Beim Palmöl sind Konsumentinnen und Konsumenten aufgeschmissen

Grosskonzerne verhindern den freiwilligen Verzicht auf Palmöl. Ihre Deklaration auf Haushalts- und Kosmetikmitteln ist unlesbar.

Für die Industrie ist das problematische Palmöl ein Wundermittel und Alleskönner. Der günstige Rohstoff wird aufgrund seiner Eigenschaften unter anderem zur Herstellung von Kosmetika, Reinigungs- und Waschmitteln sowie für die Herstellung von Kerzen oder Biokraftstoffen verwendet. Ausserdem ist er in unzähligen Lebensmitteln enthalten.

Verantwortungsbewusste Kundinnen und Kunden wählen bei ihren Einkäufen Produkte, die kein Palmöl enthalten. Doch dieser Kaufentscheid wird ihnen von den Herstellern häufig verunmöglicht. Denn die Palmöl-Deklarationen, die Grosskonzerne auf vielen ihrer Produkte anbringen, sind schwierig zu entziffern oder fehlen sogar ganz.

Kundinnen und Kunden vor Herkulesaufgabe
Bei Ölen und Fetten sind zwar in der Schweiz seit 2016 neue Deklarationsvorschriften in Kraft. Seither muss die Herkunft von pflanzlichen Ölen und Fetten bei Nahrungsmitteln ausgewiesen werden: Wo Palmöl drin ist, müsste die Verpackung eine entsprechende Deklaration enthalten. Trotzdem gibt es nur wenig Transparenz. Denn das Palmöl darf verwirrend mit vielfältigen Bezeichnungen deklariert werden: Sodium Laureth Sulfate, Palm Kernel, Palmolein, Palmitate, Stearate, und viele mehr. Dazu kommt, dass einzelne Zutaten, die zum Endprodukt zusammengemischt werden, bereits Palmöl enthalten, welches dann auf dem fertigen Produkt nicht deklariert wird. Eine «umfassende Information», wie es das Departement des Innern EDI versprach, sieht anders aus.

Bei Haushalts-, Kosmetik- und Reinigungsprodukten ist der nachhaltige Einkauf praktisch unmöglich. Viele dieser Produkte enthalten Palmöl, müssen aber nicht entsprechend angeschrieben werden. Stattdessen genügt der Hinweis, dass pflanzliches Öl enthalten sei. Im Übrigen werden viele Zutaten, die in Kosmetika oder Reinigungsmitteln enthalten sind, mit Palmöl hergestellt. In den Produktinformationen wird deshalb nicht die Bezeichnung «Palmöl» angegeben, sondern zum Beispiel «Sodium Lauryl Sulfoacetate», «Cetyl Palmitate» oder eben «Pflanzenöl».

Wer also auf Palmöl verzichten und nachhaltig einkaufen will, muss sich viel Zeit nehmen und die Inhaltsstoffe der Produkte genau analysieren. «Umweltbilck.de» veröffentlichte eine hilfreiche Liste, welche Inhaltsstoffe benennt, die Palmöl enthalten können. Stand Februar 2018 umfasste sie 141 Stoffe. Eine weitere Hilfestellung liefert die App von «codecheck.info». Sie scannt den Strichcode der jeweiligen Ware und zeigt an, ob kritische Inhaltsstoffe darin vorkommen – und macht Kundinnen und Kunden auf Alternativen aufmerksam.

Produktion wächst – Regenwald schrumpft
Die Produktion von Öl aus Ölpalmen ist ertragreich, der Rohstoff vielseitig und preiswert. Die Pflanze ist mehrjährig und kann während dem ganzen Jahr geerntet werden. Auf einer Fläche mit Ölpalmen kann viel mehr Öl produziert werden, als dies mit anderen Ölpflanzen möglich ist: Für dieselbe Menge Rapsöl benötigen die Produzenten etwa eine zwei- bis dreimal grössere Anbaufläche. Und da die globale Nachfrage nach Palmöl stetig wächst, wachsen auch die Anbauflächen.

