Erinnerungen an ein Syrien vor dem Krieg

Noch 2009 war Syrien ein ruhiges, sehr multikulturelles und interessantes Land. Dann «kam» der Krieg – von Jordanien herauf.

Anfang April 2009 war Syrien noch nicht als «Hölle auf Erden» in allen Schlagzeilen. Das fast 200‘000 Quadratkilometer grosse Land zwischen dem Mittelmeer im Westen und dem Euphrat im Osten mit seinen rund 20 Millionen Einwohnern hatte damals fast ein wenig Vorbildcharakter: ein strikt laizistischer Staat mit mehreren Religionen, die «multikulturell» mit- und nebeneinander lebten. Eher düster war hingegen die politische Situation und die Lage der Menschenrechte: Die Baath-Partei, kontrolliert von der Diktatoren-Familie der Assads hatte das Land fest im Griff. Hatte in der Vergangenheit auch schon Aufstände muslimischer Extremisten gegen die in der Verfassung verbriefte Religionsfreiheit brutal niedergeschlagen. In der schönen Stadt Hama (mit ihren historischen Wasserschöpfrädern) 1982 etwa – mit mehreren tausend Toten als Folge.
Locker im Westen, verhüllt im Osten
Derlei war 2009 während einer Studienreise kreuz und quer durch dieses interessante Land, in dem es von Weltkultur-Erbschaften nur so wimmelt, ein Thema. Und die Diskrepanzen und die Spannungen im Land waren auch da schon unübersehbar: Junge Menschen von der syrischen Westküste nördlich des Libanon etwa, die wir beim Kloster Mar Sarkis (Klause der heiligen Thekla) trafen, zeigten sich ebenso offen, unbeschwert und unversehrt (von den Gräueltaten des nun in Mainstream-Medien permanent verteufelten «Terror-Regimes in Damaskus»), wie Jugendliche in Portugal oder Spanien. Auch nährten sie weder mit «Taliban-Bärten» noch mit «Haar-Scham-Kopftüchern» den Verdacht auf religiösen Extremismus.

Gut gelaunte Jugendliche aus Westsyrien in Mar Sarkis im April 2009 (Bild: Niklaus Ramseyer)
Eher gut gelaunten Syrerinnen und Syrern konnte man auch in Damaskus begegnen. Oder im Krak des Chevaliers, einer riesigen, rekonstruierten Kreuzritterburg, in der es von einheimischen Schulklassen und Touristen nur so wimmelte. Doch schon in Homs oder in Aleppo tauchten die ersten schwarz vermummten Frauen auf, von Kopf bis Fuss verhüllt und kommunikativ verstümmelt. Und je weiter die Reise nach Osten gegen die Grenze zum Irak vorankam, desto abweisender und gedrückter wurde die Stimmung zwischen Touristen und Bevölkerung. Ausser etwa bei der kleinen Minderheit der ArmenierInnen im Nordosten; oder bei den Drusen und Aramäern im Südwesten des kargen Landes.

Schwarz vermummte Frauen und gedrückte Stimmung in Aleppo. (Bild: Niklaus Ramseyer)
Auch die grossen Diskrepanzen in Sachen Wohlstand zwischen den Städten und ländlichen Gegenden fielen auf. Doch krasse Armut, wie in Afrika oder Mittelamerika etwa, sah man in Syrien nicht.
Eindrückliche Kulturdenkmäler
Dass ein derart kontradiktorisches Land überhaupt zusammenbleiben konnte, erstaunte und beeindruckte sogar Schweizerinnen und Schweizer. Noch eindrücklicher waren die teils jahrtausendealten Kulturdenkmäler. Steinerne Zeugen von der Urzeit (im Osten am Euphrat) über die Phase der Römer-Herrschaft bis zu den Kreuzritterburgen.

