Geheimes Gipfeltreffen in Peking

Klammheimlich hat der nordkoreanische Machthaber Kim Jong-un Chinas Staatschef Xi Jinping in Peking besucht. Was steckt dahinter?

Tagelang spekulierten Nordkorea-Experten, ob Nordkoreas junger Marschall Kim im dunkelgrünen, gepanzerten Sonderzug tatsächlich in Richtung der chinesischen Hauptstadt unterwegs war. Japanische Medien zeigten Videos und Fotos, auf denen der Zug auf der sino-nordkoreanischen Freundschaftsbrücke zwischen dem nordkoreanischen Sinuiju und dem chinesischen Dandong hinter Abschirm-Wänden knapp zu sehen war. Später wurden weltweit Fotos publiziert, auf denen eine Ehrengarde am Pekinger Bahnhof sowie eine aussergewöhnlich grosse Polizei-Eskorte mit einer Kolonne von schwarzen Luxuslimousinen Richtung Staatsgästehaus Diaoyutai im Westen von Peking zu sehen waren.
Empfang ohne Flaggenschmuck
Die Nordkorea-Pundits blickten tief in ihre Teeblätter und schlossen haarscharf, dass Kim tatsächlich in Peking weilte. Dem Durchschnitts-Pekinger jedenfalls fiel sofort auf, dass wohl wegen der extremen Sicherheitsvorkehrungen ein Staatsbesuch unterwegs war. Normalerweise aber sind bei solchen Gelegenheiten die Hauptstrassen mit den Flaggen des Besucherstaates geschmückt. Doch diesmal fehlte der Flaggenschmuck.
Die Geschichte wiederholt sich zwar bekanntermassen nicht, in diesem Fall jedoch trifft das wenigstens in kleinen Details zu. Nordkoreas Führer reiste wie sein Vater und sein Grossvater bequem im gepanzerten Zug in zwölf Stunden die 1100 Kilometer lange Strecke von Pjöngjang nach Peking. Bei Kims Vater Kim Jong-il hiess es jeweils zur Begründung, er leide an Flugangst. Doch bei Kim Junior dürfte das wohl nicht der Fall sein, reiste er doch als Kind eher im Flugzeug als mit der Eisenbahn zum Beispiel in die Schweiz nach Bern. Doch mit seiner jetzigen Zugreise setzt er auf dynastische Kontinuität.
«So eng wie Lippen und Zähne»
Kim Jong-uns dreitägiger Aufenthalt in Peking war seine erste Auslandreise seit Machtantritt nach dem Tode seines Vaters Kim Jong-il im Jahr 2011. Vater Kim war übrigens der letzte Führer Nordkoreas, der China besuchte; das war im Mai 2010. Seit dem Machtantritt von Sohn Kim verschlechterten sich die sino-nordkoreanischen Beziehungen fortlaufend. Nach dem Koreakrieg (1950-53), als Mao Dsedong mit einer Million «Freiwilligen» Nordkorea vor dem Kollaps rettete, war die Freundschaft zwischen beiden Ländern «so eng wie Lippen und Zähne».
Doch bereits beim ersten A-Bombenversuch 2006 begannen sich die Beziehungen zu trüben. Mit Beginn der Herrschaft von Kim Jong-un kam die Freundschaft fast zum Erliegen. Der junge Marschall testete in immer schnellerer Folge Raketen und A-Bomben. Das war selbst für China und insbesondere für Partei-, Militär- und Staatschef Xi Jinping zu viel. China schloss sich den internationalen Sanktionen der UNO an. Doch Kim Jong-un liess sich nicht einschüchtern. So liess er zum Beispiel seinen Onkel Jang Song-taek liquidieren, dem enge Beziehungen zu Peking nachgesagt wurden.
«Erfolgreiche Gespräche»
Wie bereits beim zunächst geheimen Besuch von Kim Jong-il im Jahr 2010 brachen auch diesmal die parteilichen Medien beider Staaten das Geheimnis und bestätigten den Besuch. China informierte US-Präsident Trump über das Treffen. Wie bei solchen Gelegenheiten üblich, nahm Xi Jinping laut der amtlichen Nachrichtenagentur «Neues China» (Xinhua) eine Einladung Kims für einen Gegenbesuch in Nordkorea an. Kim verstand sich in Peking offenbar gut mit Xi. Er habe, so wird er zitiert, mit Xi «erfolgreiche Gespräche» geführt zur Entwicklung der gegenseitigen Beziehungen und zum «Erhalt von Frieden und Stabilität auf der koreanischen Halbinsel».
