5). Die Beteuerungen von «Juul Labs»-Länderchef Jonathan Green, er ziele nicht auf Jugendliche und diese würden nicht mit der Werbung angesprochen, sind nicht glaubwürdig.

Die Tatsache, dass «Juul» an jedem Kiosk, in Shops und Läden von «P&B Books», sowie später sogar bei COOP (6) erhältlich sein sollen, widerspricht dieser Aussage. Der auf «Selbstkontrolle» beruhende angeblich «strikte Jugendschutz», kann bei einem derart ausgedehnten Verteilersystem nicht funktionieren. Der Verkaufserfolg von Juul bei US-Jugendlichen beweist vielmehr, dass die Firma nichts wirksames unternimmt, um eine Verbreitung bei Jugendlichen zu verhindern. Es besteht daher der Verdacht, dass die Firma in der Schweiz die Rechtsunsicherheit betreffend Tabak- und Nikotinprodukte für die Markteinführung ausnützt. Tatsächlich hat das Urteil des Bundes-verwaltungsgerichts vom 24.4.2018 zwar das Einfuhrverbot für nikotinhaltige E-Zigaretten aufheben müssen, die Regelung von nikotinhaltigen, «alternativen Produkten» und E-Zigaretten wurden im Tabakproduktegesetz jedoch noch nicht festgelegt.

Sie und die Behörden haben die Verantwortung, die geltenden Gesetze im Einklang mit der Verfassung anzuwenden. Diese gebieten, die Marktfreiheit im Interesse der Bevölkerung einzuschränken, wie dies das Heilmittelgesetz für abhängig machende Substanzen vorschreibt. Die Jugend bedarf diesbezüglich eines besonderen Schutzes. Das Gesetz zur Produktesicherheit schreibt ebenfalls ausdrücklich vor, dass «Produkte in Verkehr gebracht werden dürfen, wenn sie bei vorhersehbarer Verwendung die Sicherheit und die Gesundheit der Verwender (…) nicht oder nur geringfügig gefährden.» Ausserdem sei die voraussichtliche Gebrauchsdauer und der Umstand, dass das Produkt von Personengruppen verwendet werden kann, die dabei einer grösseren Gefahr ausgesetzt sind als andere, zu berücksichtigen.

Die Tatsache, dass ein Produkt wie «Juul», welches in den USA eine gut dokumentierte Epidemie von Nikotinabhängigkeit unter Jugendlichen verursacht, in der Schweiz ohne weitere Regelung eingeführt wird, ist gesetzeswidrig.

Die erwarteten Schäden werden auf individueller und kollektiver Ebene alles andere als geringfügig sein, wenn der Staat zulässt, dass solche Produkte die Nikotinsucht im besonders empfindlichen Gehirn von Jugendlichen verankern, die dann lebenslänglich an den Folgen leiden werden. Das Vorsichts- und Realitätsprinzip gebietet, dass Werbung, Promotion und Sponsoring für «Juul» und ähnliche Produkte, verboten werden. Dies fordert auch die Tabakrahmenkonvention der WHO (FCTC) für alle Tabak- und Nikotinprodukte. Denn freiwillige Verkaufsverbote und Werbeeinschränkungen nur an Minderjährige, ohne umfassende gesetzliche Werbeverbote, sind untauglich, um die Banalisierung der Nikotinsucht in der globalen Konsumgesellschaft zu verhindern.

Die unterzeichnenden Organisationen und Personen vertrauen darauf, dass Sie in der Situation, die durch das verantwortungslose Gewinnstreben eines Wirtschaftszweiges entsteht, im Tabakproduktegesetz Regeln festlegen, welche die Gesundheit der Schweizer Bevölkerung wirksam schützen.

