Palmöl oder Rapsöl ins Auto: Beides ist Unsinn

Französische Bauern protestieren gegen Importe von Palmöl. Es geht ihnen aber ums eigene Geschäft, nicht um die Umwelt.

Seit dem 10. Juni blockieren Tausende Bauern in ganz Frankreich insgesamt 18 Raffinerien und Öllager. Mit den Störaktionen protestieren sie gegen den Import von Palmöl aus Asien, das zur Herstellung von Agrar-Treibstoffen gebraucht werden soll. Statt des ausländischen Palmöls wollen die Bauern ihr einheimisches Rapsöl in die Autos bringen.

Auslöser für die Protestaktionen ist die Ankündigung der international tätigen «Total»-Gruppe, ab diesem Sommer in einer Raffinerie in Bouches-du-Rhône 500’000 Tonnen Agrardiesel, schönfärberisch Biodiesel genannt, pro Jahr produzieren zu wollen – auf der Grundlage von importiertem Palmöl.

Christiane Lampert, Präsidentin des französischen Bauerndachverbandes (FNSEA), begründet ihre Opposition gegen die Palmöl-Importe in erster Linie mit fehlender Qualität und Transparenz bei der Produktion. Nach dreistündigen Verhandlungen wies Lampert am 13. Juni einen Vorschlag des französischen Landwirtschaftsministers als «ungenügend» zurück.

Inzwischen hat der FNSEA ein vorläufiges Ende der Blockaden angekündigt. Der Dachverband droht, die Bauern würden die Störaktionen erneut aufnehmen – wenn die Regierung ihre Vorschläge nicht konkretisiere. Der Streit schwelt weiter.

Rapsöl statt Palmöl ist die falsche Alternative
Die Gewinnung von Palmöl führt zu massiven Umweltproblemen. Riesige Flächen des Regenwalds werden abgeholzt, vom Aussterben bedrohte Tiere verlieren ihren Lebensraum. Uralte CO2-Speicher entleeren sich in die Atmosphäre. Palmöl dürfte eigentlich keine Alternative sein – und ist trotzdem in vielen Produkten zu finden. Nun ist Agrar-Treibstoff dazu gekommen.

Seit die EU im Jahr 2009 ein Gesetz erlassen hat, um «Biodiesel» zu fördern, stieg der Anteil des Palmöls, das zur Herstellung von Agrar-Treibstoff gebraucht wird, um das Fünffache: 2008 lag der Verbrauch bei 825’000 Tonnen, im Jahr 2017 bereits bei 3.9 Millionen Tonnen. Europas Fahrzeuge verbrennen bereits heute 38-mal mehr Palmöl, als Nutella weltweit verarbeitet. Und 16-mal mehr als Unilever, dem weltweit grössten Verbraucher von Palmöl in der Lebensmittelindustrie. Dabei ist Palmöl keine nachhaltige Ressource.

Aber auch die Bilanz der industriellen Landwirtschaft in Frankreich, die von der FNSEA mit allen Mitteln verteidigt wird, fällt zu Ungunsten der Natur aus.

Die intensive von der FNSEA befürwortete Tierhaltung ist mit ein Grund für die Entwaldung. Die Herden brauchen Nahrung, also braucht es neue Flächen, auf denen Soja angebaut werden kann. Aber auch die Rapsfelder in Frankreich belasten die Umwelt: Zur Schädlingsbekämpfung wird Raps grossflächig mit dem Insektizid Neonikotinoid besprüht. Zwar wird das Gift, welches das zentrale Nervensystem von Insekten angreift, bald verboten. Bis das Verbot umgesetzt wird, dürfen die Bauern die schädliche Substanz aber weiterhin sprühen.

Auch der Rapsanbau trägt zur Veränderung der Landnutzung bei. Wird ein Hektar einer Nahrungsmittel-Bepflanzung plötzlich zur Produktion von Agrar-Treibstoff eingesetzt, muss dieser Ausfall irgendwo auf der Welt mit dem Anbau von zusätzlichen Kulturen kompensiert werden. Diese Kompensation stellt eine indirekte Quelle der Entwaldung dar, die wiederum eine Quelle von CO2-Emissionen ist.

