Was Steuerparadiese mit Umweltverbrechen zu tun haben

Ob illegaler Fischfang oder Abholzung des Regenwaldes, Steueroasen helfen dabei.

Steuerparadiese ermöglichen es Akteuren, bei Umweltverbrechen unerkannt zu bleiben, oder sie tragen zumindest zur Verschleierung umweltfeindlicher Aktivitäten bei. Zu diesem Schluss kommen die Autoren von «Tax heavens and global environmental degradation», über die unter anderen der «Guardian» berichtete. Die Studie zeigt auf, wie die Überfischung der Meere und die Abholzung des Amazonasregenwalds durch Steueroasen begünstigt werden.

Die Untersuchung der Rolle, die Steueroasen in Bezug auf Umwelt und Klima haben, stehe noch am Anfang, schreiben die Autoren. Dabei geht es nicht nur um Geld. Auch in der internationalen Fischerei kann es nützlich sein, die eigene Identität zu verheimlichen oder eine andere anzunehmen. Schiffsbesitzer bedienen sich dazu der Ausflaggung, die es dem Eigentümer erlaubt, sein Schiff unter anderer Flagge fahren zu lassen als der des Heimatlandes des Eigentümers (siehe Kasten). Das ermöglicht, strengen Regulierungen auszuweichen. Das Schiff hisst die Flagge eines Steuerparadieses. Wer wo wieviel Fisch fängt und an wen er verkauft, ist so schwer nachzuvollziehen.

Unter der Flagge des Steuerparadieses

Mehr als 30 Prozent der kommerziellen Fischgründe sind überfischt. Einen grossen Anteil daran haben illegale, nicht gemeldete und unregulierte Fischereiaktivitäten, kurz IUU (illegal, unreported, unregulatet fishery). Zwischen 11 und 26 Millionen Tonnen illegal gefischten oder zumindest nicht gemeldeten Fangs werden schätzungsweise jedes Jahr aus den Meeren gezogen. Damit verbunden sind oft andere illegale Aktivitäten wie Bestechung, Betrug und Schmuggel.

diesem Artikel von 2014 am Beispiel von Panama. Möglichkeiten, Verstösse gegen internationales Recht oder beispielsweise auch Unfälle zu untersuchen, haben diese Länder oft nur in geringem Masse. Die Ausflaggung ist legal und wird von Reedereien auch immer wieder angedroht, um in Steuerdebatten Einfluss zu nehmen. Sie verschleiert die Besitzverhältnisse und es ist unter Umständen schwer, den wirklichen Eigentümer eines Schiffs zu finden.

Nur vier Prozent aller Schiffe weltweit sind in Steueroasen registriert. Ein grosser Anteil davon geht mindestens fragwürdigen Fischereiaktivitäten nach. 70 Prozent der Schiffe, die an IUU-Fischerei teilnehmen und einer Flagge zugeordnet werden können, fahren unter der Flagge einer Steueroase, fanden die Forscher anhand von Daten regionaler Behörden und der Interpol heraus. Die meisten davon sind in Belize und Panama registriert. Manchmal operierten Reedereien sogar mit zwei Registrierungen für dasselbe Schiff, eine für legale, eine für illegale Fischerei.


Nur vier Prozent aller registrierten Schiffe sind in Steueroasen eingetragen. Davon jedoch nehmen 70 Prozent am illegalen, ungemeldeten oder nicht regulierten Fischfang, kurz IUU, teil. (Stockholm Resilience Centre) Bild in grösserer Auflösung.

Gesetzesbrecher zu ermitteln und zur Rechenschaft zu ziehen, wird so schwierig und teuer. Die Länder, in denen die Schiffe registriert sind, haben oft laxe Vorschriften und kaum Mittel, illegalen Fischfang zu verhindern.

Dabei kommt auch eine andere Eigenschaft der Nahrungs- und Futtermittelindustrie zum Tragen: Produzenten, Verarbeiter und Händler operieren international. Hinter den Warenströmen stehen globale Netzwerke. Dahinter wiederum eine ganze Finanzierungsindustrie.

Regenwald, der durch die Bahamas verschwindet

Das «wer» zumindest ist in Amazonien bekannt. Firmen, die dort grosse Regenwaldgebiete abholzen, um anschliessend in Monokultur Futtermittel anzubauen oder Rinder zu züchten, brauchen dafür meist externes Kapital, also Darlehen oder Vorauszahlungen. Die hinter der Zerstörung von Hunderten Quadratkilometern Regenwald stehenden Finanzströme sind bislang jedoch kaum beleuchtet worden. Ein guter Teil der Finanzierung dürfte über Steuerparadiese nach Brasilien gelangt sein.

