Köpfe her! – Wie Personen das mediale Weltbild prägen

Der Gang der globalen und nationalen Dinge wird zunehmend personalisiert. Zum tagesaktuellen Beispiel eine 30jährige Analyse.

Andreas Meyer, Michael Lauber und Boris Johnson – diese drei Personen dominieren heute Donnerstag den Inhalt der Schweizer Medien. Zum Beispiel im Weltblatt NZZ, das auf Seite 1 folgende drei Titel setzte: „SBB-Chef Meyer verlässt Führerstand“, „Lauber soll sein Amt aufgeben“, „Das Unterhaus stoppt Johnson“. Als Leser könnte man meinen, der Gang der nationalen und globalen Politik, Gesellschaft und Wirtschaft hänge primär von diesen drei Männern ab.

Gewiss, die Abstimmung im britischen Unterhaus, die gestern mit einer Niederlage von Premierminister Boris Johnson endete, ist von Belang innerhalb der unendlichen Geschichte um den Austritt Grossbritanniens aus der EU. Aber gab es sonst auf der Welt und in der Schweiz gestern nichts Wichtigeres als die Ankündigung des gelegentlichen Rücktritts von Bahn-Direktor Andreas Meyer? Oder den Entscheid einer vorberatenden Parlamentskommission, den amtierenden Bundesanwalt Michael Lauber nicht zur Wiederwahl vorzuschlagen?

Hängt es denn von Meyer ab, ob täglich 1,3 Millionen Bahnpassagiere in der Schweiz sicher und pünktlich ans Ziel kommen? Bestimmt denn Greta Thunberg, ob die Menschheit fähig ist, den durch ihre Zivilisation beeinflussten globalen Klimawandel zu begrenzen? Entscheiden nicht viel mehr Bevölkerungsentwicklung, ökonomische Systemzwänge, Machtinteressen oder politische Prioritäten über das Wohl und Weh der Menschheit?

Der Trend zur zunehmenden Personalisierung von Politik und Wirtschaft ist so alt wie die Medien. Aber er verfälscht meiner Ansicht nach die Wirklichkeit. Denn in einer Welt, die tendenziell komplexer wird, mit Systemen, deren Mechanismen sich immer weniger gut durchschauen und steuern lassen – in dieser Welt schwindet der Einfluss der einzelnen Personen. Über diese meine alte These sinnierte ich wiederholt, etwa im folgenden, 30 Jahre alten Text:

Köpfe her!

„Liesse sich das nicht personalisieren?“, fragen Redaktorinnen und Redaktoren von Zeitschriften jeweils, wenn sich Mitarbeiter anerbieten, für sie ein trockenes Sach-Thema abzuhandeln. Klar, es sind die Menschen, welche die Menschen interessieren. Wobei es dann doch nicht um das Menschsein an sich geht – und auch nicht um die Bedingungen, die das menschliche Dasein bestimmen –, sondern um Personen, die irgendwie prominent sind oder dazu gemacht werden. Köpfe her!

„Wären Sie gerne Bundesrat?“, fragt zum Beispiel das Magazin „Bonus 24“ im Titel und versammelt darunter die Köpfe und Antworten von Ländlerkönig Wysel Gyr bis zur Sexberaterin Marta Emmenegger. Das kommt an. Mit dem Smal talk der menschgemachten Prominenz lässt sich das bunte Heftchen besser verkaufen als mit einem abstrakten Bericht etwa über das Ozonloch, welches das menschliche Leben wirklich beeinflusst.

Was aber würde sich ändern, wenn die „Blick-Marta“ oder der Komiker Walter Roderer tatsächlich Bundesrätin oder Bundesrat würden anstelle von Stumpenraucher Kaspar Villiger zum Beispiel oder von Pfeifenraucher Otto Stich? Wahrscheinlich wenig. Und das ist der Punkt: In unseren politischen und wirtschaftlichen Systemen dominiert immer häufiger die Eigendynamik eben dieser Systeme. Während die Medien die Politik zunehmend personalisieren und individualisieren, verlieren in Wirklichkeit die einzelnen Personen an Einfluss. Die Personalisierung verfälscht die Realität.