Deshalb wird die Klimabilanz von Agrar-Treibstoff von den meisten Umwelt-NGOs als sehr schlecht angesehen.

Die industrialisierte Landwirtschaft von Frankreich zerstört die Böden durch Monokultur und sättigt sie mit Düngemitteln sowie Pestiziden. So werden Wasserressourcen verunreinigt, die in Zeiten des Klimawandels immer wertvoller werden.

Damit ist Rapsöl kein unproblematischer Rohstoff. Palmöl ist es aber noch weniger. Wenn nun die französischen Bauern und die Ölgesellschaft «Total» um den Agrar-Treibstoff-Markt in Frankreich streiten, hat die Natur schon verloren – trotz irreführender Begriffe wie «Biodiesel» oder «Biokraftstoff».

Den Bauern Frankreich geht es ums Geld
Die bisherigen Produzenten von französischen Agrar-Treibstoffen stellen ihre Produkte aus Rapsöl her. Diese sind an sich bereits teurer als das Palmöl, das die Ölgesellschaft «Total» in grossen Mengen aus Malaysia und Indonesien importieren will. Dazu kommt, dass «Total» den Agrar-Treibstoff mit der Technik der Hydrobehandlung von Pflanzenöl (HVO) produzieren wird. Die einheimischen Bauern können nicht mithalten, sie arbeiten mit der Veresterung, einer zehn Jahre alten Technologie.

Nicht nur deshalb kämpfen die Bauern vehement um «ihren» Markt. Die französischen Landwirte profitieren seit einigen Jahren von einer starken Unterstützungspolitik, die ihnen helfen soll, ihre Rapskulturen zu entwickeln. Damit wollte die Regierung die Auswirkungen der eingefrorenen PAC-Reform ausgleichen. Und es ausserdem schaffen, die europäischen Klimaziele zu erreichen: Bis 2020 müssen zehn Prozent des Verkehrs mit erneuerbaren Energien rollen.

Wie der französische Rechnungshof in einem Rapport von 2016 schreibt, erhöhten sich die kumulierten Steuerbefreiungen für die Agrar-Treibstoffe zwischen 2005 und 2014 um 3,6 Milliarden Euro. Davon entfallen 2.3 Milliarden Euro an den Biodieselsektor: Es ist vor allem die Avril-Gruppe, die von diesem Geld profitiert. Bis zu seinem Tod wurde «Avril» vom ehemaligen FNSEA-Präsidenten Xavier Beulin geleitet und besitzt bei der Herstellung von «Biodiesel» in Frankreich ein faktisches Monopol.

Wirtschaftsmodell ist bedroht
Sylvain Angerand von «Amis de la Terre» erklärt im Online-Magazin «mediapart», die öffentliche Unterstützung für Agrar-Treibstoffe habe einen verzerrten Markt geschaffen. So sei es wirtschaftlich rentabler, Rapsöl zu produzieren und daraus Kraftstoff herzustellen, anstatt den Raps zur Herstellung von Speiseöl zu verwenden.

Dieses Wirtschaftsmodell wird nun von der Globalisierung bedroht. «Total» wird sein billig importiertes Palmöl zum Nachteil der französischen Industrie verkaufen. Deshalb gibt sich der FNSEA in seiner Mitteilung nicht nur als Verfechter von Transparenz und Qualität. Vielmehr geisselt der Bauerndachverband diverse EU-Freihandelsabkommen, welche «die Einfuhr von Produkten mit 46 verbotenen Molekülen in Frankreich erlauben». Für den Verband ist klar: «Die Regierung öffnet die Türen für den verzerrten Import von Nahrungsmitteln, die nicht den französischen Produktionsstandards entsprechen.»

Dabei ist auch der einheimische Markt seit Jahren verzerrt – nur haben die Bauern bisher davon profitiert.

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