Das schwedische Forscherteam nahm sich öffentlich zugängliche Daten der brasilianischen Zentralbank von Oktober 2000 bis August 2011 vor und prüfte alle Finanztransaktionen der neun Unternehmen, die im Bereich Sojaproduktion und Rinderzucht den grössten Marktanteil haben. Ein anderes Auswahlkriterium gab es nicht. Im untersuchten Zeitraum flossen 30 Milliarden Dollar an ausländischem Kapital an die betreffenden Unternehmen, 18 Milliarden davon über eine oder mehrere Steueroasen.


Zwischen Oktober 2000 und August 2011 flossen Milliarden an ausländischem Kapital über Steueroasen an neun brasilianische Unternehmen, der grösste Teil davon über die Cayman-Inseln und die Bahamas. (Stockholm Resilience Centre) Bild in grösserer Auflösung.

68 Prozent des ausländischen Kapitals, schätzen die Autoren der Studie, sei über Steueroasen an die ausgewählten Firmen gelangt. Das nachzuvollziehen, schreiben sie, sei nicht ganz einfach. Sie verdeutlichen es aber mit mehreren Beispielen. Für die Unternehmen hat der Weg über eine Steueroase mehrere Vorteile: Sie sparen Steuern und Gebühren, können sich über Subunternehmen selbst Darlehen vergeben, Profite verschieben und – nicht zuletzt – der Investor kann anonym bleiben.

Zu sagen, wofür genau die Gelder verwendet wurden, sei aufgrund fehlender Transparenz «unmöglich herauszufinden». Eine direkte Kausalität zwischen Finanztransfer aus Steueroasen und Landnutzung zu finden sei daher derzeit schwierig. Endgültige Beweise gibt es also (noch) nicht.

Was fehlt: Transparenz

Victor Galaz, Hauptautor der Studie, sagte in einer Pressemitteilung: «Unsere Analyse zeigt, dass die Nutzung von Steueroasen nicht nur eine gesellschaftspolitische und wirtschaftliche, sondern auch eine ökologische Herausforderung ist. Das Finanzgeheimnis behindert jedoch die Möglichkeit, zu analysieren, wie sich Finanzströme auf die wirtschaftlichen Aktivitäten vor Ort und deren Umweltauswirkungen auswirken.»

Zum Infosperber-Dossier:

Steueroasen für Konzerne und Reiche

Steuerhinterzieher auf der Politagenda: Die grössten verstecken ihre Identität mit verschachtelten Trusts.

3 Meinungen

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    am 2.Nov.2018 um 10:44 pm
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    @Studer: Vielen Dank für diese interessanten und wichtigen Ergänzungen!

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    am 1.Nov.2018 um 1:40 pm
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    Kein Staat und keine supranationale Organisation hat das Zerstörungspotential der Fischerei wirklich im Griff. Selbst das für sein Fischereimanagement gern gerühmte Neuseeland musste sich unlängst von renommiertem Fischereibiologen vorwerfen lassen, dass während der letzten sechzig Jahre die effektiv gefischte Menge an Hoki-Seehecht mehr als doppelt so grosse gewesne sie wie offiziell ausgewiesen. Wie soll denn da erst illegales Fischen verhindert werden, wenn nicht mit einer hochgerüsteten internationalen Meerespolizei? Es geht nicht bloss um ein paar Fische, sondern um eines der grossen globalen Geschäfte. Allein die Exporte von Fisch beliefen sich im Jahr 2017 weltweit auf 152 Milliarden Dollar. Auch im illegalen Handel spielt Fisch nach Waffen und Drogen eine bedeutende Rolle.

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    am 1.Nov.2018 um 1:18 pm
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    Interessanter Artikel, danke!
    Eine Anmerkung: Gemäss den neusten Daten der UNO-Landwirtschafts- und Ernährungs-Organisation (FAO) sind 33 Prozent der kommerziell genutzten Fischbestände überfischt, das heisst: Die betroffene Population der Zielfischart wird über ihre Vermehrungsrate hinaus ausgebeutet, wird also weiter schrumpfen.
    Eine Untersuchung zeigte vor wenigen Jahren, dass das Bild weit schlimmer aussieht. Wenn man – anders als die FAO – nicht nur die kommerziell genutzten, sondern alle Fischarten berücksichtigt, sind 58 Prozent der Bestände überfischt.* Im Klartext heisst das: Die heutige Fischerei dezimiert vor allem auch für sie wertlose Arten, welche sie über Bord wirft und die dann in der marinen Nahrungskette als Futter für die Zielarten fehlen.
    * siehe http://www.fair-fish.ch/de/wissen/fang/ueberfischt1/
    Noch ein Wort zu den laut FAO 67 Prozent nicht überfischten Beständen: Der allergrösste Teil dieser Bestände wird bis an die Grenze ihrer biologischen Leistungsfähigkeit genutzt, das heisst: Wird die Nutzung noch ein wenig gesteigert, wird der Bestand überfischt. Wie drastisch die Lage ist, wird daraus deutlich, dass nur noch 7 Prozent aller Bestände nicht bis zum Maximum genutzt werden; vor vierzig Jahren gehörten noch 40 Prozent der Bestände zu dieser Kategorie…

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