Eindrückliche Kulturdenkmäler in Palmyra. (Bild: Niklaus Ramseyer)
Man sah aber auch modernere Bauwerke, wie etwa der Assad-Staudamm im Osten oder eher DDR- und Sowjet-mässig anmutende Bauten in den Städten. Dass das grösste und besterhaltene römische Theater der Welt in Bosra im Süden von Damaskus steht, wissen die wenigsten der nun rasant ins Kraut schiessenden «Syrien-Kenner». Es ist sehr eindrücklich!
Dieses Syrien hatte mit einem Rechtsstaat europäischen Zuschnitts, mit den entsprechenden Menschen- und Frauenrechten, oder gar mit einer (direkten!) Demokratie wenig zu tun, das war damals schon klar und offensichtlich. Nur war und ist das in dieser Weltgegend nichts Aussergewöhnliches. Und es wäre etwa für eine Frau, trotz zunehmendem Druck islamistischer Extremisten auf Syriens Zivilgesellschaft, keine Frage gewesen, ob sie lieber in Syrien oder in Saudi-Arabien leben möchte.
«Take down governments, take out countries»
Dass Teile dieses eindrücklichen Landes keine zehn Jahre später zerstört sein würden, konnte man damals noch nicht ahnen. Dabei hatten Generäle im fernen Washington heimlich längst beschlossen, man könnte da drüben «mit gutem Militär» doch «take down governments» (Regierungen runter nehmen) und «take out countries» (Länder ausschalten). Im Irak und in Libyen etwa. Oder eben auch in Syrien. Alles Länder, die punkto Menschen- und Frauenrechte oder Rechtsstaatlichkeit sicher sehr rückständig waren. Aber bestimmt fortschrittlicher als etwa Saudi-Arabien. Nur sind die Saudis halt eben «Friends of the US». Wo hingegen der US-Botschafter (falls es überhaupt einen gab) in den erwähnten «take-out-countries» wenig bis nichts zu sagen hatte. Ein damaliger US-General (Wesley Clark) berichtet später über die US-Umsturz-Pläne «da drüben» offen und glaubwürdig.
Clarks Bericht zeigt, dass Vorbereitungen für den von aussen geplanten «Regime-Change» in Damaskus unter US-Regie schon lange vor 2011 angelaufen waren. In Jordanien 2009 ganz konkret, als es im nördlichen Nachbarland Syrien noch recht friedlich und ruhig war. Fest steht: US-Army-Engineers hatten bei Amman ab 2005 ein Trainingszentrum für die Ausbildung von «Spezialtruppen» auch für «irregular warfare tactics» (ireguläre Kriegs-Taktik) aufgebaut.
Darüber informierte Leute wundert es denn auch kaum, dass die syrischen «Aufstände» gegen das Regime in Damaskus im Frühjahr 2011 ausgerechnet an der Südgrenze Syriens zu Jordanien anfingen – in der Stadt Daraa. Zwei Jahre zuvor (2009) war das neue US-Center für «irregular warfare» keine 100 Kilometer südlich davon in Amman «operational» geworden. Das Gemetzel konnte beginnen.
Wiederaufbau läuft – ohne den «Westen»
Der Rest ist leider nicht schnell erzählt. Sieben Jahre dauert der schlimme Krieg nun schon. Aber es ist offensichtlich, dass der in Washington geplante «Türk»(!) gegen Syrien grässlich misslungen ist: Das Assad-Regime ist in Damaskus weiter fest im Sattel. Teile des eindrücklichen Landes sind zwar zerstört, aber die von Osten eingefallenen Islamisten-Horden sind weitgehend vertrieben. Und der Wiederaufbau läuft. Im Weltkulturerbe Palmyra wie auch in Aleppo.
Gerade ins stark beschädigte Aleppo kehren nun mehr und mehr der vertriebenen und geflüchteten Menschen zurück. Mehrere Millionen (die meisten) der zivilen Opfer der Katastrophe waren ja in Syrien geblieben und aus Kriegsgebieten in sicherere Gegenden ausgewichen.


Syrisches Kleinkraftwerk: Einzylinder-Dieselmotor treibt einen Strom-Generator an. (Bild: Niklaus Ramseyer)
Beim Wiederaufbau helfen vorab chinesische, indische oder russische Kreditgeber und Firmen. Der «Westen», der mit seiner «Führungsmacht» USA für die Zerstörungen mit verantwortlich ist, gibt sich hingegen knausrig. Mehr noch: Westliche Machthaber lassen ihren «Nato-Partner» Erdogan nun mit deutschen Leopard-2-Panzern jene mutigen kurdischen Truppen und Städte in Nord-Syrien zusammenschlagen, die wesentlich dazu beigetragen haben, den islamistisch-extremistischen Horror in Syrien und Irak («Islamischer Staat») zu beenden.
Zu hoffen ist dennoch, dass ein paar der Polit-Grössen von Berlin über Paris bis Washington nach den grässlichen Fiaskos in Vietnam, Afghanistan, Irak und weiteren zerstörten Staaten – und nun vor allem nach dem Syrien-Horror – endlich merken, dass ihr «good military» in so weit entfernten Gegenden, über die sie meist nichts wissen, auch nichts verloren hat. So sicher ist das indes nicht. US-General Clark berichtet: Auf seine Frage, warum denn das «good military» der US-Regierung in weit entfernten Weltgegenden «Regierungen stürzen» sollte, habe ihm sein Vierstern-Kollege geantwortet: «Weiss auch nicht. Vielleicht, weil sie nicht wissen, was sie sonst tun sollen.»

3 Meinungen

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    am 15.Mrz.2018 um 1:35 pm
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    Wesley Clark hat den Ursprung aller Kriege der letzten Jahre offengelegt Sehr guter, informativer Artikel. Alle gottverdammten Kriegstreiber und ignorante Politiker müssten ihn auswendig lernen.

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    am 14.Mrz.2018 um 2:56 pm
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    Besten Dank für diesen Beitrag. Er entspricht unseren Erfahrungen vor Ort von 2010. Wir waren damals beeindruckt davon, dass Syrien französisch als lingua-franca weitgehend durch englisch ersetzt hatte, aber der Versuchung durch Mc-Donalds und KFC nicht erlegen war (im Gegensatz zu Amman in Jordanien).

    Dass die ehemaligen Kolonialherren Frankreich generved, die möchtegerne Kolonialherren US sich vor den Kopf gestossen fühlten, war aus unserer «informierten» Turistenerkenntnis evident. (Ich hatte immerhin den Mittleren Osten als Spezialgebiet meines Lizenziatsstudiums).

    Dass Frankreich und die US Syrien für Vergehen gegen das Gas-Verbot bombardieren wollen und Th. May gerade jetzt Gas auch im Fall Salisbury als «casus-delicti» identifiziert hat System.

    So tief war Europa seit der Attacke der Franken auf Antiochia nicht mehr gefallen. Erklärt das das grosse Schweigen gegen den völkerrrechtlich total inakzeptablen Krieg der Türken in Afrin ?

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    am 14.Mrz.2018 um 12:44 pm
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    @ Redaktions Team Sperber,
    Sie sind die ersten mit den Artikel Syrien, der einen Wahrheitsgehalt hat, und uns über den Zustand von Syrien informiert.
    Vielen Dank dafür. MfG Werner Kämtner

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