Mit freundlichen hochachtungsvollen Grüssen, im Namen der nachfolgenden Organisationen und Privatpersonen:

Ärzte-, und Gesundheitsorganisationen:

  • Schweizerische Gesellschaft für Pneumologie
  • Schweizerische Gesellschaft für Pädiatrische Pneumologie.
  • Aargauischer Ärzteverband
  • Ärztegesellschaft des Kantons Schwyz
  • Ärztegesellschaft Unterwalden.
  • Société Neuchâteloise de Médecine
  • Schweizerische Gesellschaft für die Gesundheit Adoleszenter
  • Schaffhauser Ärztegesellschaft
  • Swiss Lung Foundation

Fachleute und Privatpersonen:

  • Prof. Dr.med. Laurent Nicod, Médecin chef Pneumologie CHUV Lausanne
  • Prof. J.-David Aubert, Pneumologie, CHUV Lausanne
  • Prof. Jürg Barben, Leitender Arzt pädiatrische Pneumologie, Ostschweizer Kinderspital St. Gallen.
  • Dr Jürg Lareida, Präsident Aargauischer Ärzteverband
  • Dr Daniel A. Burger, Präsident Ärtzegesellschaft Kanton Schwyz
  • Prof. Jürg Hammer, Leitender Arzt Intensivmedizin und Pneumologie, Uni- Kinderspital Basel.
  • Prof. Alexander Möller, Leiter Pneumologie, CF-zentrum, Kinderschlafmedizin, Universitätsspital Zürich
  • Dr. Alice Zürcher, FMH, stv. Leiterin Pneumologie, Spital Uster. Special interest group Tabak/Prävention der Schweizer Pneumologen.
  • Dr Dagmar Becker, Präsidentin Ärztegesellschaft Unterwalden
  • Dr Werner Karrer Konsiliararzt Kantonsspital Nidwalden, Facharzt Innere Medizin, Pneumologie, Rehabilitation und Schlafmedizin.
  • Dr Jacques Wacker, Médecine interne et Pneumologie FMH, ancien médecin adjoint, Hôpital de la Chaux de Fonds.
  • Dr Walter Gusmini, Président de la Société Neuchâteloise de Médecine
  • Dr Martin Frey, Konsiliararzt Pneumologie, Barmelweid
  • Prof.(hon.) Jean-Claude Chevrolet, ancien médecin chef des Soins Intensifs pour Adultes des HUG, Genève.
  • Dr Thomas Rothe, Leitender Arzt Pneumologie, Kantonsspital Chur
  • Dr Philippe Rieder, FMH Médecine interne, Pneumologie, Médecine intensive, Yverdon.
  • Jean-Fréderic Vodoz , FMH Pneumologie, Montreux.
  • Dr Christophe Uldry, FMH Médecine interne et Pneumologie, Médecin chef, Service de Pneumologie Hôpital de Rolle.
  • Dr. Gaudenz Hafen, Privat-docent. Pneumologie pédiatrique FMH, médecin agrée du CHUV, Lausanne.
  • Prof. Dr méd. Thierry Rochat, ancien médecin chef Pneumologie HUG, Genève
  • Dr.med. Christoph Rutishauser, Leitender Arzt Adoleszentenmedizin , Universitätskinderspital Zürich.
  • Prof. Dr med. Martin Brutsche, Chefarzt Lungenzentrum, Kantonsspital St. Gallen.
  • Dr.med. Paul Bösch, prakt. Arzt Schaffhausen.
  • Prof. Arnaud Perrier, Directeur médical, HUG, Genève.
  • Prof. Ulrich Sigwart, ancien chef de Service de Cardiologie des HUG, Genève.
  • Dr méd. Grégoire Gex, FMH Pneumologie, Médecin Chef, service de Pneumologie Hôpital du Valais, Hôpital Riviera-Chablais VD/VS.
  • Prof. Dr méd. Markus Solèr, FMH Innere Medizin, Pneumologie, Kardiologie. Chefarzt Pneumologie Claraspital Basel.
  • Dr Otto Brändli, FMH Innere Medizin und Pneumologie, ehem. Chefarzt Klinik Wald, Präsident Swiss Lung Foundation.
  • Prof. P.-O. Bridevaux, Chef du service de Pneumologie, Hôpital du Valais.
  • Dr.med. Andrea Azzola, FMH Pneumologie, Leitender Arzt Pneumologie, Ospedale civico, Lugano.
  • Dr.med. Sebastian Ott. PD, FMH Pneumologie, Leiter Pneumologie/Thoraxchirurgie, Claraspital Basel.
  • Dr.med. Marjam Rüdiger-Stürchler, Geschäftsführerin der Schweizerischen Gesellschaften für Kardiologie und Pneumologie, Basel.
  • Prof. Dr med. Nicolas Regamey, Leitender Arzt Pädiatrische Pneumologie; Leiter des Zentrums für Zystische Fibrose, Kantonsspital Luzern.
  • Dr Olivier Staneczek FMH Pneumologie et Médecine du sommeil. Clinique la Prairie, Clarens-Montreux.
  • Dr.med. Maura Zanolari Calderari, FMH Pädiatrie und Kinderpneumologie, Lugano
  • Dr. med Gian Luca Calderari, FMH Innere Medizin und Pneumologie, Lugano.
  • Prof. Dr med Christoph von Garnier, stv. Klinikdirektor und Chefarzt Universitätsklinik Pneumologie, Inselspital Bern
  • Dr.med.Franco Quadri, FMH Pneumologie und Innere Medizin, Ospedale regionale di Bellinzona et Valli, Bellinzona.
  • Dr. Rainer M. Kaelin, FMH Innere Medizin und Pneumologie, vormals Vize-Präsident der Lungenliga Schweiz und der Lungenliga Waadt, Vizepräsident von OxyRomandie/OxySchweiz

