Es war keine gute Woche für die Autobahn-Turbos im Astra und in Christoph Neuhaus’ Baudirektion. Noch fahren sie unbeirrt weiter.

Bieler Stadtautobahn auf Kollisionskurs

Es war keine gute Woche für die Autobahn-Turbos im Astra und in Christoph Neuhaus’ Baudirektion. Noch fahren sie unbeirrt weiter.

Am Montagabend kam der erste Tiefschlag: Die Gassmann Medien, führender Verlag der Region, veröffentlichten eine repräsentative Meinungsumfrage, wonach nur 21 Prozent der Bevölkerung von Biel und Umgebung hinter dem überrissenen Nationalstrassenprojekt stehen, welches zwei 270 Meter lange offene Schneisen mitten ins Stadtzentrum reissen würde (Infosperber berichtete über das Projekt und die hohen Kosten). Stattdessen votieren 49 Prozent der Bevölkerung für die Tunnelalternative «Westast so besser!», welche ein vor drei Jahren gegründetes Bürgerkomitee in Fronarbeit entwickelt hatte – dieses klare Resultat hatte niemand erwartet, auch nicht nach der Grossdemonstration mit 5000 Leuten in Biel vor zwei Wochen.

Moratorium wegen falschen Prognosen

Doch das war nur der Anfang. Am Donnerstag wurden im Bieler Stadtparlament gleich zwei dringliche Vorstösse eingereicht: Die Fraktion von SP und Juso fordert einen Marschhalt, und die Splitterpartei Passerelle verlangt raschmöglichst eine Konsultativabstimmung. Gestern dann wurden endlich die unter Verschluss gehaltenen Zahlen zu den Auswirkungen des vor einem Jahr eröffneten Autobahnteilstücks veröffentlicht – Infosperber hatte diese bereits im Oktober publik gemacht. Damit hat sich bestätigt, dass die Verkehrsprognosen des Kantons Bern auf den wichtigsten Strassen der Agglomeration Biel um bis zu 40 Prozent daneben lagen. Das prophezeite Verkehrschaos blieb aus. Besonders peinlich: Eine zentrale Zahl aus der ersten Fassung des Berichts musste das Astra korrigieren, weil eine automatische Zählstelle auf dem neuen Ostast nicht richtig funktionierte, ohne dass dies beim Bundesamt jemand bemerkt hätte (1).

Absolute Voraussagen sind «Glückstreffer»

Prognosen im Verkehrsbereich seien halt generell schwierig, sagte Christian Hänggi vom beratenden Ingenieurbüro Transitec an der gestrigen Medienkonferenz in Biel – und bestätigte indirekt den Bericht auf Infosperber: «Modelle sind immer Hypothesen – ein Versuch abzuschätzen, wie sich der Verkehr entwickeln könnte.» Exakte Voraussagen für die Verkehrsentwicklung bis 2030 oder gar 2040 wären «reine Glückstreffer». Niemand wisse, ob und wie sich selbstfahrende Fahrzeuge dereinst durchsetzen könnten. Dumm nur, dass der Kanton und die Pro-Komitees in allen PR-Schriften für beide Zeiträume Prognosen in absoluten Zahlen abgeben. Ihre gesamte Argumentation basiert also auf einer äusserst labilen Datenbasis.

Ob die Ereignisse dieser Woche die hohen Herren beim Astra und in der Baudirektion zum Umdenken bringen? Fraglich. Noch am Montag, nach Bekanntgabe der Umfrageresultate, haben sie an einem geschlossenen Treffen der Bieler Wirtschaft Durchhalteparolen ausgegeben und eine neue, teure PR-Kampagne lanciert: Man muss es dem tumben Volk nur richtig erklären, dann wird das schon!

Und der Berner Baudirektor Christoph Neuhaus verspricht zwar seit Mai unermüdlich, er wolle einen Dialog mit den Kritikern seines Projekts führen – organisierte aber stattdessen mehrere Lobbying-Veranstaltungen für die regionalen Entscheidungsträger ohne Beteiligung der Gegner.

Man wird ihn an seinen Taten messen.
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FUSSNOTE:
(1) Den neuen Ostast nutzen demnach 35’100 statt 26’700 Autos pro Tag.

Zum Infosperber-Dossier:

Auto oder Bahn: Wer zahlt Defizite?

Bundesrätin Doris Leuthard will Pendler etwas zur Kasse bitten. Wer subventioniert wen?

2 Meinungen

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    am 20.Nov.2018 um 9:56 pm
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    Interessant, wieviele Parallelen zwischen diesem in Biel geplanten und einem in Freiburg bereits realisierten Strassenbauprojekt (Poyabrücke) zu Tage treten.
    Was in Biel die (vermutlich zweckorientierten) falschen Prognosen bezüglich Verkehrsentwicklung sind, waren es in Freiburg manipulierte Verkehrszählungen, um auf «administrativem Weg» das vorgegebene Ziel doch noch irgendwie zu erschummeln, das auf der Strasse meilenweit verfehlt worden war.
    Und wie Christoph Neuhaus in Biel hat sein freiburger Amtskollege Jean-François Steiert im Februar 2017 ebenfalls den Dialog mit den Kritikern und «volle Transparenz» versprochen. Auch in Freiburg blieb es beim Versprechen.

    Wo sich die beiden Bilingue-Städte jedoch unterscheiden: Währenddem es in Biel möglich ist, 5000 Leute auf die Strasse zu bringen, sind die Freiburger zwar auch dort, sitzen jedoch in ihrem geliebten Auto und beklagen sich über die Staus.

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    am 17.Nov.2018 um 11:16 am
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    Von Catherine Duttweiler, deren Darstellung von Bundesrätin Elisabeth Kopp mir noch positiv in Erinnerung bleibt – sie war doch die Autorin? – habe ich schon länger nichts mehr gelesen. Aus meiner Sicht sind Lokaljournalismus wie nicht zu vergessen Lokalhistorie auf vergleichsweise qualifizierte Weise überprüfbar und oft insgesamt glaubwürdiger als sagen wir mal Berichterstattungen über China, Russland und Trump, obwohl auch dies bei Infosperber meist noch klar über dem Durchschnitt bleibt. Vom Lokaljournalismus, dem schon vor mehr als 40 Jahren Christian Müller in Baden eine neue Qualität zu geben wusste – biographischer Hintergrund meiner Wertschätzung – kriegte ich als Redaktor beim katholischen Aargauer Volksblatt seinerzeit eine Ahnung. Es war leichter zu schreiben «Nixon ist ein gewöhnlicher Gauner» als über Lokalgrössen oder gar Aktienbesitzer der die Zeitung herausgebenden Buchdruckerei wenigstens zwischen den Zeilen kritisch zu schreiben. Zu den heutigen Infosperber-Mitarbeitern, die diese Verhältnisse intim kannten, gehörte auch Daniel Goldstein.

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