Einverstanden, Bundesrat Adolf Ogi als Person reist von Konferenz zu Konferenz, um die Haltung der Schweiz im Güterverkehr zu begründen. Doch die Antwort auf die Frage, wie viele Güter wie durch die Schweiz oder um sie herum verschoben werden, hängt letztlich von wirtschaftlichen Bedingungen ab, etwa vom Lohngefälle zwischen den einzelnen (Produzenten-)Ländern in der EG oder von der durch Werbung gesteuerten Nachfrage. Oder Bundesrat Flavio Cotti weibelt, um unsere Abfallproduktion zu bremsen. Doch solange Gesetze und Mechanismen des Marktes es den einen erlauben, an der Herstellung von Wegwerfpackungen zu verdienen und gleichzeitig den andern (oder den gleichen) den Profit aus der Vernichtung von Wegwerfpackungen sichern, solange wird der Abfallberg trotz Cotti weiter wachsen.

Selbst wenn ein – als Person fassbarer – Wirtschaftsminister langfristig dächte, hätte dieses langfristige Denken wenig Chancen gegenüber einem Wirtschaftssystem, in dem die Amortisations-Fristen tendenziell kürzer werden. Oder um Grundsätzliches nochmals zu personalisieren: Die erfolgreichste Kopp-Jagd kann die Anreize zum Waschen von schmutzigem Geld und mithin die reale Geldwäscherei nicht aus der Schweiz schaffen. Es fehlt heute – und dem hat der Personenkult Vorschub geleistet – an politischen Konzepten, um den wirtschaftlichen Systemzwängen entgegenzutreten.

Zum Infosperber-Dossier:

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2 Meinungen

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    am 16.Sep.2019 um 5:15 pm
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    Danke für den guten Artikel zum interessanten Thema.

    Für mich sind das alles Bilder von leeren Hülsen ohne echte Persönlichkeiten dahinter welche uns mithilfe ihren riesigen PR-Agenturen etwas verkaufen wollen. Effektiv arbeiten sie an ihrem eigenen Aufstieg und zugunsten derer die ihre teuren PR-Agenturen und Anwälte bezahlen.
    Auf einen korrupten Bundesanwalt Lauber wird der nächste korrupte Bundesanwalt folgen…
    Die Kernaufgabe eines Schweizer Bundesanwaltes ist es die Wirtschaftselite vor Strafverfolgung mittels der Verjährung zu schützen. Das hat auch schon Rorschacher erfolgreich geschafft.
    Warum Wirtschaftskriminalität in diesem Land nicht verfolgt wird und wer dafür im Hintergrund sorgt, werden wir leider nie erfahren.

    Selbst wenn Bundesratswahlen sind fragen die Journalisten immer nur private Dinge; z.B. wer hat ein Haustier? Wer spielt ein Instrument?
    Nur keine politischen Fragen! Das würde die PR-Agentur schnell verbieten!

    Die Slogans der lokalen Politiker sind genauso peinliche Worthülsen, es ist nicht mal möglich mit viel Goodwill Inhalt rein zu interpretieren.

    @Marocco, vielleicht ist es ja Negativauslese gemäss dem «Peter-Prinzip"?
    Schneider Ammann hat sicher gut geheiratet und beim Appenzeller HR Merz würde nicht mal eine Doktorarbeit ergründen können warum er Bundesrat wurde.
    Ich glaube ein Bundesrat ist der kleinste gemeinsame Nenner der Parteien.

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    am 6.Sep.2019 um 1:36 pm
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    Ich sehe Konterfeis. Ich kann nicht in deren Köpfe schauen. Ich sehe und höre nur, welche Resultate die Aktivitäten dieser drei hier zur Schau gestellten Fotos gebracht haben. Völlig unterschiedliche, politisch, wirtschaftlich und juristisch absolut
    von einander getrennte Effekte. Da gab es mal psycho-physiognomische Kurse
    nach Carl Huters Lehre – pseudowissenschaftlich, aber trotzdem – die ich besucht
    habe und beim besten Willen in diesen Gesichtern keinen Satan oder sonstiges
    angeborenes Negativpotenzial erkennen kann. Sind es möglicherweise Leute, die aufgrund des jeweiligen soziologischen Staatsbestandes noch oben geschwemmt worden sind und einen Erkenntnisgrad bezüglich grösserer Zusammenhänge nie erreicht haben? Kompetenzüberschreitung mit Hilfe vom Establishment und der Basis?

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