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Quellen:

  1. E-cigarette use among Youth and Young adults. A report oft he Surgeon general. US Dpt.Health Human Services. 2016
  2. Barben J, Hammer J: Internationale Lungenfachgesellschaften warnen vor E-zigaretten. SAeZ 2018;99(37):1235-37.
  3. Soneji S, Barrington-Trimis JL, Wills TA et al. : Association Between Initial Use of e-cigarettes and Subsequent Cigarette Smoking Among Adolescent and Young Adults. A systematic Review and Meta-Analysis. JAMA Pediatrics.doi :10.100/jamapediatrics 2017/1488, published June 2017.
  4. Barrington-Trimis JL, Leventhal AM : Adolescent Use of « Pod-Mod »E-Cigarettes-Urgent Concerns. NEJM 2018 ;379 :1099-1102.
  5. Sarasin D : Gefährlicher Dampf aus Uebersee. Tagesanzeiger 23.11.2018.
  6. Städeli M. ; Umstrittene E-Zigi kommen an den Kiosk. NZZ am Sonntag 25.11.201

Weitere Artikel zur Thematik:

Zum Infosperber-Dossier:

E-Zigaretten: Vor- und Nachteile

Sie sind nützlich als Ausstiegshilfe für Raucher, aber schädlich als Einstiegsdroge für junge Nichtraucher.

3 Meinungen

  • Avatar
    am 3.Mrz.2019 um 1:15 pm
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    Das BÖSE ist immer und überall.
    Im letzten Jahrhundert zahlte die Tabaklobby hunderte von trendigen Intelligenzlern um Zigaretten für Frauen eizuführen.
    Heute sitzt man in Bern im Theater VIDMAR Stück nach Stück SchauspielerInnen gegenüber die dauerschloten.
    Ja, das ist NEKROPHIL, Paul Meyer

    MfG
    Werner Meyer

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    am 21.Feb.2019 um 1:49 pm
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    Wie das ausgehen wird, ist der Lackmustest, ob wir in einer libertären Kapitalismus-Gesellschaft mehr oder weniger betäubt leben müssen. Die Chance vielleicht doch noch in der milden Herrschaftsform einer liberalen demokratischen Gesellschaft menschliches Leben im ausserbiologischen Sinne geniessen dürfen, wird immer geringer.
    Die Macht gewaltiger Kapitalmassen in der Verfügungsgewalt von wenigen sind einzuhegen, auf die Betriebswirtschaft zu beschränken, damit der Kaputalismus mehr biophil statt nekrophil wirken kann.

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