Klima: Medien verführen mit der Wortwahl zu passivem Verhalten

Die Begriffe «Klimawandel» oder «Klimaerwärmung» verharmlosen das Problem, schreibt eine deutsche Sprachforscherin.

Der Klimawandel raubte Herrn und Frau Schweizer bis vor kurzem kaum den Schlaf. Obschon die steigenden Temperaturen auch die Schweiz mit Wucht treffen: längere Hitzeperioden, abgeschmolzene Gletscher und im globalen Rahmen betrachtet viel mehr Flüchtlinge. Doch gemäss Sorgenbarometer 2018 von gfs.bern und Credit Suisse sorgte sich die Bevölkerung mehr um die Zukunft der AHV sowie Krankenkassenprämien und Ausländer. Erst seit dem Klimastreik ist der Temperaturanstieg zum Topthema geworden.

Eine «Glückspille» für alle Verharmloser

Vielleicht sollten die Klimaforscher, die sich häufig kompliziert und schwer verständlich ausdrücken, das Buch «Politisches Framing»* der deutschen Sprachforscherin Elisabeth Wehling lesen, die an der Uni Berkeley forscht. Darin erklärt sie, wie die Wahl von Worten unser Denken fundamental beeinflusst. In der Kommunikationsforschung redet man von «Framing», von Einrahmungen, die einem Wort erst Sinn geben. Nicht Fakten entscheiden über Entscheide, sondern Einbettungen. Begriffe sind dabei zentral.

Begriffe wie «Klimawandel» und «Klimaerwärmung», die das Problem benennen, sind ungeschickt gewählt, ja sie verharmlosen es sogar. Dies ist Wehlings vernichtendes Fazit. So sei der Begriff «Wandel» neutral, die Dinge könnten sich zum Guten oder zum Schlechten verändern. Auch hat der Wandel nach gängigem Manager-Latein ja immer auch seine positiven Seiten, wie man anfügen könnte.

Noch schlimmer sei der Ausdruck «Klimaerwärmung» oder «Erderwärmung». Wärme sei ein durchgehend positiv besetztes Konzept, schreibt Wehling. Wenn uns warm sei, dann gehe es uns gut. Hitze und Kälte dagegen seien unangenehm. Zudem schwingt die emotionale Erwärmung mit, die Zuneigung.
Wehling bezeichnet den Begriff, der analog im Englischen als «Global Warming» verwendet wird, als «Glückspille» für alle, welche die Gefahren des Klimawandels verharmlosen. Sie schlägt vor, stattdessen von «Klimaerhitzung» oder «Erderhitzung» zu reden.
Solche Überlegungen sind nicht einfach als Wortklaubereien abzutun. Wehling stützt sich bei ihren Überlegungen auf neue Erkenntnisse der Erforschung menschlichen Denkens und Entscheidens – auf die Kognitionsforschung. Diese nahm ihren Anfang in Kalifornien, Wehling ist selbst in diesem Bereich tätig.

Die Realität der selektiven Wahrnehmung

Demnach werden politische Entscheidungen nicht rational aufgrund von Fakten gefällt, wie viele lange dachten. Sondern durch Einrahmungen (Frames), die wir den Fakten verleihen. Wir ordnen Informationen im Verhältnis zu unseren körperlichen Erfahrungen und unserem Wissen über die Welt ein. Dabei seien solche Deutungsrahmen immer selektiv, so Wehling: «Sie heben bestimmte Fakten und Realitäten hervor und lassen andere unter den Tisch fallen.»

Mit anderen Worten: Sprache ist hochpolitisch. Wehling knüpft damit an das an, was der CDU-Politiker Kurt Biedenkopf schon 1973 als das «Besetzen von Begriffen» bezeichnete und was seitdem zum Einmaleins von Politik-Strategen gehört, wie der Medienwissenschafter Stephan Russ-Mohl im «Schweizer Journalist» geschrieben hatte.

«Flüchtlingswellen» als Naturgewalt

Die Forscherin ist zwar zu Beginn des Jahres wegen eines umstrittenen «Framing-Manuals» für die deutsche ARD in die Kritik geraten. Ihre Analyse sprachlicher Einrahmungen in der politischen Debatte bleibt aber gültig. Sie kritisiert in dem Buch zum Beispiel, dass in Begriffen wie «Flüchtlingswelle» und «Flüchtlingsflut» Geflohene mit Wassermassen in Verbindung gebracht werden. Dabei würden sie metaphorisch als Naturgewalt dargestellt, die Bedrohung und Not der Betroffenen dagegen ausgeblendet. Auch wenn Wehling in vielen Fällen keine geeigneteren Begriffe vorschlägt, macht sie klar, dass neue Ansätze in der Politik auch einer neuen Sprache bedürfen.

Die AKW-Befürworter haben dies schon lange erkannt: Die Befürworter des Ausstiegs sprechen konsequent von Atomenergie, die Gegner von Kernenergie – was viel positiver klingt, weil auch kerngesund mitschwingt. Aus «hochradioaktiv» erfanden sie «hochaktiv» – was positiv konnektiert ist und sogar von vielen Medien übernommen wird.
Wer die Folgen der gesteigerten Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre ernst nimmt, kann davon lernen. Er sollte künftig von Klimaerhitzung oder vielleicht auch Klimakrise reden.
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Dieser Beitrag war zuerst in etwas anderer Form in der «TagesWoche» erschienen. Der Autor Stefan Boss ist freischaffender Journalist in Basel.
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Siehe auch:
Jürg Müller-Muralt: «Sprachliches Gift aus der rechten Küche», 1.4.2016
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*Elisabeth Wehling: «Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht». Herbert von Halem Verlag, Köln 2016.

Zum Infosperber-Dossier:

Die Klimapolitik kritisch hinterfragt

Die Menschen beschleunigen die Erwärmung der Erde. Doch kurzfristige Interessen verhindern griffige Massnahmen.

3 Meinungen

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    am 14.Aug.2019 um 11:48 pm
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    Sogar wenn man es Klimatod (vergleiche auch Atomkriegsuhr, derzeit 11:58) nennen würde, gegen die ursächliche Krankheit unserer selbstzerstörerischen Ära (vergleiche das Experiment Universum 25), Gleichgültigkeit (Agonie), hilft auch kein Buchstabenalarm.
    https://www.youtube.com/watch?v=PlL8HgI3W6k

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    am 14.Aug.2019 um 12:48 pm
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    Bravo! Endlich wird die verharmlosende Wortwahl und die Unfähigkeit der Wissenschaftler politisch wirksam zu kommunizieren fundiert kritisiert.

    In meinem dystopischen/utopischen Roman “Heißzeit”, 2015, Passagen Verlag Wien, habe ich von Klimakatastrophe und Klimaeskalation geschrieben. Gut wäre auch Klimaüberhitzung. Die fiktive Erzählung versucht anhand einer glücklich/tragischen Familiengeschichte aufzuzeigen, wie es in etwa 250 Jahren auf der Welt aussehen wird wenn sich die schlimmen heutigen Prognosen bewahrheitet haben. Die Weltbevölkerung wird auf die Hälfte der heutigen schrumpfen infolge der vielfältigen unheilvollen und schrecklichen Auswirkungen der Klimaeskalation. Siehe auch die Vorausahnungen und Berechnungen des deutschen Demografen Rainer Klingholz in seinem Buch “Sklaven des Wachstums”.

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