Für die Errichtung von neuen Ölplantagen werden in grossem Umfang tropische Regenwälder zerstört. Gemäss Forschungen der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) wurden zwischen 1990 und 2005 1,87 Millionen Hektar Palmölplantagen in Malaysia und mehr als drei Millionen Hektar in Indonesien neu angelegt. Mehr als die Hälfte davon entstand durch die Abholzung von Wäldern. Immer wieder fallen Teile des Regenwaldes illegalen Brandstiftungen zum Opfer – um Raum für neue Anbauflächen zu schaffen. Wichtige Lebensräume von bedrohten Tierarten verschwinden.

Weiter werden bei der Produktion von Palmöl oft Menschenrechte verletzt. Arbeiterinnen und Arbeiter – darunter Tausende Kinder – werden mit falschen Versprechungen angelockt und müssen Zwangsarbeit leisten. Die ansässige indigene Bevölkerung wird von Konzernen mit Gewalt von den neu erschlossenen Anbauflächen vertrieben. Und der Einsatz des in vielen Ländern verbotenen Herbizids Paraquat führt zu Vergiftungen bei Arbeiterinnen und Arbeitern.

Freiwillige Massnahmen und Maulkorb
2004 gründete der WWF den Runden Tisch für nachhaltiges Palmöl (RSPO). Auf freiwilliger Basis verpflichteten sich über 3000 Vertreterinnen und Vertreter von Produzenten, Finanzinstituten, aus Industrie und Handel und aus der Zivilgesellschaft, die Zerstörung von artenreichen Tropenwäldern zu begrenzen. Obwohl die Standards des RSPO im November 2018 verschärft wurden und seitdem auch explizit die Abholzung von Wäldern, die Erschliessung von Torfböden und der Einsatz gefährlicher Pflanzenschutzmittel verboten wurden, gibt es Kritik an der Vereinigung.

Umweltorganisationen, darunter auch die Gründungsorganisation WWF, erklären, dass die Standards des RSPO nicht in allen Punkten ausreichen würden. Kritik gibt es zum Beispiel an der Freiwilligkeit der Massnahmen und an der Übervertretung der Palmölindustrie, die zu viel Einfluss auf die Zertifizierung habe.

2017 deckte der «Beobachter» auf, wie Schweizer Grossverteiler von der eigenen Nachhaltigkeitsorganisation unter Druck gesetzt wurden: Gemäss den «Beobachter»-Recherchen wollte RSPO ein «Palmölfrei»-Label verhindern, Negativ-Werbung war nicht erlaubt. Die Mitglieder von RSPO waren gezwungen, «den Absatz von nachhaltigem Palmöl zu fördern und nicht zu beeinträchtigen». Sie durften nicht einmal sagen, dass der Verzicht auf Palmöl bei einem Produkt umweltverträglicher sei als nachhaltiges Palmöl. Weiter durfte das «Nichtvorhandensein von Palmöl» nicht hervorgehoben werden.

So erstaunt es nicht, dass die globale Palmöl-Produktion stetig zunimmt. Wurden 2002/2003 noch 28 Millionen Tonnen produziert, waren es 2019/2020 bereits 74 Millionen Tonnen.
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Weiterführende Infosperber-Artikel zur Thematik:

So streitet die Schweiz über Palmöl
Palmöl-Produktion: Zu zweit arbeiten für einen Lohn
Palmöl, Fische und Textilien: «Öko» ist nicht immer Öko
Palmöl oder Rapsöl ins Auto: Beides ist Unsinn
Umwelt-Frevel für neue Palmöl-Plantagen
Nestlé lässt Palmöl-Lieferant Repsa fallen

Zum Infosperber-Dossier:

Konsumentenschutz

Einseitige Vertragsklauseln. Täuschungen. Umweltschädlich. Hungerlöhne. Erschwerte Klagemöglichkeiten.

