Bosheit unter dem Hammer der Geschwindigkeit

Katja Brunners «Den Schlächtern ist kalt oder Ohlalahelvetia» kreist rund um die Gegenwart und die Vergangenheit der Schweiz.

Die Zeiten ändern sich unter dem Einfluss der epochalen Veränderungen durch Informatik und Vernetzung rasant. Eine Modernisierung ist im Gang, die in ihren gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Auswirkungen die Industrialisierung in den Schatten stellen dürfte. In den sich beschleunigenden Zeiten besteht der Bedarf nach Orientierung und so auch der Versuch, die Veränderungen zu verorten. Ändert sich alles? Oder bleibt alles wie es ist?

Kultur kann hier ein Spielfeld sein, an dem sich mögliche Konturen auch für die Zukunft herauslesen lassen, sie ist zumindest ein Seismograph für unterschwellige Entwicklungen. Ein Teil dieses Laboratoriums ist das Theater – vor allem dann, wenn sich junge Autorinnen und Autoren mit möglichen Perspektiven, beziehungsweise einer Analyse der Gegenwart beschäftigen, die zugleich über das Jetzt hinausweist.

Im sanften Tonfall in eine absurde Brutalität

Jüngsthin unternahm die Dramatikerin Katja Brunner den Versuch einer Annäherung an die Geschichte und Gegenwart der Situation in der Schweiz: Der Titel des Stücks, das im Keller des Schauspielhaus Zürich aufgeführt wurde, «Den Schlächtern ist kalt oder Ohlalahelvetia» kreist rund um die Gegenwart und die Vergangenheit der Schweiz, oszillierend um die Sehnsucht nach frivoler Naivität und Leichtigkeit.

Aber dieses Schweben wird immer wieder von leicht dahingeworfenen Bildern mit einer hinterhältigen Bösartigkeit durchkreuzt. Es ist ein fortlaufender Strang an Geschichten, die plötzlich im sanften Tonfall in eine absurde Brutalität kippen. Auch die behagliche Schweiz wird so angedockt an das Lebensgefühl der «Game of Thrones» mit ihren monströsen Gewaltphantasien.

So etwa in den Erzählungen der vergewaltigten Frau, die ihre Erlebnisse mit der Aussage ihres Vergewaltigers krönt: Du wirst nicht ungeschoren davon kommen – als ob die Vergewaltigung erst ein Vorspiel war. Oder auch: Jedes Huhn wird einmal gerupft. Kehrt hier die Idee des «Grand Guignol» zurück, des blutigen französischen Theaters, das unter dem Titel «Das Vergnügen, tausend (verschiedene) Tode zu sterben» dem Tode seinen Schrecken nehmen will und ihn in seiner Überhöhung zu bannen versucht? Dies jetzt unter dem Titel der Vergewaltigung?

Auf den Gräbern eines ehemaligen jüdischen Friedhofs

Eingestreut wird in die Geschichte der Schweiz ein weiter Bogen: Von den Absurditäten der Bührleschen Kunstsammlung und ihrer Finanzierung aus dem braun-faschistischen Sumpf, die auf den Gräbern eines ehemaligen jüdischen Friedhofs zelebriert wird, bis hin zu den Verdingkinder-Geschichten, die eine absolute Gewalt über Aufwachsende symbolisieren. Das alles unter dem Firnis der gemütlichen, behäbigen und vordergründig sozialen Schweiz. Manchmal hätte ich mir mehr Verweilen bei einzelnen Aspekten gewünscht, dass sie vertieft worden wären.

Aber letztlich überschwemmt der ganze Wust an Assoziationen, zeitgenössischen Bezügen den Zuschauer in seiner Fülle, was man sich ja allenthalben gewohnt ist. Doch die Inszenierung erhöht noch die Geschwindigkeit der Bilderfolge. Zumindest in der ersten Szene wird die Widersprüchlichkeit noch zugespitzt. Bühnenbild, Kostüme und Wortbilder laufen sich – was die Inszenierung verwirrend macht – entgegen. Die Schauspieler treten in barocken Kleidern auf.

Angesichts des Drecks unter dem Teppich

Durch die Geschwindigkeit, mit der die Wortbilder und Anspielungen am Beschauer vorbeiziehen, wird letztlich alles gleicher. Die Konturen verwischen sich. Die Geschichten gleichen sich an und bilden einen gleichmässig reissenden Fluss. Die Geschwindigkeit vernebelt Klarheit, lässt die absurden Brutalitäten zu schnell dahingeworfenen Intermezzi werden, gewissermassen zu Ereignissen ausserhalb der Standardabweichung.

So ähneln sich die vorbeiziehenden Bilder zunehmend, werden zum Teil einer grossen Masse, einer statistisch-mathematischen Beschreibung eines Stroms, auf dem sich – so der Wunsch einer der Protagonistinnen – schweben lässt. Endlich alles abschütteln, sich treiben lassen. Die Geschwindigkeit der Bilderwelt wirkt wie eine Entschuldung angesichts des Drecks unter dem Teppich. Geschwindigkeit als Möglichkeit der Geschichtslosigkeit.

Es ist nicht der Wunsch nach einer grössenwahnsinnigen Weltverbesserung, der Rebellion, der sich hier ausdrückt, sondern die Sehnsucht nach Konturlosigkeit, nach schuldlosem, gefälligem Dasein. Oder wie es eine der Protagonistinnen ausdrückt: Sie wollte, sie wäre als ein Einkaufsgutschein auf die Welt gekommen. Aber: Die Feder, die eine der Protagonistinnen als Hühnerrupferin von der fleischlichen Masse des Tieres befreit hat, wird in einem Sarg über den Platz getragen. Das leichte Schweben wird buchstäblich eingesargt.

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