Zur «Denuklearisierung verpflichtet»
Kim habe sich laut Xinhua bei Xi Jinping auch zur Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel verpflichtet. «Das Thema der Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel kann gelöst werden», zitiert Xinhua Marschall Kim, «wenn Südkorea und die USA mit gutem Willen auf unsere Bemühungen reagieren, eine Atmosphäre des Friedens und der Stabilität schaffen und fortschrittliche und gleichzeitige Massnahmen für die Umsetzung von Frieden ergreifen». Kim bekräftigte seine Dialogbereitschaft mit den Vereinigten Staaten. Voraussichtlich im Mai wird er sich mit US-Präsident Donald Trump zu direkten Gesprächen treffen.
China ist nach wie vor der einzige einigermassen Verbündete von Nordkorea. Die marode Wirtschaft Nordkoreas ist zu satten 90 Prozent abhängig vom mächtigen Nachbarn. Mit dem Besuch Kim Jong-uns in Peking macht China zweierlei klar: Zum einen will Chinas inzwischen erstarkter Staats- und Parteichef Xi Jinping die Beziehungen zum renitenten Nachbarn verbessern, zu chinesischen Bedingungen natürlich. Zum andern geht in der Nordkorea-Frage – so die Botschaft aus Peking – ohne China gar nichts. Das ging in den vergangenen Wochen offensichtlich vielerorts – interessanterweise aber nicht in Washington – vergessen.
China gibt den Ton an
Die Initiative ergriff Kim Jong-un an den Olympischen Spielen im südkoreanischen Pyeongchang. Für April wurden Gespräche mit Südkoreas Präsident Moon Jae-in an der Demarkationslinie auf der südlichen Seite des Dorfes Panmunjun vereinbart und für Ende Mai ein Gipfel mit US-Präsident Trump an einem noch nicht festgelegten Ort. Von China war da nicht mehr die Rede. Das hat sich nun mit dem Besuch Kims in Peking geändert. Die Bilder des chinesischen Fernsehens sprechen Bände. In der Berichterstattung über die «erfolgreichen Gespräche» gibt eindeutig und unübersehbar Xi Jinping den Ton an. Meist nickt der junge General Kim Jong-un zustimmend mit dem Kopf.
Die Monate April und Mai mit den Gipfeltreffen Kim-Moon und Kim-Trump werden zeigen, wie wahrscheinlich ein Friede nach über sechs Jahrzehnten extremer Feindschaft und zermürbendem Misstrauen zwischen Nordkorea und Amerika sein wird. Unterdessen blicken die Nordkorea-Experten tief in die Teeblätter und spekulieren bereits darüber, ob der gepanzerte, dunkelgrüne Zug von Peking vielleicht nach Moskau weiterreisen wird …

Zum Infosperber-Dossier:

Das Nordkorea von Kim Jong-un

Nordkorea rüstet auf. Ein Grossteil des Volkes lebt im Elend. China fürchtet ein Chaos. Der Westen ist ratlos.

Eine Meinung zu

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    am 29.Mrz.2018 um 1:31 pm
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    Also, ein Staatschef fährt nach Peking, japanische Medien präsentieren den grünen Präsidenten-Zug (Nordkoreas Trainforce 1?) der Richtung Norden fährt, es findet am Ankunftsbahnhof ein Tschumtärätätä-Empfang statt, die Medien berichten seit drei Tagen über die Reise. Was bitte ist da geheim gewesen an dieser Sache? Wissen wir immer ganz genau, wo unser Chef gerade steckt?

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