8 Meinungen

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    am 8.Feb.2020 um 10:33 am
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    Lieber herr lüthi
    Es ist nicht so, dass ich mit dem inhalt des artikels nicht einverstanden wäre. Soweit ich das beurteilen kann richten die rodungen für palmöl wirklich grossen schaden an.
    Aber warum muss man das thema benutzen, um gleich noch einen seitenhieb auf die «grosskonzerne» auszuteilen? Das ist reiner populismus. Man weiss dass das dem volksempfinden entspricht, den beifall hat man auf sicher.
    Die von ihnen geschmähten kapitalismus, grosskonzerne, neoliberalismus und wie die üblichen feindbilder so heissen haben der welt einen nie gekannten wohlstand beschert. Die weltweite armut ist auf einem tiefststand. Die armutsbekämpfungsziele der uno wurden übertroffen. Alles dank der von ihnen geschmähten »..ismen». Der sozialismus als alternative zum kapitalismus hat im vergleich dazu eine erbärmliche bilanz. China mit seinem staatsmonopolkapitalismus kann erfolge vorweisen. Niemand von uns möchte aber in einem solchen system leben. Also warum immer unsere errungenschaften kleinreden?
    Der von mir erwähnte wohlstandszuwachs stösst jetzt an seine (klima)grenzen. Auch das ist keine folge des kapitalismus oder der grosskonzerne. Sondern eine folge unseres machbarkeitswahns, wie wir heute erkennen müssen. Da gibt es technische lösungen (atomkraft u.a.), die wird man allerdings wohl zu spät ergreifen.

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    am 6.Feb.2020 um 11:35 pm
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    Lieber Herr von Burg,

    Sie bemängeln die Verwendung des Begriffs «Grosskonzern» mit der Feststellung/Behauptung (je nach Perspektive), Hindernis für freiwilligem Palmölverzicht zu sein. Welche Wortwahl würden Sie denn für Firmen mit Umsatzmilliarden (ev. auch Bilanzmilliarden) vorziehen? Auf Wikipedia wird der Begriff Konzern zudem ganz neutral beschrieben und erklärt. Ich vermute mal, dass Sie die Form/Tonalität kritisieren, weil Sie mit dem Inhalt oder der Grundaussage des Artikels nicht einverstanden sind. Oder aber die magere Bilanz des unterdessen globalen Wirtschaftssystems betrauern oder verteidigen.

    Die von Ihnen leidende Glaubwürdigkeit des Artikels verorte ich eher bei dem von Ihnen verteidigten Wirtschaftssystem, dessen Kritikern sie es karrikierend als Satan unterstellten : Die Eigner von Finanzkapital, Verfechter von Kapitalismus und Neoliberalismus haben auch mehr als 30 Jahren nach dem Untergang des realexistierenden Kommunismus leider das von ihnen versprochene Paradies -entgegen ihren Versprechnungen- nicht auf die Reihe gekriegt: Ökologische und soziale Krisen weltweit. Leider. Die Verfechter des wirtschaftlichen Leistungs- und Finanzerfolgsdogmas, der Sozialsierung von Kosten und Privatisierung der Gewinne haben versagt.

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    am 4.Feb.2020 um 11:57 am
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    @ Christian von Burg
    Welche Grosskonzerne haben eine reine Weste? An wen denken Sie da so?

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    am 3.Feb.2020 um 9:29 pm
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    "grosskonzerne verhindern…..» .
    So beginnt das intro zum artikel.
    An ihren worten sollt ihr sie erkennen. Grosskonzerne, finanzkapital, kapitalismus, neoliberalismus….
    Die grossen satane für leute mit einem bestimmten weltbild.
    Die glaubwürdigkeit solcher artikel würde steigen, wenn sie in einer sachlicherer wortwahl daherkämen.
    Ähnliches gilt bei klimafragen. Bei artikeln die von «unserem planeten» sprechen hört man die nachtigall schon trapsen bevor man mit lesen beginnt.

