Selbst luzide Geister können bei Äusserungen zum Zeitgeschehen danebenliegen. Ein Beispiel aus dem Jahr 1913.

Zeitanalysen mit hoher Absturzgefahr

Selbst luzide Geister können bei Äusserungen zum Zeitgeschehen danebenliegen. Ein Beispiel aus dem Jahr 1913.

Die Zeiten sind unsicher, viele Entwicklungen bedrohlich. Man weiss nicht so recht, ob die Welt nur mal tüchtig durchgeschüttelt wird und sich dann alles wieder einrenkt – oder ob doch vielleicht bald alles endgültig bachab geht. Jedenfalls sind die Zeiten so, dass uns Heerscharen von Journalistinnen, Intellektuellen, Schriftstellerinnen, Wissenschaftler und andere gescheite Leute erklären, was Sache ist und wie sich diese noch entwickeln könnte.

Ob all die vielen Zeitanalytikerinnen und Prognostiker mit ihren Interpretationen und Aussagen richtig liegen, kann man logischerweise erst später feststellen. Einiges wird sich als grobe Fehleinschätzung herausstellen, anderes als erstaunlich präzise Voraussage. Das war schon immer so. Im Dezember 1913 notierte der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig (1881-1942) in sein Tagebuch: «Eine wunderbare Unbesorgtheit ist über die Welt gekommen, denn was sollte den Aufstieg unterbrechen, was den Elan hemmen, der aus seinem eigenen Schwung immer neue Kräfte zieht? Nie war Europa stärker, reicher, schöner, nie glaubte es inniger an eine noch bessere Zukunft.» Das war, wie wir heute wissen, eine etwas zu optimistische Lagebeurteilung.

Ein Berufskollege Zweigs, der deutsche Schriftsteller Erich Mühsam (1878-1934), kam, ebenfalls im Dezember 1913, zu einem deutlich anderen Schluss: «Was in aller Welt unter dem Namen Politik vor sich ging, war der Niederschlag von Knechtsinn, Brutalität und Dummheit. Für Europa bedeutet das Jahr 1913 den Bankrott aller Staatskunst. Sie haben erreicht, dass die Kriegsangst in allen Ländern wirtschaftliche Verheerungen anrichtete, die schon nach dem Kriege selber schmeckten. Die ständig zunehmende Truppenpräsenz in allen Staaten muss ja einmal die Katastrophe des Weltkrieges herbeiführen.»* Es dauerte dann nur noch etwas mehr als ein halbes Jahr, bis es soweit war.

*Zitiert nach: Florian Illies: «1913: Was ich unbedingt noch erzählen wollte»; S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2018; 304 Seiten; CHF 26.90.

Eine Meinung zu

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    am 8.Feb.2019 um 8:38 pm
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    Ist das gegen die Jugend u. die Klimasenioren gerichtet, mit ihrem -Friday for Future- und dem gemeinsamen -üsi Zukunft- gerichtet ?
    Was aus dem fossilen Big Business als arglistige Täuschungen kommt und sich seuchenartig verbreitet, ist in keinster Weise eine Zeitanalyse.

    Es ist ein verbreiteter Denkfehler, dass sich ein schöner guter, bewährter Trend doch automatisch fortsetzen müsste. Stefan Zweig hätte sich ernsthaft und nicht nur rhetorisch fragen sollen, was den Trend brechen kann.

    Umso systematischer u. methodischer eine Analyse der herrschenden Verhältnisse u. Prozesse ist, desto wahrscheinlicher wird die Richtung -wesentliche- Veränderungen zutreffend vorhergesagt, aber nicht im Detail. Erst wenn nach der Analyse -völlig- unerwartete, -völlig- zufällige Ereignisse eintreten, gibt es mehr od. weniger starke Abweichungen von der Vorhersage.

    Nicht mit heutigem Wissen, sondern mit meinem Anaylesevermögen ist die Aussage von Mühsam als viel relevanter erkannt.

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