Jede Woche vier Tote: Umweltaktivisten leben gefährlich

2017 war das bisher tödlichste Jahr für Aktivisten weltweit. Die meisten Toten gab es in Zusammenhang mit der Agrarindustrie.

Sie werden bedroht, eingeschüchtert, belästigt, angegriffen und vertrieben. Und nicht selten gibt es auch Tote. 2017 war das bisher tödlichste Jahr für Menschen, die ihr Land oder ihre unmittelbare Umwelt gegen Übergriffe verteidigt oder friedlich dagegen protestiert haben. 207 wurden dabei umgebracht. Das hat die Nichtregierungsorganisation «Global Witness» dokumentiert.

Die Agrarwirtschaft hat dabei erstmals den Bergbau als tödlichste Industrie abgelöst, schreibt «Global Witness» in dem Ende Juli 2018 veröffentlichten Report «At what cost?». Sei es im Zusammenhang mit Viehwirtschaft, beim Anbau von Ölpalmen, Baumwolle, Soja oder Zuckerrohr: Die Anzahl der Toten hat sich gegenüber 2016 verdoppelt.

Wer sind die Opfer?

Unter den Toten sind Menschen, die sich weigerten, ihr Land zu verlassen, Demonstranten, die mit friedlichen Mitteln gegen Landgrabbing oder dessen Folgen protestierten, aber auch Wildhüter in Nationalparks, die von Wilderern getötet wurden. Und, wen wundert’s, auch Journalisten, Anwälte und Mitarbeiter von Nichtregierungsorganisationen. «Defenders» (Verteidiger), wie «Global Witness» sie zusammenfassend nennt, leben gefährlich.


2017 wurden weltweit 207 Umweltaktivisten getötet. Die meisten in Verbindung mit Agrarprojekten, viele auch durch Wilderer (Poachers). Quelle: Global Witness

Die Autoren des Reports weisen darauf hin, dass die Zahlen aller Wahrscheinlichkeit nach noch höher liegen, da «Global Witness» nur jene Todesfälle gezählt hat, die sich zweifelsfrei verifizieren liessen, was nicht in allen bekannt gewordenen Fällen möglich ist. Der «Guardian», der mit «Global Witness» in diesem Projekt zusammenarbeitet und ebenfalls einzelne Fälle dokumentiert, zählte im vergangenen Jahr weltweit 197 Tote – fast vier pro Woche.

Wo getötet wurde und wer die Täter sind

Wo geschehen diese Morde? Die meisten in Ländern, in denen erst geschossen, dann gefragt wird, und in denen ein Menschenleben wenig zählt. Lateinamerika führt die Liste an. Allein in Brasilien starben 57 Personen, die meisten bei Landkonflikten im Amazonasgebiet. Das erste Massaker des Jahres fand im April 2017 im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso statt, wo neun Dorfbewohner, die sich gegen die Abholzung ihres Landes stellten, gefoltert und getötet wurden. Ein Holzexporteur ist angeklagt, die Morde befohlen zu haben. Der Report wurde vom brasilianischen Präsidenten Temer als «Fake News» bezeichnet.

Zu einer Anklage kommt es oft nicht. Sei es, weil die Täter zur Armee oder anderen staatlichen Sicherheitskräften gehören, von einflussreichen Akteuren beauftragt waren oder weil ihre Verbrechen nicht oder – oft gewollt – nur schleppend verfolgt werden. Die Täter müssen oftmals keine Strafe fürchten.


In diesen zehn Ländern starben 2017 am meisten Aktivisten. Quelle: Global Witness

Auf den Philippinen, wo Präsident Duterte seit 2016 im Zuge eines «War on Drugs» Selbstjustiz aktiv fördert, kamen 48 Menschen ums Leben. Beteiligt ist dort allzu oft die philippinische Armee. Wie in einem Angriff auf ein Dorf in der Nähe von Lake Sebu auf der Insel Mindanao Ende 2017. In dem Ort, der sich der Erweiterung einer Kaffeeplantage widersetzte, wurden mindestens acht Menschen getötet, fünf weitere verwundet, zehn gelten als vermisst, 200 Personen wurden vertrieben. Die Armee führte nach eigenen Angaben eine «Aktion gegen bewaffnete Rebellengruppen» durch.

Die Konsumenten sind mitschuldig

Hinter diesen Verbrechen stehen oft globale Unternehmen, die ihre Verantwortung nicht wahrnehmen, und daneben oft ein schwacher Staat, der die Rechte Einzelner nicht durchsetzen kann. Als weitere Ursachen hat «Global Witness» Korruption, ungeregelte Eigentumsverhältnisse der indigenen Bevölkerung und mangelnde Einhaltung der Menschenrechte ausgemacht. Betroffene werden oftmals nicht oder nicht ausreichend über ihre Rechte informiert. Dazu kommen in vielen Ländern Einschränkungen der Meinungsfreiheit wie etwa des Rechts auf Demonstrationen. Auch Repressionen gegenüber den Medien sind üblich.

Obwohl es in manchen Ländern wie Burkina Faso, Mali und Ecuador Verbesserungen gegeben habe, sei 2017 ein trauriges Rekordjahr, mahnt «Global Witness». Mitschuldig an dieser Situation seien auch Handelspartner, Abnehmerländer, internationale Rechtssysteme und – durch verbreitete Gedankenlosigkeit und gleichgültigen Einkauf – nicht zuletzt auch die Konsumenten.
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Diesen Beitrag hat Daniela Gschweng aufgrund eines Berichts von «Global Witness» und anderer Quellen erstellt.

Eine Meinung zu

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    am 25.Aug.2018 um 11:20 pm
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    In diesem Zusammenhang möchte ich noch auf die zwielichtige Rolle des WWF hinweisen:
    "In der ganzen Region werden Baka und ihre Nachbarn von ihrem angestammten Land vertrieben. Ihnen drohen Festnahmen und Schläge, Folter und sogar Tod, während Trophäenjagd auf Großwild unterstützt wird. Auch der WWF-Treuhänder Peter Flack hat in der Region bereits Elefanten gejagt.
    Survivals Direktor Stephen Corry sagte: „In ganz Afrika heißt man reiche Trophäenjäger*innen in Gebieten willkommen, aus denen indigene Jäger*innen illegal vertrieben wurden und die Gewalt erlebt haben, weil sie jagen, um ihre Familien zu ernähren."
    https://www.survivalinternational.de/nachrichten/11492

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