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    am 3.Feb.2020 um 8:24 pm
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    Danke für den sehr informativen Artikel.

    Passend dazu gibt es zur Zeit ein Referendum u.a. von uniterre und der Kleinbauernvereinigung gegen das Freihandelsabkommen mit Indonesien, welches Palmöl nicht ausklammert (www.nein-zum-freihandel.ch). Das Parlament hat dem Freihandelsabkommen mit Indonesien am 20. Dezember 2019 zugestimmt. Im Abkommen mit Indonesien sind keine griffigen Umweltstandards für landwirtschaftliche Produkte wie Palmöl definiert worden. Und dies obwohl in Indonesien massive Abholzung und Brandrodungen, Kinder- und Zwangsarbeit, der Einsatz von giftigen Pestiziden und die Vertreibung von tausenden Kleinbäuer*innen und Indigener die Regel sind.

    Die Referendumsfrist läuft am 9.4.2020 ab, Unterschriften können bis am 30.3. zurückgesendet werden.

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    am 3.Feb.2020 um 3:33 pm
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    Es ist gar nicht wirklich «unmöglich», Palmöl zu umgehen. In meinem Haushalt findet sich nichts dergleichen – garantiert: Bei Lebensmitteln ist Palmöl nur in Convenience-Produkten enthalten. Deren Konsumation ist eh in der Regel ungesünder, als selber zu kochen oder zuzubereiten – was erst noch mehr Spass macht. Bei den Reinigungsartikeln werden wir über den Tisch gezogen: Mit Natron, Waschsoda, Essig und/oder Zitronensäure sowie mit Brennsprit hat man schon fast alles, was man effektiv braucht. Dazu kommt noch Kernseife. Da muss man wohl schauen: sie kann, muss aber nicht Palmöl enthalten. Für die Körperpflege ideal ist Seife aus Oliven- und Lorbeeröl (die «biblische» Aleppo-Seife). Haare waschen kann damit ebenfalls hervorragend und günstig. Oder mit Natron. Auch Roggenmehl eignet sich hervorragend. Kosmetika erhält man palmölfrei im Reform- und Biofachhandel – Kosmetika sind eh Luxus, also kann man damit auch gleich den Biofachhandel unterstützen…

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    am 3.Feb.2020 um 3:30 pm
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    „Die Erde brennt“ wurde lauthals in die Welt gerufen. Das Kleid ist rot, doch die Verlegensheitröte bleibt aus.
    Ja, der Regenwald wird verbrannt und all die unschätzbar wertvolle Flora und Fauna werden unwiederbringlich zerstört, damit unsere Kekse, Brotaufstrich und Margarine billig bleiben und sich die Taschen ein paar weniger füllen. Das Freihandelsabkommen ohne verbindliche Palmöldeklaration wird aber vom Bundesrat gestützt.
    Es gibt nur noch die Möglichkeit, soweit immer die Produkte einfach nicht mehr zu kaufen. So wie Thunfisch, Pelagius und Lachs aus Farmen.

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    am 3.Feb.2020 um 2:20 pm
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    Bitte nicht Palmöl mit Palmkernöl gleichsetzen.

    Im übrigen ist die Kultur der Ölpalme eine durchaus gute Sache. Sowohl i.S. Produkte (Qualität, Produktivität…) als auch Einkommen für die Bauern. Schwierig wird es nur, wenn industrielle Investoren mitmischen und dabei die Natur kaputt machen.

    Auch in unseren Kulturlandschaften wurde die «Natur» z.T. geopfert und so gibt es in unseren Weinbergen auch keine Rehe und Dachse mehr. Totzdem möchten wir kaum auf den Wein verzichten. Wie sagte Parazelsus : vieles liegt in der Dosierung.

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